Es wird Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen

Der Wohlstand, den wir in Österreich gewohnt sind, mit all seinen Vorzügen, hat möglicherweise ein nahendes Ablaufdatum. Geht es nach Betriebswirt Mag. Harald Gutschi, muss die Regierung besser gestern als heute handeln und vor allem eines: der Bevölkerung endlich den Ernst der Lage bewusst machen. Die Medaille der Globalisierung zeigt nun ihre unschöne Seite.

Redaktion: Angelika Gabor.

In den letzten Jahrzehnten profitierten Österreich, Deutschland und einige andere Hochlohnländer von billiger Energie, womit Rohstoffe und Einzelteile veredelt und dann hochpreisig wieder exportiert wurde. Unsere Industrie profitierte deutlich von der Globalisierung. Doch dieses Modell fällt uns jetzt auf den Kopf: die Lieferketten sind außer Rand und Band. Den Anfang nahm dieser dramatische Absturz wie weithin bekannt in China – die Zero-Covid-Politik mit monatelangen Lockdowns führt zu drastischen Rückstaus bei dringend benötigten Warenlieferungen, egal ob es sich dabei um Verpackungsmaterialien oder Bauteile handelt.

Mag. Harald Gutschi, Sprecher der Geschäftsführung der UNITO Gruppe (u.a. Universal, OTTO, Quelle, Lascana, Schlafwelt, Ackermann), beobachtet die Entwicklung mit zunehmender Sorge: „Zu Weihnachten werden wir erstmals seit langer Zeit vor dramatisch leeren Regalen stehen. 400 Millionen Chinesen sind oder waren im Lockdown, vieles wurde nicht produziert. Die Situation hat eine Dimension erreicht wie die letzten 50 Jahre nicht mehr. Die Auswahl wird drastisch reduziert sein – man wird zwar natürlich Produkte finden, aber wenn es eine bestimmte Marke oder ein exaktes Modell sein soll, dann wird es schwer. Mein Rat daher: frühzeitig anfangen zu suchen.“

Aktuell werden in China 30 bis 40 Prozent weniger Containerschiffe abgefertigt als vor der Pandemie. Als Folge der globalen Arbeitsteilung fehlen Vorprodukte, weshalb auch im Rest der Welt die Produktionen teilweise stillstehen. Die fehlenden Chips für die Automobilbranche sind nur ein bekanntes Beispiel, aber fast jede Branche ist betroffen. Gutschi: „Aktuell haben wir den Peak erreicht: bei den Lieferproblemen, der Inflation und den gewerblichen Erzeugerpreisen.“ Der Handel hat sich massiv gewandelt: „Früher hatten wir einen Nachfragemarkt – die Kunden hatten eine riesige Auswahl und konnten den Preis mitbestimmen. Jetzt allerdings haben wir einen Angebotsmarkt, die Auswahl ist eingeschränkt und als Kunde muss man teilweise froh sein, überhaupt etwas zu bekommen, und das zu deutlich höheren Preisen.

Notwendiger Staatskommunismus.
Seit der Einführung des Euro im Jahr 2002 hat sich die Bilanzsumme der EZB mehr als verzehnfacht, insbesondere seit der Finanzmarktkrise 2008 wurden massiv Anleihen zugekauft. Als Nebenwirkung stiegen die Immobilienpreise rasant. Die nunmehrige Anhebung des Leitzinses als Gegenmittel zur Inflation war bereits abzusehen, ebenso wie die damit einhergehende Verschärfung der Kreditvergaberichtlinien. „Die EZB hat damit gerechnet, dass die hohe Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Allerdings sind deren Datenmo-delle nicht auf die Situation ausgelegt – sie berechnen und funktionieren nur in einer stabilen Welt. Deshalb lagen die Prognosen komplett daneben“, meint Gutschi.

Frachtraten sinken.
Laut einem Factsheet der DZ Bank steckten noch im Mai 2022 mehr als 11 Prozent sämtlicher global verschiffter Waren in Warteschlangen, im Juli 2021 waren es gar noch rund 14 Prozent.

„Häfen sind gesperrt oder es fehlt an Personal, um die Container zu verladen. Die Transport-raten gehen zwar wieder nach unten, sind aber noch immer auf einem sehr hohen Niveau. Ein Beispiel: Früher haben wir Sitzsäcke um 99 Euro verkauft, heute kostet allein der Transport dieses Sitzsackes 200 Dollar. Wer soll denn das kaufen?“, so Gutschi. Lag der aggregierte Frachtmarktpreis für Schiffstransporte aus China im Juni 2018 noch bei etwa USD 2.000, betrug er zum Höhepunkt im September 2021 knapp USD 23.000 – für die gleiche Leistung.

Gaslieferstopp als Schreckgespenst.
Gutschi rechnet fix damit, dass spätestens im Herbst Russland die Erdgaslieferungen nach Österreich ganz einstellt, bereits jetzt sind die Mengen stark gedrosselt. „Sollte der Gashahn zu sein – und die Wahrscheinlichkeit dafür ist deutlich über 50 Prozent – wird es wirklich kritisch“, fürchtet er. „Forscher rechnen mit Minus 2 Prozent des BIP.

Allerdings nehmen die bei ihren Prognosen an, dass das Gas einfach woanders herkommt. Das ist reine Naivität. Wir hängen von Putin ab, nicht umgekehrt.“ Auch die Diskussion um die Verteilung der Gasreserven im Ernstfall versteht er nicht. „Dass den Menschen der Vorzug gegeben wird, ist mir unbegreiflich. Ein paar Grad weniger in der Wohnung halte ich aus, da ziehe ich mich einfach wärmer an. Aber die Industrie ist das Rückgrat unserer Wirtschaft, die Basis unseres Wohlstands – wenn die stillsteht, dann haben
wir wirklich ein gewaltiges Problem.

Stellen Sie sich vor, BASF in Ludwigshafen muss die Produktion einstellen – ohne Chemie können unzählige weitere Produkte nicht erzeugt werden: keine Verpackungen, Klebstoffe, Dämmmaterial, Sportartikel, Arznei-mittel usw. Wir reden hier von einem Einbruch des BIP im zweistelligen Bereich.“ Deshalb müsse nun jeder einen Beitrag leisten, denn auch viele kleine Schritte bringen einen in Summe ans Ziel.

Wohlstandsverlust unvermeidbar.
„Es ist an der Zeit, der Bevölkerung endlich reinen Wein einzuschenken: ein Wohlstandsverlust ist unvermeidbar. Der Staat kann es nicht immer richten, nach der Pandemie sind die Kassen leer. Das 28 Mrd. € schwere Entlastungspaket war ein wichtiger und richtiger Wurf. Wenn es nun wirklich gelingt, die kalte Progession abzuschaffen, dann ist diese Regierung zu etwas fähig, woran bisher alle gescheitert sind. Meiner Meinung nach muss solch eine gravierende Änderung auch in den Verfassungsrang. Jede Partei, die gegen die Abschaffung der kalten Progression ist, leistet einen Affront gegen jeden einzelnen arbeitenden Menschen.“

Eine staatliche Preisregulierung ist für ihn hingegen der falsche Weg. „Der Staat muss über Transferleistungen unterstützen, den Preis bestimmt der Markt.“ Ein wichtiger Faktor ist die Energie, das Energiesparen sollte nicht nur für ÖKO-Aktivisten an erster Stelle stehen. „Ich erwarte eine Aufforderung zum Energiesparen, und zwar jetzt gleich. Parallel muss nach Alternativen gesucht werden. Die Wiederinbetriebnahme des Kohlekraftwerks ist ein wichtiger und richtiger Schritt – wenngleich auch ich damals bei der Abschaltung gejubelt habe. Die Versorgung mit Gas hat oberste Priorität“, so Gutschi. Für die zukünftige Strategie sei es auch dringend nötig, die Vertreter der Industrie an einen Tisch zu bringen und Ernstfall-Szenarios zu simulieren – also kein Erdgas mehr zu haben. Gutschi: „Es war naiv zu glauben, dass kein Krieg kommt. Jetzt müssen wir mit den Konsequenzen leben.“

Arbeitskraft & Arbeitszeit.
Vor kurzem noch klagten viele Unternehmen über den eklatanten Fachkräftemangel. Heute fehlt Personal an allen Ecken und Enden. „Wo sind nur all die Menschen?“, fragt Gutschi. Eine mögliche Antwort: außer Landes. Denn durch die Pandemie kommen viele Arbeitskräfte, beispielsweis Erntehelfer, nicht mehr nach Österreich. Die Wirtschaftsleistung liegt noch unter dem Niveau von 2019.

Laut Handelsverband rechnen die Unternehmen im Jahr 2022 mit einem Umsatzrückgang von minus 14 Prozent im Vergleich zu 2019. Mitschuld an der Misere ist laut Gutschi die Kurzarbeit. „Dieses Arbeitsmarktinstrument verlängert die Verkrustung und zögert bei manchen Unternehmen nur das Unvermeidliche hinaus. Kurzarbeit sollte auf ein absolutes Minimum reduziert werden, statt dessen ist eine Arbeitsmarktreform dringend nötig – beispielsweise die Senkung der Lohnnebenkosten für Arbeitnehmer. Dies wäre durch die überproportionale Kaufkraftsteigerung ein Lichtblick und die beste Maßnahme, um dem Handel zu helfen“, meint Gutschi.

Fazit: Wir müssen uns auf Einschränkungen einstellen, auch das Angebot frei verfügbarer Waren wird schrumpfen. Aber: „Es hilft nichts, pessimistisch zu sein. Menschen sind kreativ, und wir werden immer eine Lösung finden.“ (AG)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2022