Kann wirklich Interventionismus die Rettung sein?

Österreich und viele andere europäische Länder stöhnen unter den Energiepreisen, ein Preisdeckel soll das Problem lösen. Ob das so schlau ist? Die Verhandlungen dazu sind zäh – ebenso wie die der Kollektivvertrags-„Partner“. Erste Streiks lähmen bereits Wirtschaft und Alltagsleben, während man sich in anderen Ländern bereits die Hände reibt: ist Österreich als Industriestandort bald Geschichte?

Redaktion: Angelika Gabor

Beim Blick auf die Energiekostenabrechnung kommt derzeit vielen Österreichern das Grauen. Statt für Geschenke wird bei mehr Haushalten als je zuvor die Weihnachtsremuneration zur Abdeckung laufender Kosten herhalten müssen. Laut aktueller Umfrage des Instituts für Handel, Absatz und Marketing der Johannes Kepler Universität (JKU) Linz will mehr als ein Drittel (38 %) der Befragten bei Geschenken sparen und weniger ausgeben als zuletzt – und das, wo in der Weihnachtssaison 2021 der stationäre Handel teilweise aufgrund der Pandemie geschlossen war.

Einzelne Bundesländer – wie beispielsweise Wien – haben Unterstützungsprogramme für Private, wie den Energiebonus oder die Energiekostenpauschale. Auf Europäischer Ebene wird weiter um eine Lösung zur Eindämmung der Großhandelspreise für Gas gerungen. Auch beim letzten Treffen der EU-Energieminister im Sonderministerrat kam es (wie erwartet) zu keiner Einigung, zu sehr sind die Standpunkte der Mitgliedsblöcke voneinander entfernt. Damit steht auch die internationale Wettbewerbsfähigkeit der EU-Länder auf dem Spiel, es droht eine industrielle Abwanderung – und damit direkt und indirekt der Verlust tausender Arbeitsplätze.

So prophezeit etwa Harald Mahrer, u.a. Präsident der österreichischen Bundeswirtschaftskammer, dass die Wettbewerbsfähigkeit mit dem Rest der Welt in vielen zentralen Bereichen verloren ginge, wenn nicht rasch gemeinsame Schritte aller EU-Staaten erfolgten. Alternativ müsste es seiner Meinung nach in Österreich ähnlich wie in Deutschland, mit dessen Wirtschaft wir besonders eng verbunden sind, ein nationales Rettungsprogramm geben. Im am 22. November präsentierten Vorschlag der EU-Kommission beinhaltet die Einführung eines „Preiskontrollmechanismus“ im Großhandel: im Unterschied zum von beispielsweise Frankreich, Griechenland und Spanien geforderten absoluten Gaspreisdeckel mit direkter staatlicher Subvention der Verbraucherpreise für Industrie und Haushalte sieht dieser Mechanismus erst dann ein Eingreifen vor, wenn der Referenzmarktpreis für LNG-Gas in den Niederlanden bei 275 Euro pro Megawattstunde liegt – und zwei Wochen lang 58 Euro über der globalen Benchmark.

Das dann vorgesehene automatische Aussetzen des Großhandels mit Gas soll zu einer Marktberuhigung führen. Denn ein absoluter Preisdeckel könnte zu Versorgungslücken führen, wenn Händler aufgrund des aus ihrer Sicht zu geringen Gewinnes die Belieferung einfach einstellen würden, weshalb sich Deutschland, Österreich, Ungarn, Bulgarien und die Niederlande vehement dagegen aussprechen. Am Schluss war man sich einig, dass man sich nicht einig war – und dass im Dezember der nächste Sonderministerrat zum Thema „Gaspreisdeckel/Marktkorrekturmaßnahme“ stattfindet.

Einzige Ergebnisse: eine Beschleunigung der Genehmigungsverfahren für die Erzeugung erneuerbarer Energie und ein Solidaritätsplan, quasi eine Beistandspflicht bei schweren Gasversorgungskrisen. Man hat fast den Eindruck, dass so lange gewartet wird, dass sich das Problem von selbst löst. Vielleicht haben die Entscheidungsträger die Hoffnung, dass Putin sich noch vor Wintereinbruch komplett zurückzieht und erklärt, es habe sich um ein Missverständnis gehandelt. Die Sanktionen enden, Gas fließt wieder normal, die Preise sinken und alle stoßen mit einem zünftigen Sbiten (traditionelles russisches Getränk auf Honigbasis) auf das gegenseitige Wohl an. Noch ein paar nette Schulterklopfer und der Wiederaufbau kann beginnen.

Mehr Staat vs. freier Markt.
Die erfolgreiche freie Marktwirtschaft beruht darauf, dass Angebot und Nachfrage sich selbst und damit die Preise regulieren. Das stimmt auch, wenn allerdings ein unvorhergesehenes Ereignis wie der Krieg in der Ukraine und damit einhergehendes Chaos auf gewissen Märkten samt eklatanter Verknappung die Preise unverhältnismäßig in die Höhe schnellen lassen, wird der Ruf nach „mehr Staat“ und Regulierung von oben laut. Denn eigentlich soll der Staat im System der freien Marktwirtschaft lediglich die Bürger vor gewaltsamen Angriffen von innen und außen verteidigen.

In gewisser Weise könnte man aber sagen, dass unleistbare Energiepreise ein Angriff auf das Wohl und den Lebensstandard des Einzelnen bedeuten und ein Eingreifen durchaus gerechtfertigt ist. Ähnlich wie früher ein weiser König die Geschicke seiner Untertanen lenkte, wird nun eine staatliche Lösung für wirtschaftliche Probleme herbeigesehnt. Diese Eingriffe weit über die Erhaltung der Rechtsstaatlichkeit hinaus nennt man Interventionismus. Was verlockend klingt, birgt durchaus Gefahren: der Eingriff in die Preisbildung und Gewinne – Stichwort Übergewinnsteuer – unterbricht den reibungslosen Ablauf der Marktwirtschaftsprinzipien. Was zu mehr Angebot führen soll, kann den gegenteiligen Effekt bewirken und einen ganzen Rattenschwanz an Folgen nach sich ziehen. Im aktuellen Fall würde das bedeuten, dass einfach weniger Gas nach Österreich geliefert wird. Würde die Regierung allerdings die Differenz zum Marktpreis aus Steuermitteln finanzieren, wäre zwar im ersten Moment dem einzelnen Verbraucher geholfen – aber im Endeffekt müssen wir es auf lange Sicht doch durch Steuererhöhungen ausbaden. So schätzt beispielsweise die deutsche Gas-Kommission die Kosten für die geplanten Entlastungen auf etwa 96 Mrd. Euro von März 2023 bis Ende April 2024. Wie man es auch dreht und wendet, die Situation ist verfahren. Gewinnabschöpfungen und Energierationalisierungen sind Gift für den Wirtschaftsstandort – welches Unternehmen siedelt sich freiwillig bei solchen Bedingungen an? Österreich gilt ohnehin als Hochpreisland – hohe Steuern, hohe Lohnnebenkosten. Und der Plafond ist nicht erreicht…

Kollektivvertrag und Streiklust.
Zum Glück leben wir nicht in Frankreich: dort gehen laut Statistik (datawrapper) pro Jahr durchschnittlich 150 Arbeitstage pro 1.000 Beschäftigte durch Streiks verloren. Während es bei unseren deutschen Nachbarn 16 Tage sind, rangiert Österreich aktuell mit 2 Streiktagen am unteren Ende der Tabelle. Sieht man sich die momentanen Kollektivvertragsverhandlungen an, könnte sich dieser Wert bald unangenehm erhöhen. Die Warnstreiks bei Brauern, Personal in Ordensspitälern und den Schienenbahnen (Personen- und Güterverkehr) sind nur der Anfang. Auch wenn in Österreich das Recht auf Streik im Arbeitskampf verfassungsrechtlich geschützt ist (Artikel 11 EMRK), hält sich das Verständnis dafür in der Bevölkerung oft in Grenzen. Sieht man sich die Diskrepanz zwischen den Positionen der Verhandler an, fragt man sich manchmal, in welcher Realität diese sich bewegen. Das Gefühl, dass der Stolz einzelner Beteiligter eine rasche Einigung verhindert, lässt sich nicht so leicht abschütteln. Fast so, als ob eine Gewerkschaft ihre Daseinsberechtigung daraus schöpft, in den Kampf zu ziehen – koste es, was es wolle.

Dabei ist die Ursprungsidee des Kollektivvertrags, der für gewöhnlich zwischen den Fachgewerkschaften des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB) und den Fachorganisationen der Wirtschaftskammer ausverhandelt wird, durchaus praktisch: statt dass jedes Unternehmen sein eigenes Süppchen kochen muss, gibt es eine Leitlinie für die gesamte Branche. Die KV-Verhandlungen für die Metallindustrie, traditionell richtungsweisend für alle rund 450 Verträge, die jährlich neu ausverhandelt werden, hatten ein sattes Plus von bis zu 8,9 Prozent der Ist-Einkommen ergeben. Die Forderungen der Handelsangestellten, Brauer und Beschäftigten der Privatkrankenanstalten liegen bei mindestens 10 Prozent Gehaltsplus. So sehr ich dieses Bedürfnis nach mehr Gehalt nachvollziehen kann – eine tote Kuh kann man nicht melken. Die Auswirkungen der Pandemie sind längst nicht vorbei. Alleine in den ersten drei Quartalen sind in Österreich 3.482 Unternehmen in eine Insolvenz geschlittert, Tendenz steigend. Man darf nicht vergessen, dass die Arbeitgeber ja nicht nur das Gehalt, sondern auch die hohen Lohnnebenkosten stemmen müssen. Ein Hebel, mit dem der Staat übrigens sehr viel bewegen könnte: durch die schon lange geforderte Senkung dieser Nebenkosten könnte man auf einen Schlag die Einkommen erhöhen und sich somit die Regulierung sparen. Durch die damit einhergehende Steigerung der Kaufkraft ist auch der Wirtschaft geholfen – und das ohne Zinsanpassung.

Wirtschaftsstandort sichern.
Im World Competitiveness Ranking des International Institute for Management Development IMD belegt Österreich im Jahr 2022 international Rang 20, Rang 11 in Europa. Das ist um einen Platz schlechter als 2021. Aktuell investiert der Chemieriese BASF gerade 10 Milliarden Euro in einen neuen Verbundstandort in der südchinesischen Provinz Guangdong. Warum nicht in Europa? Die Gründe dafür liegen klar auf der Hand: Regulierungen im Rahmen des Green Deals der EU, die gestiegenen Energiepreise und das rückläufige Wachstum in Europa machen Werke hierzulande unlukrativ. Andererseits sind Maßnahmen zum Klimaschutz dringend nötig, man kann nicht einfach darauf verzichten. Gesamtglobal betrachtet, ist es wohl egal, wo Emissionen durch Industrieanlagen entstehen. Aber im Hinblick auf den gewohnten Wohlstand können wir es uns in Österreich nicht leisten, sämtliche Produzenten zu vergraulen und somit unzählige Arbeitsplätze zu verlieren. Es ist ein schmaler Grat. Hoffentlich stürzen wir nicht ab. (AG)

LOGISTIK express Ausgabe 5/2022

 

LOGISTIK express Journal 5/2022

Wir steigern das Bruttosozialprodukt…
Ein turbulentes Jahr neigt sich dem Ende zu und mit großen Schritten gehen wir dem Jahr 2023 entgegen, das sich nicht wohlwollender präsentieren wird. Denn die Inflation ist gekommen, um zu bleiben. Lesen Sie jetzt unsere 5. LOGISTIK express Ausgabe und holen Sie sich Ihre News & Zeitschriften App – MJR MEDIA WORLD für Ihren Informationsvorsprung.

LE 5/2022

03  Inhalt / Editorial / Impressum
04  Kann wirklich Interventionismus die Rettung sein?
08  Rohstoffnachfrage: Verfügbarkeit steht über allem
12  Krise beschleunigt Digitalisierung und Omnichannel-Integration
16  Omnichannel als Chance für den lokalen Handel
20 Die erste eCommerce-Landkarte für Österreich
24 TECH DAY 2022: Gipfeltreffen der heimischen Retail-Tech-Szene
28 eCommerce boomt, aber Österreich hat (fast) nichts davon
32 Wie viel Energie uns Kaufentscheidungen kosten und wie KI helfen kann
36 KNAPP ist Technologie-Partner für effiziente E-Commerce-Logistik
40 Pick-Buddies – die neue Welt der kollaborativen Lager-Roboter
44 Cyber Days – Effizientes Omnichannel Fulfillment auch in Peak-Zeiten
48 Von Anfang an richtig: Ganzheitliche Fabriksplanung
52 IDIH Logistikreise unterstützt durch die logistic-natives ein voller Erfolg
56 Auf die Terminals kommt es an
60 In allen Häfen war Österreich
64 Zentralverband Spedition & Logistik setzt auf Kontinuität
66 Großteil der Deutschen blickt düster in die Zukunft
68 Energie- und Rohstoffpreise für einige Unternehmen ein Betriebsrisiko
70 Taiwan-Konflikt: 6 Maßnahmen gegen Lieferengpässe bei Mikrochips
72 Vielfältige Krisen machen Österreichs Finanzvorständen zu schaffen
74 Kapitalmarktausblick 2023: Zwischen Resilienz und Rezession
78 Digitale Diktatur – Digitalisierung der Währungen
82 Vielen Dank für Ihr Interesse an unseren Leistungen & Services

Wie wird Künstliche Intelligenz das Geschäftsleben beeinflussen?

Chatbots, Übersetzungssoftware und Personalised Customer Experience: Anwendungen der Künstlichen Intelligenz sind im Geschäftsalltag auf dem Vormarsch. Wie wird sich dieser Trend fortsetzen, welche Chancen bringt er mit sich – und welche Gefahren?

Derzeit sind die Anwendungsmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz noch prosaisch. Sie haben aber in den letzten Jahren massiv in unseren Geschäftsalltag Einzug gehalten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt bedeutet Künstliche Intelligenz in erster Linie die Fähigkeit, riesige Datenmengen effizient und effektiv zu verarbeiten. Darüber hinaus ist Künstliche Intelligenz nicht tatsächlich intelligent, kreativ, einfühlsam oder von sich aus zu etwas motiviert.

Tatsächlich ist eine Künstliche Intelligenz sehr dumm: Während ein Kleinkind sehr schnell lernt, was eine Katze ist und dafür wahrscheinlich nur ein einziges Beispiel benötigt, benötigt die Künstliche Intelligenz Millionen von Katzenbildern, um das Tier dann eben auch selbstständig als solches erkennen zu können. Die Intelligenz der KI liegt dann aber eben darin, dass sie derartig gigantische Datenmengen verarbeiten und dann auswerten und interpretieren kann und aufgrund dieser Auswertungen dann zielgenauere  Empfehlungen an den Menschen abgeben kann.

Dazu müssen der Künstlichen Intelligenz zunächst vom Menschen brauchbare Daten zur Verfügung gestellt werden – und das ist in Wirklichkeit keine so triviale Aufgabe. In weiterer Folge kann die Künstliche Intelligenz dann selbstständig Daten erheben und verwerten. Und jede Datenerhebung bringt neue Informationen, mit denen die KI dann wieder gefüttert werden kann: über KI erhöht sich so die Kapazität zur Datenerhebung und -verarbeitung exponentiell. Und ein verbessertes Datenmanagement, das die zunehmenden Mengen an strukturierten und unstrukturierten Daten miteinander kombiniert, erhöht die Vorhersagegenauigkeit und die Prognostizierbarkeit von Entwicklungen in der Zukunft.

Bedarfsanalyse und Absatzplanung.
Indem sie gewaltige und stets aktualisierbare Daten verwertet, kann Künstliche Intelligenz bei der Bedarfsanalyse und der Absatzplanung helfen. Besonders in der Logistik und dem Transportwesen kann auf spontane Veränderungen wie Wetterereignisse, Unfälle oder Streiks reagiert werden. Es kann analysiert werden, wie sich Angebot und Nachfrage bei Produkten, Produktgruppen oder möglichen Substitutionsprodukten entwickeln und wie man das Lager aufstocken sollte.

Auch in der Wettbewerbsanalyse können Unternehmen mithilfe von KI besser verstehen, was Konkurrenzunternehmen richtig (oder falsch) machen, und diese (zum Beispiel über deren Social Media-Präsenzen und Aktivitäten) praktisch permanent beobachten. Hierbei kann dann auch die Sentiment Analyse ins Spiel kommen, im Rahmen derer Künstliche Intelligenz Stimmungen am Markt und unter (potenziellen) Kunden registriert, ohne dass diese sie explizit äußern. So können sich Unternehmen über den Einsatz von KI Wettbewerbsvorteile verschaffen.

Besser auf Kundenbedürfnisse eingehen.
Die Interaktionsmöglichkeiten mit Kunden werden über KI reichhaltiger. Chatbots erlauben es schon jetzt, eine große Menge von Kundenanfragen zu bearbeiten; umgekehrt ist der Kundendienst eines Unternehmens so permanent erreichbar. Natürlich können Chatbots nur Standardanfragen beantworten, mit der Zunahme der Daten wächst jedoch deren Kompetenz. Mithilfe dieser Technologie können so immer personalisiertere Kundenerlebnisse geschaffen werden, „empathische“ Chatbots können gute Dienste im Beschwerdemanagement leisten, indem sie aufgebrachte Kunden „beruhigen“.

Überhaupt erlaubt die KI, individuellere Kundenprofile zu erstellen und dynamischere Kundensegmente, die es Unternehmen erlauben, ihre Zielgruppen über eine Vielzahl von Kanälen präziser anzusprechen und gezielter auf ihre Bedürfnisse einzugehen. Im Sinne von „gezieltem Einkaufen“ können dem Kunden maßgeschneiderte und relevante Produkte angeboten werden. „Gezieltes Einkaufen“ gewinnt in den aktuellen Krisenzeiten an Bedeutung. Letztlich geht es auch darum, Ressourcen zu schonen und Geld zu sparen. Auch dabei kann uns die Künstliche Intelligenz helfen, indem sie uns immer besser auf uns zugeschnittene Angebote vermittelt – oder Produzenten und Händler rechtzeitig auf kommende Marktentwicklungen oder auf Versorgungsengpässe vorbereitet. Bereits heute stellen die B2B-Plattformen wlw (ehemals «Wer liefert was») und europages große Mengen von Daten zur Verfügung, um gewerbliche Einkäufermit den passenden Produkten und Dienstleistungen zusammenzubringen. Das Unternehmen Visable als Träger der beiden Plattformen nutzt selbst KI-Programme zur Pflege der Daten, beispielsweise zur Bereitstellung von Schlüsselwörtern für die Datensuche oder zur Eliminierung von Duplikaten.

Effizienteres Arbeiten dank Stimmerkennung.
Ein anderer Bereich der KI ist die Stimmerkennung. Über Natural Language Processing (NLP) kann Künstliche Intelligenz Einzelpersonen individuell – über deren Stimmen – erkennen. Und das, mit zunehmender Reife der KI, dann auch, wenn schnell und hektisch gesprochen wird. Die Künstliche Intelligenz kann auf Unternehmensseite so genutzt werden, um Sitzungsprotokolle anzufertigen. Darüber hinaus kann (zukünftige) KI dann auch selbstständig Texte erstellen, zusammenfassen, die wichtigsten Eckpunkte herausheben und in mehrere Sprachen übersetzen. Die Künstliche Intelligenz kann in Videokonferenzen Gesichter und Stimmen erkennen, Störgeräusche rausfiltern, Umgebungen und Hintergründe anpassen und möglicherweise auch simultan übersetzen.

Veränderungen in diversen Geschäftsbereichen.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich KI auf die unterschiedlichsten Geschäftsbereiche auswirkt. Durch die Analyse von Daten kann Künstliche Intelligenz bei der Bedarfsplanung und Absatzanalyse helfen, besser vorhersagen, was wo wann gebraucht wird und wie es am besten geliefert werden könnte. KI wird Prozesse optimieren und helfen, Kosten zu sparen und Ressourcen zu schonen. Die Automatisierung von sich wiederholenden und fehleranfälligen Aufgaben wird zu weniger Ausfällen führen und eine gleichbleibende Qualität gewährleisten. KI wird Effizienz und Effektivität des Marketings erhöhen, zu besseren Ergebnissen führen und es können neue Erfahrungen für Kunden geschaffen werden. Sie kann auch die Cybersicherheit verbessern – wenngleich natürlich auch eben hier neue Bedrohungen schaffen, indem sich Künstliche Intelligenz auch für den Angriff auf Cybersysteme nutzen lässt. Einstweilen dürfte die Bilanz der Qualitäten, die sich über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Geschäftsleben ergeben, eine positive sein. (RED)

LOGISTIK express Journal 4/2022

Mehr Effizienz in der Logistik dank Künstlicher Intelligenz

Die Logistik ist ein geradezu idealer Anwendungsfall für Künstliche Intelligenz. Aufgrund ihres enormen Potenzials, Prozesse zu optimieren, Störungen und Fehler im System rechtzeitig zu erkennen und zu beheben sowie Kosten zu senken, wird sie von der Mehrheit der Entscheidungsträger innerhalb der nächsten zehn Jahre als unverzichtbarer Bestandteil der Branche angesehen. Auch aufgrund ihres Potenzials, neue, attraktivere Arbeitsplätze entstehen zu lassen.

Die Corona-Krise war und ist auch eine Krise der globalen Lieferketten und der Logistik. Sie kann jedoch auch als Weckruf verstanden werden: Immer ausgefeiltere Supply-Chain-Systeme sind in einem volatilen Umfeld und angesichts von Schwankungen bei Angebot und Nachfrage (nicht zuletzt auch aufgrund des Klimawandels oder wegen geopolitischer Rivalitäten) umso verletzlicher. Systeme der Künstlichen Intelligenz bieten jedoch ungeahnte Möglichkeiten, auf rasche Veränderungen schnell zu reagieren – beziehungsweise sie vorherzusehen und auch im Nicht-Krisenmodus die Abläufe effizienter zu organisieren, Ressourcen zu sparen und Kosten zu senken.

 

Die Logistik als idealer Anwendungsfall für die Künstliche Intelligenz.
Logistiksysteme sind Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge, die zwar eindeutig, aber aufgrund ihrer Komplexität für den Menschen und für herkömmliche Methoden der Operations Research kaum überschaubar sind. Welche Auswirkungen haben ein Stau, ein Materialschaden bei einer Maschine oder ein Streik in einem Hafen an einem anderen Ende der Welt für das Gesamtsystem? Wie kann es rasch erneut in sich abgestimmt werden? Systeme der Künstlichen Intelligenz werden das in Zukunft immer genauer berechnen können.

Mehr noch: Wie werden sich aufgrund von Ernteausfällen oder Rekordernten, Wechselkursentwicklungen oder Themen, die in den Sozialen Medien gerade virulent sind, Angebot und Nachfrage nach bestimmten Gütern (auseinander) entwickeln? Künstliche Intelligenz kann nicht nur Prozesse optimieren sondern auch in der Bedarfsprognose und der Absatzplanung eingesetzt werden.

Intelligente Algorithmen, hohe Rechenleistung und Big Data.
Möglich ist dieser Einsatz von Künstlicher Intelligenz durch mehrere Faktoren: Einer hohen und ständig zunehmenden Rechenleistung und Speicherkapazität, Big Data und intelligenten Algorithmen. Die Rechenleistung von Computern und Chips potenziert sich fortwährend – bis zum Jahr 2040 könnte sie gegenüber heute um einen Faktor 1000 zugenommen haben.

Nicht nur durch das Internet und durch soziale Medien, sondern auch über Sensoren und Systeme der Echtzeitdatenübermittlung kann auf gewaltige und stets aktuelle Datenmengen und auch auf aussagekräftige Datenreihen zugegriffen werden – das ist «Big Data». Bei Logistikprozessen selbst werden täglich riesige Mengen an Daten produziert. Basierend darauf können Aussagen getroffen werden, wie sich Systeme über die Zeit hinweg verhalten und auf welche Einflussfaktoren und Veränderungen sie wie reagieren.

Es gibt je länger je mehr Datenquellen, die bald neues Potenzial zur Effizienzsteigerung in der Logistik bieten können. So stellen beispielsweise die B2B-Plattformen wlw (ehemals «Wer liefert was») und EUROPAGES grosse Mengen an Daten zu Rohstoffen und Produkten zur Verfügung. Neben detaillierten Spezifikationen sind auch Preise und Lieferzeiten enthalten. Es ist absehbar, dass die Daten dieser beiden Plattformen des Plattformanbieters Visable in Zukunft genutzt werden können, um Lagerbestände durch Künstliche Intelligenz effizient zu bewirtschaften. Es sind dann Nachbestellungen zum besten Preis termingerecht und automatisiert möglich.

Notwendig dafür ist die Verfügbarkeit von qualitativ hochwertigen Daten. Denn Datenquantität ist nicht gleich Datenqualität. «Es ist wichtig, eine adäquate Vorauswahl zu treffen, welche Daten benötigt werden. Zudem muss sichergestellt sein, dass diese Daten in genügender Qualität vorhanden sind», berichtet der CTO von Visable, Daniel Keller. «Visable hat für die Datensammlung begonnen, Künstliche Intelligenz zu nutzen, um relevante Daten als solche zu identifizieren – im Sinne eines Lernprozesses über intelligente Algorithmen», erklärt Daniel Keller.

Intelligente Algorithmen bedeutet, dass Künstliche Intelligenz, die auf diesen Algorithmen beruht, die Ergebnisse, die sie produziert und die Prognosen, die sie aufgrund einer Auswertung von Daten trifft, mit dem realen Wert vergleicht, aus ihren Fehlern lernt und sich so selbst fortwährend optimiert. Es bedeutet auch, dass Künstliche Intelligenz Echtzeitdaten verarbeiten und so instantan reagieren kann. Das heisst nicht, dass Künstliche Intelligenz deswegen ein Bewusstsein entwickelt. Im Hinblick auf ihre Rechenkapazitäten ist sie den kognitiven Fähigkeiten des Menschen jedoch bei weitem überlegen.

Vielfältige Anwendungsgebiete zur Effizienzsteigerung in der Logistik.
Künstliche Intelligenz kann aber noch für viel breitere Anwendungsgebiete als die simple Lagerbewirtschaftung genutzt werden. Zunächst können Systeme der Künstlichen Intelligenz Transportrouten (innerhalb und ausserhalb des Lagers) planen und, im Zusammenhang mit unerwarteten Ereignissen, neu berechnen. Ankunftszeiten können noch genauer vorhergesagt werden. Systeme der KI können leicht erkennen, wenn bestimmte Produkte oder Komponenten im Lager rar werden – und die möglichen Auswirkungen auf andere Produkte oder Komponenten im Logistikzyklus vorhersehen – und diese dann rechtzeitig aufstocken. Genauso können Überkapazitäten erkannt werden.

Im Sinne von «Predictive Maintainance» kann Künstliche Intelligenz Maschinenausfälle vorhersehen und darüber hinaus effizient die Timeslots für die entsprechenden rechtzeitigen Wartungsarbeiten innerhalb des Gesamtprozesses einteilen. Autonome Drohnen können Inventuren erledigen und Bilder zur Schadensprüfung aufnehmen. Chatbots können Anfragen von Paketempfängern entgegennehmen. Das Sortieren von Waren und Komponenten im Lager ist für den Menschen eine zeitintensive Aufgabe. Hier können Roboter die Vorsortierung übernehmen. Darüber hinaus können sie besser erkennen, welche Produkte oder Komponenten gerade stärker nachgefragt werden und diese näher am Ein-/Ausgang platzieren, um Wegzeit zu sparen.

Und neben dieser Prozess- und Transportoptimierung kann Künstliche Intelligenz eben in der Bedarfsprognose und Absatzplanung eingesetzt werden. Durch Big Data kann besser vorhergesehen werden, wer wann wo was braucht; wo es in nächster Zeit bei bestimmten Produkten zu einem Nachfrageüberhang oder aber –defizit kommen könnte. Damit kann sie nicht nur in bestehende Prozesse eingreifen und diese optimieren, sondern Ressourcen und Kapazitäten auch in die jeweilige Zukunft hinein besser aufteilen. Das würde bedeuten, dass Künstliche Intelligenz in der Logistik nicht allein innerbetriebliche Probleme und Engpässe sondern vielleicht sogar gesamtwirtschaftliche Abschwünge oder Volatilitäten besser abfedern könnte. Anhand dieser Beispiele sieht man auch, dass Künstliche Intelligenz menschliche Arbeit im Grossen und Ganzen nicht ersetzen wird. Sie wird die menschliche Arbeit vielmehr unterstützen.

Entscheidungsträger nehmen noch eine abwartende Haltung ein.
Trotz des hohen Potenzials von Künstlicher Intelligenz handelt es sich im Wesentlichen um eine neue Technologie, deren volle Entfaltung noch in der Zukunft liegt und deren Möglichkeiten, Risiken und Nebenwirkungen noch nicht ganz verstanden werden. So ist es dann vielleicht auch weniger verwunderlich, dass viele Unternehmen noch zögern, Künstliche Intelligenz zu implementieren. Laut einer Studie des Magazins Logistik heute und INFORM wenden nur 26 Prozent der befragten Betriebe in Deutschland Künstliche Intelligenz in ihrer Logistik an. Dabei gibt mehr als die Hälfte der Befragten (54 Prozent) an, dass ihnen das entsprechende Know-how fehlen würde. Als weitere Hindernisse werden hohe Kosten (46 Prozent), eine unzureichende IT-Infrastruktur (44 Prozent) und ein Mangel an zeitlichen Ressourcen (38 Prozent) genannt. Aus einer Bitkom-Studie aus dem Jahr 2019 geht jedoch hervor, dass 70 Prozent aller Befragten davon ausgehen, dass Künstliche Intelligenz in den nächsten zehn Jahren ein unverzichtbarer Bestandteil in der Logistik sein wird.

Doch auch einen anderen Grund gibt es für die reservierte Haltung gegenüber dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Logistik: Die Angst davor, dass Künstliche Intelligenz in grossem Stil Arbeitsplätze überflüssig machen könnte. Was sich abzeichnet, ist, dass Künstliche Intelligenz menschliche Fähigkeiten beträchtlich erweitert, sie aber nicht notwendigerweise ersetzt. Vielmehr werden Menschen benötigt, die die Systeme der Künstlichen Intelligenz beaufsichtigen, warten und die ihre Vorschläge ausführen und konkret umsetzen. Zu erwarten ist, dass sich durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz gesamtwirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich neue Berufsfelder auftun. In der Summe könnten in der Logistik bessere und weniger anstrengende Arbeitsplätze entstehen.

Die Logistik ist also ein idealer Anwendungsfall für die Künstliche Intelligenz. Die Möglichkeiten, dass Probleme schneller und effizienter behoben werden, Kosten gesenkt, Ressourcen geschont, nicht allein betriebswirtschaftliche sondern gesamtwirtschaftliche Krisen und Probleme durch sie abgefedert werden und nicht zuletzt eventuell bessere Arbeitsplätze für Menschen entstehen, sind kaum zu unterschätzen. Klar ist, dass noch Qualifizierungsbedarf besteht. Bald aber dürfte allein aus Gründen des Wettbewerbs Künstliche Intelligenz in der Logistik überall zu finden sein. Für die Betriebe lohnt es sich daher, sich jetzt bereits darauf vorzubereiten.

LOGISTIK express Journal 4/2022

Wie der Computer zum intelligenten Wesen wird

Immer mehr Unternehmen setzten zur Verbesserung ihrer Wertschöpfung auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Doch nach welchen Prinzipien funktionieren eigentlich KI-Programme und für welche Zwecke lassen sie sich nutzen? Aufschluss darüber gibt ein historischer Überblick.

Den Grundstein für das Fachgebiet der Künstlichen Intelligenz legte der britische Mathematiker Alan Turing im Jahr 1936. Turing bewies, dass eine Rechenmaschine – eine sogenannte «Turingmaschine» – in der Lage ist, kognitive Prozesse auszuführen. Die Bedingung dafür ist, dass sich diese Prozesse in mehrere Einzelschritte zerlegen lassen und durch einen Algorithmus dargestellt werden können. 1950 entwickelte Turing ein Test-Verfahren, um zu prüfen, ob ein Computer selbständig denken kann. Hierfür führt eine Versuchsperson mit zwei unsichtbaren Gesprächspartnern ein Gespräch. Danach muss die Versuchsperson entscheiden, welcher der beiden Gesprächspartner der Computer war. Wenn mindestens 30 Prozent der Versuchspersonen den Computer nicht erkennen, gilt der Test als bestanden.

Aus Konferenz entsteht erstes KI-Programm.
Der Begriff «Künstliche Intelligenz» trat erstmals im Jahr 1956 am «Summer Research Project on Artificial Intelligence» in Erscheinung. Dies war eine ambitionierte, sechswöchige Konferenz, die am Dartmouth College in New Hampshire in den USA stattfand. Die Konferenz gilt als Geburtsstunde für das Fachgebiet «Künstliche Intelligenz» als wissenschaftliche Disziplin. Die Konferenzteilnehmer waren davon überzeugt, dass Denkprozesse auch ausserhalb eines menschlichen Gehirns möglich sind. Als Resultat der Konferenz entwickelten der Informatiker Allen Newell, der Programmierer Cliff Shaw und der Wirtschaftswissenschaftler Herbert Simon das Programm «The Logic Theorist». Die Aufgabe des Programms war es, mithilfe von Logik und Vernunft mathematische Theoreme zu beweisen. Es wird als «erstes Programm für künstliche Intelligenz» bezeichnet.

Im Jahr 1966 entwickelte der deutsch-amerikanische Informatiker Joseph Weizenbaum den weltweit ersten Chatbot Eliza. Dieser war so programmiert, dass der Eindruck entstand, er könne die Rolle eines Psychotherapeuten einnehmen. Das Programm reagierte allerdings lediglich auf Schlüsselworte und antwortete häufig mit Fragen oder allgemeinen Phrasen. Auch war der Dialog mit dem Chatbot nur über eine Computertastatur möglich. Weizenbaum war überrascht, mit welch einfachen Mitteln man Menschen die Illusion vermitteln kann, ein Gespräch mit einem Partner aus Fleisch und Blut zu führen. Viele Probanden hatten nämlich den Eindruck, der virtuelle Psychotherapeut hätte Verständnis für ihr Problem.

Wird menschliche Intelligenz überflüssig?
Die 70er-Jahre waren geprägt von einem wissenschaftlichen Streit über das Potenzial von Künstlicher Intelligenz für praktische Anwendungen. Bezugnehmend auf die Arbeiten von Alan Turing waren Allen Newell und Herbert Simon von der Carnegie Mellon University der Ansicht, dass es für den Vollzug von Denkprozessen kein menschliches Gehirn braucht. Denken sei nichts anderes als Informationsverarbeitung und Informationsverarbeitung ein Rechenvorgang, bei dem Symbole manipuliert werden. Eine klare Gegenposition zu dieser Meinung ergriff der Philosoph John Searle. Gemäss der Auffassung von Searle können Maschinen mittels Künstlicher Intelligenz die kognitiven Fähigkeiten von Menschen zwar simulieren und nachahmen, sie sind aber nicht wirklich intelligent, sondern scheinen lediglich intelligent zu sein.

Als Ergebnis der wissenschaftlichen Auseinandersetzung stehen sich bis heute mit der schwachen und starken Künstlichen Intelligenz zwei konträre Positionen gegenüber. Die Verfechter der starken Künstlichen Intelligenz plädieren dafür, dass KI-Maschinen in demselben Sinn intelligent sind und denken können wie Menschen. Die Vertreter der schwachen Künstlichen Intelligenz sind der Ansicht, dass menschliches Denken gebunden ist an den menschlichen Körper, insbesondere an das Gehirn.

Erstes Expertensystem für medizinische Zwecke.
An der Universität Stanford wurde 1972 der Grundstein für sogenannte Expertensysteme gelegt. Expertensysteme sind Computerprogramme, die Menschen bei komplexen Problemstellungen unterstützen. Entwickelt wurde das System MYCIN, das Künstliche Intelligenz erstmals für medizinische Zwecke einsetzen sollte. Das neue Expertensystem war in der Lage, die Diagnose und Therapie von Infektionskrankheiten zu unterstützen, indem es aufgrund von zahlreichen Parametern geeignete Antibiotika vorschlug. MYCIN wurde allerdings nie in der Praxis eingesetzt. Die Skepsis war zu gross und es mangelte an technischen Möglichkeiten, um das System für eine breite Anwendung verfügbar zu machen.

Bei der historischen Betrachtung der Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz wird oft die Auffassung vertreten, dass sich die Forschung in diesem Gebiet wellenartig entwickelte. Eine Periode, in denen es innovative Neuerungen gibt, bezeichnet man als KI-Sommer und für Zeiträume, in welchen die Entwicklung stagniert, verwendet man den Begriff KI-Winter. So werden beispielsweise auch die 80er-Jahre als KI-Winter aufgefasst. Weil die hohen Erwartungen an die KI-Forschung nicht erfüllt wurden, stoppten viele Regierungen, allen voran die USA, ihre Forschungsgelder. Ausgehend von der Zeit des kalten Krieges hatte die USA enorme Geldsummen investiert zur Bereitstellung eines Übersetzungssystems, das Dokumente in Russischer Sprache automatisiert übersetzen sollte. Doch die KI-Forscher hatten die Komplexität der Aufgabe unterschätzt.

In den 80er-Jahren stellten KI-Forscher immer wieder fest, dass Aufgaben, die für Menschen sehr einfach sind, für Computer eine grosse Herausforderung darstellen und umgekehrt. So ist es für Menschen schwierig, komplexe mathematische Probleme zu lösen, während Computer Mühe damit haben, Bilder oder Sprache zu erkennen oder Bewegungen auszuführen. Dieses Prinzip wurde unter anderem von Hans Moravec beschrieben und wird auch als Moravecsches Paradox bezeichnet.

Sprachcomputer auf Basis von neuronalem Netzwerk.
Einen positiven Impuls für das Fachgebiet der Künstlichen Intelligenz gab es im Jahr 1986 mit dem Programm «NETtalk». Denn damit brachten Terrence J. Sejnowski und Charles Rosenberg den Computer zum Sprechen. Das Programm konnte Wörter lesen und korrekt aussprechen sowie das Gelernte auf ihm unbekannte Wörter anwenden. «NETtalk» gehörte damit zu den frühen sogenannten neuronalen Netzwerken. Das sind Programme, die mit grossen Datenmengen gefüttert werden und darauf aufbauend eigene Schlüsse ziehen können.

Bei der Betrachtung der historischen Entwicklung von Künstlicher Intelligenz fällt der Fokus auch auf die beachtliche Leistung von Rechnern, die bei Brett-, Computer- oder anderen Spielen gegen Menschen spielen. Es zeigt sich immer wieder, dass moderne Computer sogar die besten menschlichen Spieler übertreffen können. Bereits 1997 konnte die Weltöffentlichkeit beobachten, wie das IBM-System «Deep Blue» den russischen Schachweltmeister Gary Kasparov besiegte. Und im Jahr 2011 gewann das Computerprogramm «Watson» (ebenfalls IBM) in der amerikanischen Quiz-Show Jeopardy gegen die besten Quizmeister. 2016 übertraf die Deepmind-Software AlphaGo von Google den südkoreanischen Spitzenspieler Lee Sedol bei einer Spielpartie auf dem chinesischen Bettspiel Go. AlphaGo schlug Sedol 4:1. Das Resultat erstaunt angesichts der Komplexität des Spiels. Hat der erste Spieler bei Schach 20 mögliche Züge zur Auswahl, sind es bei Go 361 Züge.

Schnellere Rechner fördern maschinelles Lernen.
Ungefähr ab dem Jahr 2010 begann eine Phase der Kommerzialisierung von KI-Anwendungen. Als besondere Innovationen für den Alltagsgebrauch der Menschen begannen sich die Sprachassistenten Siri und Alexa zu etablieren. Im Geschäftsbereich schritt die Automatisierung von Arbeitsprozessen voran und das Internet der Dinge konnte für immer mehr Anwendungsbereiche genutzt werden. Dank der immer besseren Rechnerleistung konnten die Computer immer besser für das maschinelle Lernen genutzt werden. Beim maschinellen Lernen generiert der Computer selbstständig Wissen aus Erfahrungen. Er kann damit auch eigenständig Lösungen für neue und unbekannte Probleme finden. Auch das Deep Learning erreichte einen neuen Boom. Deep Learning ist ein Teilgebiet des maschinellen Lernens, bei welchem neuronale Netze in mehreren Schichten genutzt werden. Es entsteht eine umfangreiche innere Struktur des Netzes. Deep Learning kann zum Beispiel dafür genutzt werden, Bilder zu erkennen, Texte zu verstehen oder präzise Entscheidungen zu treffen.

Grosse Datenmengen zur Effizienzsteigerung nutzen.
Ab dem Jahr 2020 ergaben sich im Bereich Künstliche Intelligenz viele weitere Trends. Die Unternehmen begannen sich zum Beispiel auf die Machine Learning Operations (MLOps) zu konzentrieren. In einem funktionsübergreifenden und kooperativen Prozess soll das maschinelle Lernen für möglichst viele Anwendungsgebiete in einem Unternehmen produktiv genutzt werden. Die Unternehmen sollen aus ihren Daten wertvolle Informationen gewinnen können, beispielsweise, wenn es um Workflows, Traffic-Muster und das Bestandsmanagement geht. Neue Möglichkeiten zur Effizienzsteigerung im Supply Chain Management ergeben sich durch die immer bessere Verfügbarkeit von digitalen Daten über die Kosten und die Lieferbarkeit von Gütern und Ressourcen. Bereits heute stellen die B2B-Plattformen wlw (ehemals «Wer liefert was») und EUROPAGES grosse Mengen solcher Daten zur Verfügung. Das Unternehmen Visable als Träger der beiden Plattformen nutzt selber KI-Programme zur Pflege der Daten, beispielsweise zur Bereitstellung von Schlüsselwörtern für die Datensuche oder zur Eliminierung von Daten-Duplikaten.

 

Über Visable:
Visable unterstützt industriell tätige Unternehmen, deren Produkte und Dienstleistungen für Einkäufer international zugänglich zu machen. Als speziell auf Geschäftskunden zugeschnittene Verbindung aus eigenen B2B-Plattformen und Online-Marketing-Services wie zum Beispiel Google Ads und Retargeting bietet das Unternehmen ein breit gefächertes digitales Portfolio zur Reichweiten-Steigerung im Internet.

Zu den von der Visable GmbH betriebenen Plattformen gehören wlw («Wer liefert was»), heute die führende B2B-Plattform in der D-A-CH-Region sowie die europäische B2B-Plattform EUROPAGES, auf der rund 3 Millionen Firmen registriert sind. Zusammen erreichen die Plattformen monatlich bis zu 3.6 Millionen B2B-Einkäufer, die nach detaillierten Unternehmens- und Produktinformationen suchen.

Mit seinen Online-Marketing-Services bietet Visable Unternehmen zusätzliche Möglichkeiten, ihre Reichweite im Internet zu erhöhen.

Das Unternehmen Visable entstand als Antwort auf die Herausforderungen der Internationalisierung und Digitalisierung im B2B-Bereich. Visable ist in Hamburg, Berlin, Münster und Paris präsent und verfügt über eine Schweizer Zweigniederlassung in Baar. Insgesamt sind rund 480 Mitarbeitende beschäftigt. Als gemeinsames Dach für die Marken wlw und EUROPAGES baut Visable seine Plattformen und Online-Marketing-Services kontinuierlich aus.

Vom Verlagshaus zur Tech-Company.
Wie wird aus einem ursprünglich traditionell ausgerichteten Unternehmen eine erfolgreich wachsende Tech-Company? Dieser Frage geht Peter F. Schmid, CEO des Unternehmens Visable, in seinem neuen Buch «Mission Wandel» nach. 1932 als Herausgeber des Nachschlagewerks «Wer liefert was» gegründet, hat sich Visable in den vergangenen Jahren von einem Verlag zu einem agilen internationalen Internet-Unternehmen gemausert. Den weitreichenden Change-Prozess beschreibt Schmid in seinem neuen Buch «Mission Wandel: Von einem Old-School-Unternehmen zu einer Tech-Company – die Geschichte einer Transformation». Darin erzählt er von Erfolgen, Wachstumsschmerzen und den Herausforderungen des Online-Geschäfts. «Mission Wandel» ist erhältlich im Springer Gabler Verlag.

LOGISTIK express Journal 4/2022

AWS unterstützt Deutschland bei seinem digitalen Wandel

Die digitale Transformation ist ein zentraler Stellhebel, um das Wirtschaftswachstum und die Innovationskraft von Unternehmen und Ländern voranzutreiben, aber auch resilient gegenüber negativen externen Ereignissen zu werden und den Klimawandel in den Griff zu bekommen.

Beitrag: Redaktion.

Um die Digitalisierung in Europa konsequent voranzutreiben und von ihren positiven Aspekten zu profitieren hat die Europäische Kommission im Rahmen ihrer Vision der digitalen Dekade in 2021 Ziele vorgestellt, die sie bis zum Jahr 2030 erreichen möchte. Diese Ziele richten sich an vier Säulen aus: die Entwicklung digitaler Fähigkeiten, der Aufbau von digitaler Infrastruktur sowie die Digitalisierung von öffentlichem Sektor und Unternehmen.

Public First, ein unabhängiges Beratungsunternehmen, hat im Auftrag von Amazon Web Services (AWS) untersucht, welche Rolle
Cloud-Computing bei der Realisierung dieser Ziele spielt und wie weit Europa bereits bei der Umsetzung vorangeschritten ist. Die Ergebnisse dieser Untersuchung wurden in dem Report „Unlocking Europe’s Digital Potential“ zusammengefasst. Als Teil dieser
Studie betrachtete Public First auch den Digitalisierungs-Fortschritt in Deutschland. Erreichen der Ziele der digitalen Dekade hat das Potenzial, eine Bruttowertschöpfung von 800 Milliarden Euro in Deutschland zu erzielen.

Das Beratungsunternehmen schätzt, dass durch die Verwirklichung der Digitalisierungsziele der Europäischen Kommission im Zeitraum von 2021 bis 2030 in Deutschland eine Bruttowertschöpfung von über 800 Milliarden Euro erzielt werden könnte. Das entspricht etwa einem Viertel (24 Prozent) der deutschen Wirtschaftsleistung im Jahr 2021.

Der Einsatz von Cloud-Computing spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle: Public First schätzt, dass 55 Prozent dieser Bruttowertschöpfung von dem Einsatz von Cloud-Computing abhängt. Cloud-Computing ist die bedarfsabhängige Bereitstellung von IT-Ressourcen über das Internet. Statt Rechenzentren und Server selbst kaufen und betreiben zu müssen, können Organisationen Rechen- und Speicherkapazitäten, Datenbanken, als auch Dienste wie Analytics, künstliche Intelligenz, maschinelles Lernen, Internet der Dinge und viele mehr bedarfsorientiert über die Cloud beziehen und dabei höchste Ansprüche an Daten- und Ausfallsicherheit erfüllen. Dadurch ermöglicht die Cloud den Zugang zu neusten Technologien ohne hohe Vorabinvestitionen und tiefgreifende Programmierkenntnisse, sodass alle Unternehmen, unabhängig von ihrer Größe, Nutzen aus diesen ziehen können.

Um das volle Potenzial von 800 Milliarden Euro Wirtschaftswachstum auszuschöpfen, muss Deutschland seine Bemühungen für die Digitalisierungsziele der Europäischen Kommission schneller vorantreiben. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Nutzung von Kerntechnologien durch Unternehmen: Laut Untersuchungen der Europäischen Kommission setzen bislang nur 20 Prozent der deutschen Unternehmen Cloud-Computing ein. Andere Quellen geben an, dass 37,5 Prozent der deutschen Organisationen diese Technologie nutzen. Künstliche Intelligenz wird nur von etwa 28 Prozent der deutschen Unternehmen eingesetzt und Big Data lediglich in 18 Prozent der Organisationen. Dabei kann der Einsatz digitaler Werkzeuge die Unternehmensproduktivität erheblich steigern – etwa um 10–25 Prozent.

Gemessen an dem derzeitigen Fortschritt wird Deutschland bis 2030 nur ein jährliches Wirtschaftswachstum von 248 Milliarden Euro erzielen. Dabei könnten durch eine schnellere Digitalisierung sogar bis zu 552 Milliarden Euro zusätzlich an Bruttowertschöpfung erwirtschaftet werden. Um die Ziele Europas in der digitalen Dekade schneller zu erreichen, müssen öffentliche und private Akteure der deutschen Wirtschaft zusammenarbeiten und die Entwicklung digitaler Fähigkeiten sowie die Einführung von digitalen Technologien unterstützen. AWS bietet in diesem Zusammenhang beispielsweise kostenlose Cloud-Computing-Trainings an, mit dem Ziel bis zum Jahr 2025 weltweit 29 Millionen Menschen zu trainieren. Bereits heute haben mehr als 100.000 Personen in Deutschland erfolgreich an Trainings von AWS teilgenommen.

Deutschland macht große Fortschritte in einigen Bereichen der digitalen Dekade.
Die Untersuchung von Public First zeigt auch, dass Deutschland in einigen Bereichen bereits große Fortschritte zur Erfüllung der Ziele der digitalen Dekade erreicht hat. Schon heute verfügen 56 Prozent der Haushalte in Deutschland über sogenannte „Very High Capacity Networks“. Dabei handelt es sich um feste Breitbandnetze mit Glasfaseranschluss bis mindestens zum Gebäude und drahtlose Netze mit Glasfaseranschluss zur Basisstation.

Die digitale Bereitstellung von grundlegenden öffentlichen Dienstleistungen ist ein weiteres Beispiel. 100 Prozent wichtiger öffentlicher Dienste sollen für Bürger:innen und Unternehmen online zugänglich sein. Auch in diesem Zusammenhang stellt Cloud-Computing ein wichtiges Instrument dar. Öffentliche Organisationen können durch die Nutzung von Cloud-Computing auf eine sichere Infrastruktur zurückgreifen, um Verwaltungsleistungen zu digitalisieren. Public First schätzt, dass die Verlagerung von 10 Prozent der aktuellen IT-Systeme in die Cloud das Potential hat, den deutschen Steuerzahlern über 230 Millionen Euro pro Jahr einzusparen.

AWS unterstützt die Erreichung der Digitalisierungsziele der Europäischen Kommission.
AWS unterstützt die Erreichung der Digitalisierungsziele der Europäischen Kommission, um den Weg in eine digitale und nachhaltige Zukunft zu ebnen. Dafür verfolgen wir einen mehrstufigen Ansatz: Aufbau von Vertrauen. Deutschland ist eines der führenden Länder in Europa, wenn es um den Aufbau einer nachhaltigen und digitalen Zukunft geht. AWS unterstützt seine Kunden in Deutschland dabei, Gesetzen und Regulierungen der EU und von Deutschland zu entsprechen und höchste Anforderungen an Daten- und Ausfallsicherheit zu erfüllen. Investitionen in den Aufbau digitaler Fähigkeiten. Digitale Fähigkeiten sind zentral in unserer künftigen Arbeitswelt. AWS unterstützt die deutsche Wirtschaft dabei, den Mangel an digitalen Fähigkeiten durch Weiterbildungs- und Trainingsangebote zu adressieren.

Nachhaltigkeit stärken. Nachhaltigkeit ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. AWS ist auf einem guten Weg seinen Betrieb bis 2025, also fünf Jahre vor dem eigentlichen Ziel in 2030, auf 100% erneuerbarer Energien umzustellen. Zusammen mit unseren Kunden arbeiten wir an neuen Ideen, um mit neuen Technologien Emissionen zu reduzieren und unsere Umwelt zu schützen. Amazon ist der weltweit größte Einkäufer erneuerbarer Energien. Wir werden auch weiterhin daran arbeiten unsere Infrastruktur so anzupassen, dass wir unsere Nachhaltigkeitsziele erreichen können. Von dem nachhaltigeren Betrieb der AWS Cloud profitieren auch unsere Kunden: Workloads, die in der AWS Cloud betrieben werden, werden damit automatisch nachhaltiger. Weitere Informationen zu unseren Nachhaltigkeitsbemühungen können auf unserer Website abgerufen werden.

Befähigung von Unternehmen. Unternehmen in Deutschland müssen auf die besten Technologien weltweit zugreifen können, um sowohl innerhalb Deutschlands als auch global wettbewerbsfähig zu bleiben. Um ihre Digitalisierungsziele zu erreichen, müssen AWS Kunden in Deutschland die freie Wahl haben, welche Technologien sie nutzen wollen.

AWS respektiert europäische als auch deutsche Werte und unterstützt die sich stetig weiter entwickelnden regulatorischen Anforderungen, um seine Kunden dabei zu unterstützen, diesen zu entsprechen. Innovationskraft stärken. Die Innovationsfähigkeit ist zentral für die digitale Wirtschaft. AWS wird weiterhin daran arbeiten, die Kosten für die Entwicklung von Innovationen zu senken als auch schnelles Experimentieren, Veröffentlichen und Skalieren zu ermöglichen. (RED)

LOGISTIK express Journal 4/2022

Überzahlung möglich: Nur 20 Prozent der Jobanzeigen werben mit mehr Geld

Der Faktor Gehalt wird zum strategischen Hebel – die Hälfte der Kandidaten bewirbt sich eher, wenn das angegebene Gehalt ihren Vorstellungen entspricht – trotzdem finden sich nur in jeder fünften Stellenanzeige Angaben zu einem übertariflichen Gehalt.

Text: StepStone Österreich.

Der Faktor Gehalt wird zum strategischen Hebel – die Hälfte der Kandidat*innen bewirbt sich eher, wenn das angegebene Gehalt ihren Vorstellungen entspricht – trotzdem finden sich nur in jeder fünften Stellenanzeige Angaben zu einem übertariflichen Gehalt.

Der Fachkräftemangel hat in Österreich deutlich zugenommen: Von Jänner bis Juli 2022 wurden 498.317 Jobs und damit 38 Prozent mehr Stellenanzeigen als im Vorjahreszeitraum in Österreich ausgeschrieben (Quelle: StepStone-Fachkräfteatlas). Ein enorm wichtiger Kontaktpunkt, um offene Stellen zu besetzen, ist die Stellenanzeige und Gehalt ist definitiv ein entscheidendes Kriterium, ob sich jemand für einen Job bewirbt oder nicht. Mit einem überdurchschnittlichen, leistungsgerechten oder übertariflichen Gehalt werben Unternehmen trotzdem nur in einer von fünf Anzeigen, wie eine aktuelle Spezialauswertung des StepStone-Fachkräfteatlas** zeigt, für den 1,2 Mio Stellenanzeigen in Print- und Onlinemedien sowie auf Firmenwebsites ausgewertet wurden. Am ehesten finden sich solche Formulierungen in Stellenanzeigen für Young Professionals sowie in Ausschreibungen aus Hotellerie und Gastgewerbe.

Gehalt als Attraktivitätsfaktor.
„Der Faktor Gehalt wird zum strategischen Hebel im Kampf um die besten Mitarbeiter*innen. Im Zeitalter des Bewerber*innenmarktes und des chronischen Fachkräftemangels müssen sich Unternehmen intensiv mit den eigenen Gehaltsstrukturen und der Vergütung befassen,“ sagt Nikolai Dürhammer, StepStone Managing Director AT & CH.

Die Hälfte der Kandidat*innen bewirbt sich eher, wenn das angegebene Gehalt in Stellenanzeigen ihren Vorstellungen entspricht. Das Wunschgehalt nach oben verhandeln tendenziell eher männliche Kandidaten, weibliche Kandidatinnen verschreckt ein zu niedriges Gehalt im Inserat eher. Jede*r Sechste bewirbt sich nicht, wenn das angegebene KV-Gehalt deutlich zu niedrig ist, wie eine aktuelle Umfrage von StepStone unter knapp 2000 Jobsuchenden und Beschäftigten ergab (Juli 2022).

Übertarifliches Gehalt wird zunehmend öfter genannt.
Im deutschsprachigen Raum ist Österreich das einzige Land, in dem verpflichtend eine Gehaltsangabe in der Stellenausschreibung enthalten sein muss. Dass das nicht ausreicht, um Kandidat*innen zur Bewerbung zu animieren, zeigt der aktuelle Trend zu realistischeren Gehaltsangaben. Die Bereitschaft der Unternehmen, bei der Suche nach Fachkräften mehr zu bezahlen und das auch schon innerhalb der Ausschreibung proaktiv anzubieten, nimmt zu: Zu Beginn des Jahres 2021 enthielten rund 12 Prozent aller Anzeigen die zusätzliche Information neben der Gehaltsangabe, dass die Vergütung „überdurchschnittlich“, „übertariflich“, „leistungsgerecht“ sei oder eine „Bereitschaft zur Überzahlung“ bestehe. Seit Juni 2021 ist dieser Anteil um rund sechs Prozentpunkte gestiegen auf durchschnittlich 18 Prozent aller Anzeigen.

Deutliche Unterschiede zeigen sich in den einzelnen Berufsgruppen.
Im Gastgewerbe wird derzeit besonders intensiv nach Personal gesucht. Und die Unternehmen in der Gastronomie und Hotellerie werben auch verstärkt mit einer höheren Entlohnung: Bei rund 30 Prozent aller Anzeigen in dieser Branche wird mit einem höheren Gehalt, als der Kollektivvertrag vorsieht, geworben. Gleichzeitig ist in dieser Berufsgruppe die Bereitschaft zur Überzahlung am stärksten im Vergleich zum Vorjahr gestiegen (plus sieben Prozentpunkte). In der Berufsgruppe Transport, Verkehr, Logistik und Lager gab es zwar ebenfalls einen deutlichen Anstieg um sechs Prozent, insgesamt wird heute mit mehr Gehalt aber nur in 15 Prozent der Stellenausschreibungen der Branche geworben. Im Vertrieb und Verkauf sowie im Bauwesen und Handwerk und bei den Technischen Berufen (wie Architekt*innen und Ingenieur*innen) liegt der Anteil mit 19 Prozent nur geringfügig über dem Durchschnitt. Bei Ausschreibungen für Young Professionals werden in 23 Prozent der Anzeigen mit einem besseren Gehalt geworben.

Selten ist die Überzahlung im Bereich Gesundheit, Medizin und Soziales.
Ebenfalls große Schwierigkeiten haben Unternehmen im Gesundheits- und Sozialbereich, offene Stellen zu besetzen. Der Anstieg der Ausschreibungen betrug im Vergleich zum Vorjahr 46 Prozent. Dennoch werden nur in knapp zehn Prozent aller Anzeigen in diesem Bereich die zusätzliche Info zu mehr Gehalt gegeben. Selten wird auch in der Berufsgruppe Wissenschaft, Ausbildung und Weiterbildung mit höherem Gehalt geworben (acht Prozent). (RED)

 

LOGISTIK express Journal 4/2022

Krisen sind wichtig! Krisen sind Chancen!

Die größte Chance aller Zeiten – Was wir jetzt aus der Krise lernen müssen und wie Sie vom größten Vermögenstransfer der Menschheit profitieren.

Beitrag: Marc Friedrich.

Das Jahr 2020 wird als Beginn einer nachhaltigen Zeitenwende in die Geschichtsbücher eingehen. Durch die Corona-Pandemie wurde uns allen weltweit schmerzhaft bewusst, wie fragil unser hochkomplexes und fortschrittliches Wirtschafts- und Finanzsystem de facto ist. Innerhalb weniger Tage sind die Just-in-time-Produktions- und Lieferketten eingebrochen oder gar komplett zum Stillstand gekommen – und der Auslöser war ein unsichtbares Virus.

Diese Krise hat uns auf harte und bittere Art und Weise deutlich gemacht, dass unser System nicht resilient ist, es hat aufgezeigt welche Schwächen es hat, wie groß die Klumpenrisiken sind und in welchen gefährlichen Abhängigkeiten wir uns in dieser globalisierten Welt doch befinden. Vielen Menschen wurde klar, dass nichts auf alle Ewigkeit in Stein gemeißelt ist. Gigantische Konjunkturpakete der Staaten und billionenschwere Stützungsprogramme der Notenbanken, maßlos überforderte und kopflos-aktivistische Politiker, aber auch leere Regale, stillgelegte Fließbänder, stark ansteigende Kurzarbeiter- und Arbeitslosenzahlen verdeutlichen das historische Ausmaß.

Wenn es auch viele nicht wahrhaben wollen: Wir sind inmitten eines historischen Paradigmenwechsels. So bitter es für viele auch sein mag, aber wir werden nicht mehr in der alten, gewohnten Welt aufwachen und zu unserem alten Leben zurückkehren. Alles wird sich für immer verändern:
• wie wir arbeiten
• wie wir uns in Zukunft fortbewegen
• wie und was wir einkaufen
• wie wir wirtschaften, reisen, denken, leben, bezahlen, investieren
• wie und was wir produzieren

Solche Punkte in der Geschichte bilden das Fundament und sind die Chance für nachhaltige Veränderungen, die die Menschheit aus Bequemlichkeit und Angst niemals freiwillig initiieren würde. Wer in die Vergangenheit schaut, sieht, dass wahre und tiefgreifende Veränderungen immer durch äußere Umstände erzwungen werden. Durch Krisen wird offensichtlich, was ausgedient hat, Altes wird aussortiert und Neues entsteht. Sowohl im Kleinen wie auch im Großen. Nicht nur unser persönliches Leben ist davon betroffen, sondern ganze Branchen, Gesellschaften, politische Systeme und Länder. Erst durch den Klimawandel sind wir gezwungen worden, nach Alternativen bei der Energieerzeugung zu suchen. Dasselbe gilt für Impfstoffe, Medikamente und technische Entwicklungen. Erst wenn der Mensch machtlos ist und keinen anderen Weg mehr sieht, ist er bereit zu wahrhaftigen Reformen und (R)Evolutionen. Krisen beinhalten extreme Risiken, aber auch phänomenale Chancen.

Die Evolution der Menschheit ist geprägt durch Krisen.
Krisen sind essenziell für das Voranschreiten der Menschheit. Der Mensch lernt durch Scheitern – trial and error. Krisen dienen als Sprungbrett für die menschliche Entwicklung. Erst durch eine Katharsis ist die Menschheit bereit, Veränderungen in die Wege zu leiten. Jedem muss klar sein, dass tiefgreifende Transformationen immer mit Verlusten und Wachstumsschmerzen einhergehen. Auch wenn es paradox klingt: Krisen sind wichtig und sie sind große Chancen für die Menschheit. Wir sollten Krisen willkommen heißen und umarmen.
Nach jeder Krise hat die Menschheit sich weiterentwickelt und an Wissen und Wohlstand hinzugewonnen. So wird es auch dieses Mal sein. Der Ökonomen Joseph Schumpeter nennt es die kreative Zerstörung. Eine solche Zerstörung ist notwendig, damit Neues entstehen kann. Je größer eine Krise, desto größer die Chancen, die sie mit sich bringt. Aktuell stehen wir vor dem größten Transformationsprozess unserer Lebzeit. Verschiedene Zyklen enden nun und ein neuer, großer Zyklus beginnt.

Dies hat sich schon in den letzten Jahren bemerkbar gemacht: Wir waren schon vor Corona im Dauerkrisenmodus. Eine Krise wurde durch eine neue und noch größere Krise abgelöst: Finanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, Klimakrise, Demografie-Krise, Autokrise, Wirtschaftsabschwung und Schuldenkrise. Und jetzt kommt gewissermaßen als Brandbeschleuniger noch die Corona-Krise hinzu. Nun sehen wir binnen kurzer Zeit rapide Entwicklungen in vielen Bereichen, und das rund um den Globus. Vor allem Deutschland wird extreme Veränderungen erleben und sollte dies als Erneuerungsprozess begreifen.

Neue Zeitrechnung.
Zu sicher fühlen wir uns in unserem perfekt organisierten Alltag mit ständig geöffneten Supermärkten, permanenter Ablenkung, Berieselung und Beschallung durch iPhone, TikTok, Netflix und Freiheiten, die für uns selbstverständlich sind. Durch die Lockdowns wurde diese sicher geglaubte Welt in ihren Grundfesten erschüttert. Seitdem sind wir in einer Ausnahmesituation und so gespalten wie schon lange nicht mehr.

Die einen haben Angst vor Corona und fürchten um ihre Gesundheit. Die anderen haben Angst vor Arbeitslosigkeit und Insolvenz und fürchten um ihre pure wirtschaftliche Existenz. Wieder andere haben Angst um die Freiheitsrechte und die Demokratie. All diese Ängste sind legitim und verständlich. Sie müssen respektiert und ernst genommen und dürfen nicht ins Lächerliche gezogen werden. Um die Gesellschaft gesunden zu lassen, müssen wir aufeinander zugehen, einander zuhören und andere Meinungen ertragen und respektieren. Leider beobachte ich momentan oftmals genau das Gegenteil: Dass wir uns auseinanderdividieren und Angst voreinander haben – man könnte ja ansteckend sein.

Es ist wichtig, die Fakten objektiv zu betrachten und konstruktive Lösungen aufzuzeigen. Die Politik muss beginnen, uns gegenüber mit der vollen Wahrheit herauszurücken und keine Salamitaktik zu betreiben. Wir wissen bis dato nicht, wie groß der volkswirtschaftliche, aber auch der gesellschaftliche, politische und seelische Schaden ist. Vor allem bei den Jüngsten unserer Gesellschaft dürften die Pandemie und die Maßnahmen zu ihrer Eindämmung erhebliche Konsequenzen mit sich gebracht haben.

2020 war ein großer Wendepunkt. Die Welt, in der wir in Zukunft leben werden, wird nicht die gleiche sein. Es wird eine komplett neue Zeitrechnung beginnen – unabhängig davon, wie lange uns die Corona-Pandemie noch in Atem hält.

Die Karten werden neu gemischt.
Deutschlands Wirtschaft ist geprägt vom Maschinenbau, von der Automobilindustrie und von anderen Unternehmen des produzierenden Gewerbes. Allgemein bekannt ist, dass unsere Schlüsselindustrien den einen oder anderen Trend schlichtweg verpennt oder gar ignoriert haben. Erst jetzt durch die Häufung der Krisen wird unsere Wirtschaft gezwungen sein, sich neu zu erfinden oder zu scheitern. Volkswagen hat bereits einen neuen Weg eingeschlagen und setzt voll auf Elektromobilität. Andere versuchen sich am Wasserstoff und Car-Sharing.

Welche Strategie die richtige sein und wer überleben wird, wird sich zeigen. Fakt ist: Nichts zu tun, ist keine Lösung! Stillstand ist Tod! Bewegung ist Leben! Nur Unternehmen und Branchen werden überleben, die den Wandel umarmen und aktiv gestalten. Das gilt für uns alle! Das große Aussieben hat begonnen. Falls wir jetzt nicht den Mut haben, neue Wege zu beschreiten und uns neu erfinden, müssen wir unserem Wohlstand Adieu sagen.

Was tun? Wie kann man als Unternehmen, als Mensch und als Gesellschaft gestärkt aus Krisen hervorgehen und sich darauf vorbereiten? Hier hilft ein seit jeher bestehender Grundsatz: Vorsorge ist besser als Nachsorge. Diversifikation, Innovation und dezentrale Systeme sind sinnvoll, um die Abhängigkeiten zu reduzieren.

Parallel sollte man sich nicht zu sehr auf die Politik verlassen, sondern selbst aktiv werden. Wahrer Wandel kommt immer von unten, von uns Menschen. Was in der Politik oftmals fehlt, haben wir nun immer mehr in Form von bahnbrechender Technologie: Erstmalig haben wir große Helfer in Form von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz an unserer Seite. Dies alles birgt eine enorme Chance, um die Krisen zu meistern und gestärkt daraus hervorzugehen. Noch nie hatte die Menschheit diese Möglichkeit.

Uns allen muss klar sein: Wenn wir an dem Alten festhalten, so wie es viele Politiker und Entscheidungsträger momentan verzweifelt versuchen und propagieren, wird der Kollateralschaden für uns alle immer größer – wirtschaftlich, monetär, gesellschaftlich und politisch. Dass sich Entwicklungen in Zyklen vollziehen, ist ein Naturgesetz, und diese Zyklen sind nicht zu stoppen. Entweder wir sind bereit, den Fortschritt und die laufende Veränderung anzuerkennen, oder wir werden von ihnen überrollt.

Wir können Krisen nicht vermeiden, wir können sie aber nutzen und daraus lernen. Die Entwicklung der Menschheit ist eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Aber sie ging immer einher mit Krisen. Krisen sind seit jeher stets Teil der Menschheitsgeschichte gewesen. Je größer eine Krise, desto größer der Sprung nach vorne, den sie ermöglicht. Die kommende Krise hat das Potenzial, einen kompletten Neustart zu initiieren und uns auf eine neue Bewusstseinsstufe zu katapultieren. Denn dieses Mal handelt es sich nicht nur um eine lokale Krise oder die einer Branche oder eines Landes. Dieses Mal ist es eine globale Krise und wir als Menschheit sind gemeinsam zu ihrer Bewältigung gefordert. Das ist anstrengend und neu, aber essenziell für unsere Entwicklung. Wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen, als Menschheit an einem Strang ziehen, Grabenkämpfe beenden, geistige Grenzen abbauen, die Technologie für uns alle einsetzen und nicht dazu, den Profit einzelner Länder, Unternehmen oder sonstiger Akteure zu maximieren, wenn wir jetzt den Mut haben, die richtigen und unbequemen Entscheidungen zu treffen, neue, unbekannte Pfade zu beschreiten und alte Zöpfe abzuschneiden, dann wird für uns alle ein goldenes Zeitalter beginnen. (RED)

 

LOGISTIK express Journal 4/2022

ÖBB und Hafen Triest bringen Impulse für den Wirtschaftsstandort Kärnten

Um Gütertransporte auf die Schiene zu verlagern und den Wirtschaftsstandort Kärnten noch attraktiver zu machen, wollen die ÖBB in enger Zusammenarbeit mit dem Land Kärnten das Logistik Center Austria Süd (LCA-Süd) in Fürnitz stärken und einen Schienen-Zollfreikorridor zwischen Triest und Fürnitz etablieren. Neben der Erhöhung der Wertschöpfung für das Land Kärnten und seiner Industrie, kann das LCA-Süd damit zur internationalen Logistikdrehscheibe ausgebaut werden, wodurch neue Arbeitsplätze und mehr Wertschöpfung für die Unternehmen am Standort entstehen werden.

Text: PI Redaktion.

Mit dem Schienen-Zollfreikorridor soll zukünftig der Hafen Triest entlastet werden. Ein Teil der ankommenden Container sollen künftig, um die Umschlagshäufigkeit weiter zu erhöhen, in Triest dann direkt ab Schiff auf die Schiene verladen und in Fürnitz von der Zolldeklaration bearbeitet und danach national und international weiterverteilt werden.

Erste Details zur verstärkten Zusammenarbeit zwischen der ÖBB und dem Hafen Triest und dem geplanten Zollkorridor wurden im Congress Center Villach von ÖBB CEO Andreas Matthä, Wirtschafts- und Verkehrslandesrat Sebastian Schuschnig, dem Geschäftsträger a.i. der Italienischen Botschaft in Wien Gabriele De Stefano, dem Präsidenten der Häfen Triest und Monfalcone, Zeno D’Agostino und dem CEO von Adriafer, Maurizio Cociancichvorgestellt.

ÖBB CEO Andreas Matthä unterstrich: „Triest ist für die ÖBB ein bedeutender Knotenpunkt für Verkehre von und nach Österreich sowie in Europas Hinterland. Wir sind mit unserer Güterverkehrstochter ÖBB Rail Cargo Group Marktführer am Hafen Triest. Ich freue mich, dass wir nun unsere Kooperation vertiefen und gemeinsam an einer innovativen und effizienten Lösung für die Wirtschaft Kärntens und für den Klimaschutz arbeiten. Auf diese Art wollen wir die steigenden Gütermengen, die mit dem Schiff in Triest ankommen, künftig unmittelbar auf die Schiene verlagern. Ich bedanke mich beim Land Kärnten und unseren italienischen Partnern für die sehr gute Zusammenarbeit: Denn nur gemeinsam können wir die Verkehrswende von der Straße auf die Schiene schaffen.“

Wirtschafts- und Verkehrslandesrat Sebastian Schuschnig betonte die Chancen, die sich aus der verstärkten Kooperation mit dem Hafen Triest ergeben: „Kärnten kann vom ersten Schienen-Zollkorridor Europas als Wirtschafts- und Industriestandort enorm profitieren! Wir arbeiten seit vielen Jahren konsequent an der Umsetzung dieses europäischen Leitprojekts.

Mit der vertieften Zusammenarbeit zwischen den Adria Häfen, wie insbesondere dem Hafen Triest, der ÖBB und dem Logistik Center in
Villach-Fürnitz schaffen wir eine wichtige Grundlage, damit Kärnten nicht Durchzugsland für Schienentransit wird, sondern Wertschöpfung und Arbeitsplätze im Land geschaffen werden. Ich freue mich, dass wir mit allen Partner den Standort gemeinsam entwickeln und bedanke mich für die gute Zusammenarbeit. Zusätzlich möchte ich noch darauf hinweisen, dass aufgrund der verstärkten Warenströme über die Bahn auch die Lärmschutzmaßnahmen verstärkt werden müssen.“

Der Geschäftsträger a.i. der Italienischen Botschaft in Wien, Gabriele De Stefano führte aus, „Wir blicken mit großem Interesse auf dieses neue grenzüberschreitende Kooperationsprojekt zwischen dem Hafen Triest und dem Bundesland Kärnten, welches heute hier in Villach in einem Rahmen hervorragender bilateraler Beziehungen – mit häufigen und zahlreichen Treffen auf höchster politischer Ebene – vorgestellt wird. Es ist bezeichnend, dass in eben diesen Stunden der italienische Staatspräsident Mattarella den österreichischen Bundespräsidenten Van der Bellen zu einem Besuch in Rom empfängt. Wir unterstützen mit Überzeugung die zukünftige Entwicklung dieser Logistik-Initiative zwischen italienischen und österreichischen Regionen und Bundesländern. Diese Initiative stellt einen innovativen und nachhaltigen Beitrag unserer beiden Länder zur Stärkung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in der EU dar, wie dies auch bereits durch das Euregio-Projekt und die EU-Alpenstrategie geschieht.

Zeno D’Agostino, Präsident der Häfen von Triest und Monfalcone unterstrich, “Die herausragende Stellung des Hafens von Triest zeichnet aus, dass er ein mit Europa verbundener Eisenbahnhafen ist. Unser Anlaufhafen übertrifft bereits heute die von der EU für 2030 und 2050 gesetzten Ziele für den Schienengüterverkehr: Über 50 % der Container und 41 % der Sattelauflieger werden per Bahn ins Ausland befördert. Diese Zahlen zeigen, dass das internationale Know-how von Triest nicht nur die Fähigkeit betrifft, Seeverkehrsströme abzuwickeln, sondern auch wichtige intermodale Ströme für alle wichtigen Drehkreuze in Mittel- und Osteuropa. Wir wollen daher immer mehr Allianzen mit den wichtigsten Akteuren der europäischen Logistik schließen, und Fürnitz ist einer von ihnen”.

Der Vorstandsvorsitzende von Adriafer, Maurizio Cociancich, bekräftigte: “Das Interesse von Adriafer am Zollfreikorridor ist sehr groß, und wir sind zuversichtlich, dass die gemeinsame Arbeit mit den italienischen und österreichischen Institutionen, der ÖBB und der RCG, zur Schaffung neuer Beziehungen führen wird, die die Attraktivität unserer Knotenpunkte erhöhen und den in unseren Gebieten ansässigen Unternehmen einen Mehrwert bringen. Adriafer stellt sich mit der Verwaltung des Zwischenlagers und seiner Erfahrung im Bereich des Rangierens und der Eisenbahntraktion in den Dienst der Initiative, um deren vollen Erfolg zu gewährleisten”.

Ein Musterbeispiel der länderübergreifenden Kooperation.
Der Hafen Triest sieht sich mit steigenden Gütertransportvolumina konfrontiert. Für den raschen Umschlag der ankommenden Container ist die Etablierung eines Schienen-Zollfrei-Korridors zwischen dem Hafen Triest und dem Logistik Center Austria Süd geplant. Teile der ankommenden Güter können dadurch am Hafen direkt auf die Bahn verladen und umgehend zum LCA-Süd nach Villach transportiert, um hier verzollt und je nach Bedarf zwischengelagert und weiter transportiert zu werden. Der Großteil der Gütermengen, die am Hafen Triest umgeschlagen werden, sind für die Länder Österreich, Deutschland, Ungarn und Tschechien bestimmt.

Etablierung einer regelmäßigen TransFER Verbindung zwischen Hafen Triest und LCA-Süd.
Die bereits jetzt schon mehrmals wöchentlich zwischen dem Hafen Triest und dem LCA-Süd verkehrenden Züge, können mit dem geplanten Schienen-Zollfrei-Korridors mittels Shuttleverkehre ausgebaut werden.

Positive Auswirkungen für Kärnten und Österreich.
Ein Schienen-Zollfrei-Korridor würde Kärnten und dem LCA-Süd die Chance bieten bedeutende wirtschaftliche Impulse im Süden Österreichs zu setzen. Zusätzlich zur Attraktivierung und Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit des LCA-Süd wird auch die Wertschöpfung, anstelle der reinen Transitverkehre, in der Region erhöht und neue Arbeitsplätze werden entstehen. Neben der Verzollung können im LCA-Süd auch value-adding Services wie u.a. Reparatur von Waggons und Containern angeboten werden.

Positive Auswirkungen auf die Transport- und Verladewirtschaft.
Am LCA-Süd sind schon jetzt ausreichend Lagerkapazitäten und personelle Ressourcen vorhanden. Sie werden eine rasche Abwicklung der Verzollung und dadurch reduzierte Lagerzeiten und –kosten ermöglichen. Darüber hinaus erfolgt der Informationsaustausch beim Zollverfahren im LCA-Süd vollständig digital. Des Weiteren können die Waren von Fürnitz in unterschiedlichste Destinationen auf der nachhaltigen Schiene weitertransportiert werden.

Die Rolle der italienischen und österreichischen Zollverwaltungen.
Obwohl im Rahmen der Europäischen Zollunion bereits eng zusammengearbeitet wird, ist der beabsichtigten Zollkorridor vom Hafen Triest nach Villach/Fürnitz auch ein Leuchtturmprojekt mit Vorbildwirkung für das gemeinsame Agieren der Zollverwaltungen in der EU. ‘

Die große Herausforderung für die Zollabwicklung auf Wirtschafts- wie Zollseite liegt darin, den Workflow mehrerer verschiedener Mitspieler so aufeinander abzustimmen, dass sowohl ein durchgängiger flüssiger Transport und Verfahrensablauf als auch die Einhaltung der im internationalen Handel erforderlichen Regeln gewährleistet ist. Hinzu kommt die eindeutige Zuordnung der jeweiligen Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Eine wichtige Rolle spielt bei den letztendlich angepeilten umfangreichen Liefermengen auch die Nutzung von IT-Systemen und ein darauf aufbauendes effizientes Risikomanagement.

Daher finden derzeit für die Erreichung dieser Ziele intensive Arbeitsgespräche nicht nur zwischen den Zollverwaltungen, sondern auch unter Einbindung der involvierten Wirtschaftsbeteiligten in Italien und Österreich statt. Die Gespräche zwischen den Zollbehörden laufen in einem sehr positiven, konstruktiven Klima und erzielen gute Fortschritte. Die Zollbehörden beider Länder zeigen sich daher zuversichtlich, die erforderlichen Konsultationen noch in diesem Jahr abschließen zu können.

Logistik Center Austria Süd.
Die Standortagentur LCA Logistik Center Austria Süd GmbH (kurz LCA-Süd) wurde 2017 mit dem Ziel gegründet, den Standort Fürnitz bei Villach zu einem führenden Logistik-Hub im Alpe-Adria-Raum zu entwickeln. LCA-Süd zeichnet verantwortlich für die zielgerichtete Förderung und Entwicklung des Standortes, des erweiterten Standortraumes (Region) sowie der Kooperation der angesiedelten Unternehmen und weiteren interessierten Akteuren. Die LCA-Süd versteht sich als starker Partner der Logistikwirtschaft, der mit optimalen Standortbedingungen, intelligenter Vernetzung und maßgeschneiderten Lösungen die besten Voraussetzungen für effiziente, ressourcenschonende Transportketten schafft. (RED)

 

LOGISTIK express Journal 4/2022

Yabba Dabba Doo! Wir bei den Flintstones

Bei der Familie Feuerstein in Steintal wurden Tiere meist als Geräte benutzt. Besonders hart getroffen hatte es den Specht, der als Plattenspieler herhalten musste. Dabei hatten es die Tiere im Steintal noch wesentlich besser, als ihre Artgenossen bei den heutigen „Geröllheimers“. Heute werden sie durch dauernde Rodung und Sprengungen der „Bamm-Bamm`s“ vertrieben, oder gleich abgemurkst.

Redaktion: Peter Baumgartner.

Was den Rohstoffabbau und die damit zwangsläufig verbundene Rodung völlig gesunder Wälder betrifft, machten sich bisher in Österreich nur wenig direkt Betroffene ernsthafte Sorgen. Und dann auch nur, wenn sich der Berg buchstäblich „auflöste“, die Häuser evakuiert und Straßen monatelang gesperrt werden mussten. Es war viel „praktischer“ grüne Gesinnung zu demonstrieren, indem man Umweltsünden in fernen Ländern anprangerte. Quasi als Stellvertreterumweltschützer. Neuerdings wird die Rohstoffversorgung allerdings im Blickwinkel der Unabhängigkeit argumentiert und damit wieder „verörtlicht“. Jetzt wird es schwieriger „unschuldig“ zu sein. Unabhängig von Putin, unabhängig von China usw., lautet die aktuelle Formel zur wirtschaftlichen Stabilität im eigenen Land.

Mit der durchaus sinnvollen Nutzung eigener Ressourcen, steht allerdings wie bisher die Bodenversiegelung, der Straßenbau, viele andere „Begleiterscheinungen“ und letztlich auch der Klimanotstand im Zusammenhang – nur noch viel sichtbarer. Intelligenter Rohstoffabbau würde bedeuten, weniger Probleme. Sowenig wie möglich und nur so viel wie notwendig, das wäre eine überlegenswerte Devise. Das Gegenteil davon findet statt – auch von den Grünen unterstützt. Der Zugang zur „sicheren Versorgung“ mit Rohstoffen fußt auf der Formel, wir nehmen, was wir brauchen – egal woher. Nicht wir nehmen nur dass, was wir der künftigen Generation zumuten können. Deshalb haben wir aktuell bereits im April die uns jährliche zustehenden Ressourcen verbraucht. Dabei streben wir ja nur eine „ausreichende“ Rohstoffversorgung an. Aber wer definiert, was ausreichend ist? Natürlich die Wirtschaft.

Die ex-Ministerin Elisabeth Köstinger sagte, Rohstoffe sind das Lebenselixier der Wirtschaft. Die Wirtschaft bestimmt darüber hinaus auch, was „bedarfsgerecht“ ist. Nicht die Politik und schon gar nicht irgendwelche Gretaisten entscheiden, was, wann, wie, wo und in welcher Menge verbraucht wird. Sportlich argumentiert könnte man sagen: weiter, höher, schneller. Wer möglichst viel, in kurzer Zeit verbraucht, bekommt einen Stockerlplatz – sprich, der steigert den Wohlstand und die Lebensqualität (von Investoren). Politikerinnen und Journalistinnen spielen dabei die Rolle der Groupies oder dienen als Boxenluder. Wie im Spitzensport, jedes Land hat seine lokalen Favoriten und Anwärter auf die Krone. In Österreich ist die Rohstoffindustrie mit der Zement- und Schotterindustrie so ein nationaler Player mit dem Anspruch auf einen Stockerlplatz. In Erinnerung ist den Österreicherinnen noch die „Schottermitzi“. Sie hat es sogar bis in höchste Regierungsämter geschafft.

Insgesamt beträgt der Ressourceneinsatz für unseren „Wohlstand“ in Österreich laut Rohstoff Masterplan-2030 167 Mio. Tonnen – allein aus heimischer Produktion. Mit einer jährlichen Gesamtproduktion von etwa 100 Millionen Tonnen sind Baurohstoffe wie Sand, Kies, Mergel und Naturstein, mengenmäßig bei weitem die bedeutendste Gruppe der festen mineralischen Rohstoffe in Österreich. Hierbei spielen der Straßenbau und die Zementindustrie eine wesentliche Rolle beim Verbrauch. Für einen Kilometer Autobahn benötigt man allein 30.000 Tonnen Sand. In Österreich gibt es derzeit rund 350 aktive Steinbrüche. Dazu kommen noch etwa 950 Sand- und Kiesgruben. Die Nationalhymne könnte also durchaus lauten: „Land der Berge und Land der Kiesgruben…“. Früher galt, jedes Dorf braucht ein Wirtshaus. Heute ist es die Kiesgrube. Die mineralischen Rohstoffe werden nach der Gewinnung entweder per Bahn oder LKW an ihren Einsatzort transportiert (Forum Rohstoffe). Viel wird im Zusammenhang mit diesen großen Transportmengen und deren Bedeutung von Innovation und Nachhaltigkeit gesprochen. Was den Transport anbelangt, wird das Binnenschiff als Verkehrsmittel jedoch bei der Rohstoffverteilung mit keinem Wort erwähnt – obwohl maßgebliche Abbaugebiete im Einzugsgebiet der Wasserstraße Donau liegen. Stattdessen wird quasi empfohlen, das Gewichtslimit beim LKW-Transport zu erhöhen, weil dies angeblich zu weniger Verkehr führen würde.

In Wien – an der Wasserstraße Donau und Donaukanal, wird zum Beispiel trotz reger Bautätigkeit kein einziges Schiff für Rohstofftransporte genützt. Das Thema hängt eng mit den Begriffen „City-Logistik“ und „Urban Mining“ zusammen. Diese existieren aber im Vokabular der Rohstoffindustrie überhaupt nicht. Trimodale Umschlagslösungen dienen höchstens als Feigenblatt, um üppige EU-Förderungen lukrieren zu können. Für die Rohstoffumschlagslösung Hafen/Binnenschiff, bleiben meist nur ein paar Krümel übrig.

Dabei gibt es durchaus große Vorbilder. In Berlin sagt man, dass die Stadt „aus dem Kahn“ (Binnenschiff) erbaut wurde (und noch immer wird). Auch in vielen anderen Städten spielt das Binnenschiff bei der Rohstoffversorgung eine zentrale Rolle. Weniger nachahmenswert sind die Beispiele aus Indien, wo der Bau Sand von „Sand Miners“ – oft auch Kinder – aus den Flüssen geschöpft und auf Boote verladen wird. Dabei müssen diese ausgebeuteten Geschöpfe 200-300 Mal pro Tag metertief mit einem Kübel abtauchen. Eine ähnliche brutale Abbaumethode praktizierten die „Sandmänner“ vom Main – allerdings ohne Tauchgänge, als sie feststellen mussten, dass man mit Sand mehr Geld verdienen kann, als mit dem Fischfang. Heute spielt bei der Rohstoffgewinnung, dort wo die Schifffahrt gebraucht wird, nur noch High Tech eine Rolle. Selbst die vielerorts tätige Sandmafia ist schon gut ausgerüstet. Anders ist es beim Transport der Rohstoffe. Da ist „Steintal“ noch lebendig.

Aktuelles Beispiel: Die Grünen finden, dass mit einem „Schotterband“ im schönen Nibelungengau über die Donau gespannt, hunderte LKW-Fahrten eingespart werden könnten. Damit sind die Grünen zwar auf Linie des dort tätigen „Geröllheimers“, aber zu Ende gedacht ist die Lösung nicht. Wenn es um Schnelligkeit geht, die ist sicher geboten, dann ist das Binnenschiff die erste Wahl. Die Logistikabteilung müsste nämlich den Schiffstransport nur bestellen, weil selbst eine provisorische Verladeeinrichtung innerhalb von Stunden zu bewerkstelligen ist. Wenn es um die Zahl der einzusparenden LKW-Fahrten geht, dann ist auch das Binnenschiff die erste Wahl, denn ein (1) Binnenschiff könnte selbst bei Niederwasser noch immer etwa 400 Tonnen laden. Man geht in der Praxis allerdings davon aus, dass ein Schiffsverband immer zumindest aus zwei oder sogar vier Einheiten (Schubleichter) besteht. Im Extremfall also mindestens 800-1600 Tonnen transportiert. In Österreich kann man davon ausgehen, dass die Donauschifffahrt auch künftig gute Wasserstandverhältnisse haben wird (staugeregelt, reguliert). Daher kann ein Schiffsverband, aus bis zu vier Einheiten bestehend und bei halbwegs normalen Pegelständen, zumindest 4000 Tonnen dauerhaft transportieren. Die Frage ist also, warum macht man das nicht schon längst, wenn nachhaltig transportieren das Gebot der Stunde ist? Warum fordern die Grünen keine nachhaltige Lösung? Die Antwort ist simpel. Man macht es nicht, weil der Straßentransport billiger und einfacher ist. Die Straße ist immer die erste Wahl für einfach tickende Logistiker. Das Intelligenteste im LKW-Verkehr ist nämlich das Navi. Und vermutlich hat es bei den meisten Rohstoffschürfern noch nie eine UVP mit einem Verkehrskonzept gegeben. Die Bahn, wenn sie denn mittels „Förderband-Brücke“ erreicht wird, hat bereits jetzt genug Probleme mit Lärmbelästigung und Kapazitätsgrenzen. Außerdem, die Bahn ist auf gewissen Strecken sozusagen der Mercedes unter den Transportmitteln und mit einem Mercedes-PKW würde auch niemand auf die Idee kommen, Zementsäcke zu transportieren.

Das wichtigste Argument pro Binnenschiff liegt also in der Zukunftsplanung begründet. Auch wenn sich anscheinend noch niemand Gedanken darüber gemacht hat, wie „unser schönes Land“ ausschauen wird, wenn man mit Rodung und Abbau fertig ist – es wird jedenfalls noch ein paar Jahrzehnte erheblichen Transportbedarf geben.

Ein anderes Beispiel – ein Kärntner Zementwerk – zeigt, dass dort wo keine Wasserstraße, aber eine belastbare Bahn zur Verfügung steht, dennoch ausschließlich der LKW die erste Wahl im Rohstofftransport ist. Da stört es die Grünen auch nicht, dass unzählige LKW sogar durch enge Dorfstraßen fahren und nicht nur Anrainer schwer belasten, sondern auch hohe Infrastrukturkosten verursachen.

Der WWF hat 2018 in einer umfassenden Studie auf die schwerwiegenden Auswirkungen der unkontrollierten Rohstoffausbeutung hingewiesen – allerdings ohne die Transportfrage zu berücksichtigen. Inzwischen ist der Rohstoffverbrauch weiter exorbitant gestiegen und um die weltweite Gier befriedigen zu können, hat längst der Run auf die Schätze der Tiefsee begonnen. Ohne ausreichender Forschungsergebnisse über die Folgen der Ausbeutung, sagen die NGOs. Verfügbare Daten stammen von jenen Forschungen, die von den Ausbeutungs-Unternehmen finanziert werden. Zumindest wird man bei der Ausbeutung der Tiefseerohstoffe um den Schiffstransport nicht herumkommen. Die Sanduhr läuft ab. (PB)

 

LOGISTIK express Journal 4/2022