Intelligente Lieferroboter lösen Problem der letzten Meile

Die weltweite Nachfrage nach autonomen Lieferrobotern und Drohnen steigt nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie und den stark expandierenden Online-Handel rasant. Im Land der Mitte sind es Alibaba, Meituan, JD die die Entwicklung und den Einsatz von Robotern z. B. im Lebensmittelbereich vorantreiben.

Redaktion: Dirk Ruppik.

Die letzte Meile gilt traditionell als teuerster Teil der Transportstrecke einer Lieferung, da sie extrem ressourcenintensiv ist. Es werden sehr viele Lieferfahrzeuge mit Personal benötigt, die nicht nur die Kosten in die Höhe treiben, sondern auch Ballungsräume verstopfen und zu Umweltproblemen führen. Probleme bei der Lieferung wie Lieferverzögerungen, verlorene oder beschädigte Ware führen zu negativen Kundenerfahrungen, worauf diese von den Kunden dann wutentbrannt und enttäuscht auf Social Media mit anderen potenziellen Kunden geteilt werden. Daher ist es für Transport- und Logistikunternehmen von entscheidender Bedeutung, die größten Probleme der letzten Meile zu kennen und zu lösen. Die Corona-Pandemie hat die kontaktlose Lieferung z. B. von Lebensmitteln oder auch anderen Online-Käufen durch Roboter vorangetrieben. Der Bedarf wird wohl weit über das Ende der Pandemie hinaus bestehen bleiben.

Revolution der Lieferroboter.
Eine Möglichkeit der Lösung sind Lieferroboter, die langfristig günstiger und zuverlässiger sind als menschliches Personal. Auch besteht vielerorts Knappheit bei geeigneten Personal im Expresszulieferbereich. Andere Möglichkeiten sind die Verbesserung der Kommunikation, Transparenz und Organisation entlang der Supply Chain. Zudem wird die Einführung von Blockchain und Künstlicher Intelligenz die Effizienz der Lieferkette enorm erhöhen. In China und Japan werden enorme Anstrengungen unternommen, um die letzte Meile durch Roboter zu automatisieren und effizienter und weniger fehleranfällig zu gestalten. Vorreiter wie die chinesische Meituan Dianping und das japanische Unternehmen ZMP engagieren sich im Bereich der Auslieferung von Lebensmitteln. Zudem investiert die Alibaba Group (Cainiao) zusammen mit der Damo Academy in den Aufbau einer Roboter-Lieferflotte.

Der in Tokio beheimatete Roboterhersteller ZMP hat bereits in 2019 Lebensmittel-Lieferroboter (DeliRo) entwickelt und sie überwiegend in Bürogebäuden, Wohnkomplexen und Universitäten getestet. Die kommerzielle Auslieferung von bestelltem Essen soll schon in 2022 in Tokio beginnen. DeliRo fährt auf Gewegen in Schrittgeschwindigkeit (6 km/ h) und nutzt dabei Kameras sowie Lasertechnik, um Kollisionen zu vermeiden. Er kann mit Menschen via Sprache und Gesichtsausdruck bzw. Mimik kommunizieren.

DeliRo wurde im Rahmen des Konzepts „RoboTown“ entwickelt – eine Stadt in der Menschen und Roboter koexistieren sollen. Künftig soll DeliRo auch Auslieferungen für die Japanische Post übernehmen.  Die japanische Regierung will dafür die Gesetze ändern, damit Roboter künftig legal Gehwege in Schrittgeschwindigkeit und Straßen ohne menschliche Begleitung nutzen dürfen. Die Nachfrage nach kontaktlosen Postlieferungen wird durch die weiterhin bestehende Pandemielage gefördert. Zudem besteht ein akuter Arbeitskräftemangel in der alternden japanischen Gesellschaft.
Die chinesische Shopping-Plattform Meituan hat im April bekannt gegeben, dass es zehn Milliarden US-Dollar (8,8 Milliarden Euro) in die Entwicklung von autonomen Fahrzeugen und Drohnen für Lieferdienste investieren wird.

Das Unternehmen testet autonome Lieferfahrzeuge (Geschwindigkeit 20 km/ h) in Peking seit Februar 2020. Seither hat es 35000 Bestellungen kontaktlos während der Corona-Pandemie ausgeliefert. Im April 2021 wurde die nächste Generation an Lieferrobotern auf den Markt gebracht, die mit einer Batterieladung 80 km Lieferradius aufweisen. Die Ladekapazität beträgt 150 kg. Die Roboter können Objekte und Menschen im Bereich von 150 m wahrnehmen und Kollisionen verhindern.

Zudem testet Meituan die Auslieferung von Lebensmitteln via Drohne, die Bestellungen zu ausgewählten Straßenkiosken liefern sollen. Allerdings wird für die Drohnenlieferungen nach wie vor Personal benötigt. Ein Kurier holt die Lebensmittel-Bestellung vom Verkäufer ab und bringt sie zum Abflugbereich der Drohnen auf einem Hochhaus. Ein Inspektor packt die Lebensmittel in die Drohne und macht sie startbereit. Diese kann bei 4 kg Eigengewicht 2,5 kg befördern.Dies entspricht ungefähr dem Gewicht von einem Mittagessen für zwei Personen. Falls z. B. nur ein Getränk bestellt wird, wird der restliche Laderaum verschwendet. Ob Drohnenlieferungen wirklich wirtschaftlich sind, muss noch untersucht werden. Die Frage bleibt natürlich, wie die Drohnenlieferung effizienter gestaltet werden kann.

Meituan will die überwiegende Anzahl seiner Lieferboten nicht ersetzen, sondern will eine Kollaboration von Menschen und Robotern. Die überfüllten Straßen von chinesischen Großstädten stellen für Lieferboten eine große Herausforderung dar. Alibabas Ele.me und die Handelsplattform JD.com haben ebenfallls in Drohnen-Lieferdienste investiert.

Alibaba setzt ab 2024 – zehntausend Lieferroboter ein.
Der Tech-Konzern Alibaba Group will eine gigantische Lieferrobotor-Flotte einsetzen, um der gewaltigen Flut an Paketen Herr zu werden, die über die eigenen Handelsplattformen Alibaba, Aliexpress, Taobao und Tmall bestellt werden. Lieferroboter gelten als schnell, zuverlässig und relativ günstig im Vergleich zum Personeneinsatz, um die gewaltige Anzahl an Bestellungen zu erfüllen. Laut Alibabas Leiter der Technologieabteilung Cheng Li gehören autonome Fahrzeuge zu den Schlüsseltechnologien des digitalen Zeitalters. Daher hat der Konzern damit begonnen, zunächst über 1000 Lieferroboter mit dem Namen „Xiaomanly“ (auf Deutsch kleiner Esel) auf Universitätsgeländen und in Stadtgemeinden in China einzusetzen. Bis 2024 sollen rund 10000 Lieferroboter in Dienst gestellt werden, was zu einer täglichen Auslieferkapazität von einer Million Paketen führen würde.

Die Roboter wurden von Alibabas Damo Academy zusammen mit dem eigenen Logistikarm Cainiao entwickelt. Die Kapazität der kleinen Esel liegt bei 50 Paketen pro Fahrt und rund 500 Paketen pro Tag und Lieferroboter. Ende September 2021 hatte die Xiaomanly-Flotte bereits eine Million Pakete seit ihrer Einführung ausgeliefert. Dabei wurden Kunden in 52 Städten in 22 verschiedenen chinesischen Provinzen beliefert.

Die Roboterfahrzeuge werden an lokalen Kurier-Abladestellen beladen und können rund 100 km mit einer Batterieladung zurücklegen. Allerdings können die kleinen Esel bisher noch keine Treppen erklimmen. Die Technologie soll aber schrittweise verbessert werden. Künstliche Intelligenz (KI) plant den kürzesten Weg von der Abholstation zur jeweiligen Kundentür. Xiaomanly kann Bewegungen von Objekten wie Fußgängern und Fahrzeugen durch einen Berechnungsalgorithmus für fünf bis zehn Sekunden voraussagen und dadurch Kollisionen mit einer Genauigkeit von 99,9999 Prozent vermeiden. Dies entspricht einem hohem Automatisierungsgrad von 4 auf einer Skala von 0 bis 5.

Ein Automatisierungsgrad von 5 scheint bisher unerreichbar, da besonders auf stark befahrenen Straßen die Verarbeitung einer unglaublichen Fülle an Daten notwendig wäre. Die kleinen Esel fahren allerdings für die Auftragserfüllung auf der letzten Meile relativ langsam auf Gehwegen und Randstreifen in einer kontrollierbaren Umgebung, daher ist Automatisierungsgrad 4 ausreichend. Zur Navigation nutzen sie GPS, eine Cloud Computing-Plattform, 3D Point Cloud Semantic Segmentation (PCSS) Technology und High Definition Position Technology.

Die Lieferroboter erlernen dabei durch KI schrittweise ihre Umgebung. Zuvor wurden die KI-Algorithmen schon mit 10000 simulierten Szenarien trainiert, wie beispielsweise das Auftreten von Extremwetter und schlechten Sichtverhältnissen. Künftig sollen die kleinen Esel beispielsweise Gabelstapler in Produktionshallen bzw. in Logistikzentren ersetzen, medizinischen Abfall in Krankenhäusern entsorgen und Gepäck auf Flughäfen transportieren. Laut Wang Gang, Leiter des Autonomous Driving-Labors bei der Damo Academy, wird die gleiche Technologie nun für größere autonome Lieferfahrzeuge in Kooperation mit Cainiao eingesetzt. Die größeren autonomen Lkw werden schon ab 2024 Güter über längere Distanzen in kürzerer Zeit ausliefern können und dann zum normalen Straßenbild gehören.

Globale Nachfrage nach Lieferrobotern steigt rasant.
Laut der amerikanischen Fachzeitschrift Robotics 24/7 soll der weltweite Markt für Lieferroboter von 212 Millionen US-Dollar (186 Millionen Euro) in 2021 auf 842 Millionen Euro in 2026 expandieren. Dies entspricht einer jährlichen kumulierten Wachstumsrate von 35,1 Prozent. Große Online-Händler wie Meituan, Alibaba, Amazon und JD entwickeln alle aktiv zusammen mit Technologiefirmen für autonome Systeme Lieferroboter und Drohnen. Andere internationale Firmen, die Lieferroboter entwickeln, sind Daxbot, Eliport, Postmates, Refraction AI, Tortoise und Unity Drive Innovation. (DR)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 1/2022

 

China: Veränderte Technologietrends durch Covid

Die Pandemie fungiert im Land der Mitte u. a. auch als Beschleuniger für Technologien wie 5G, UHD-Streaming, KI und Robotik. E-Commerce und zugehörige Trends expandierten ebenfalls enorm.

Redaktion: Dirk Ruppik.

Die Corona-Pandemie hat nicht nur Lieferketten unterbrochen, den Reiseverkehr lahmgelegt und die Wirtschaft der Länder nachhaltig geschädigt, sondern sie fungiert auch als Katalysator für verschiedenste neue Technologien. Die Covid-Krise beschleunigt die Digitalisierung im Land der Mitte. Digitale Geschäftsmodelle und Technologien wie Online-Essenslieferung und Apps für Mitfahrgelegenheiten spielen eine große Rolle bei der Milderung der sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie.

E-Commerce und Technologietrends expandieren enorm.
Weltweit nahm durch die Angst vor Ansteckung und Lockdowns der Online-Handel enorm zu. Gewinner in China waren wie in Deutschland die Bereiche Lebensmittel-Onlinehandel sowie Güter des täglichen Bedarfs. In der Volksrepublik expandierte der Online-Anteil am Einzelhandelsumsatz in 2020 laut Statista auf 44 Prozent (Vorjahr 36,6 Prozent). Für 2021 werden 50,5 Prozent prognostiziert. Im Bereich des E-Commerce gewannen Trends wie Livestreaming und vermehrtes Influencer-Marketing an Fahrt. Ein Beispiel ist das chinesische Kosmetikunternehmen Lin Qingxuan (1), das nach weitreichenden Schließungen von Läden durch Covid kurzerhand alle Schönheitsberater aus diesen Läden zu Influencern ausbildete. Dadurch stiegen die Umsätze um 200 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In einer Umfrage der S&P Global Market Intelligence (2) gaben 66 Prozent der Befragten an, dass sie mehr Produkte während der Pandemie online kaufen. Die bedeutendsten chinesischen Internet-Plattformen sind Alibabas Taobao und Tmall, JD.com Incs Jingdong Mall und Pinduoduo. Alibaba und JD nutzen insbesondere ihr Know-how in 5G-Technologie, Künstliche Intelligenz und Robotik, um innovative Lieferoptionen anbieten zu können. Zudem ist im Lande das digitale Bezahlen via mobiler Bezahlplattformen wie WeChat Pay und Alipay weit verbreitet, was die Verlagerung von Offline- zu Online-Einkäufen via Handhelds in der Pandemie sehr begünstigte.

Innovative E-Commerce-Trends prägen den Markt.
Viele neue E-Commerce-Trends (3) erobern im Land der Mitte den Markt und können durchaus eine Vorbildfunktion für andere Länder haben. Zu den Trends gehören der Wandel vom Key Opinion Leader (KOL)- zum Key Opinion Consumer (KOC)-Marketing, Livestreaming, Kurzvideos und Kurzvideo-Apps, Gruppenkäufe z. B. via Pinduoduo, Social Commerce, Nutzung von exklusiven Clubs oder z. B. WeChat-Gruppen, Omnichannel Marketing, kanalübergreifende Nutzung von Big Data und KI, Verwendung von mobilen Bezahlplattformen und Nutzung von Fintech-Angeboten, grenzüberschreitender E-Commerce, Fokus des E-Commerce und New Retail auf kleinere und mittlere Städte und nicht zuletzt die Einführung des digitalen Yuans. KOC oder zu Deutsch auch Hauptmeinungs-Konsumenten sind “normale” Kunden die Produkt-Rezensionen und Empfehlungen als Video- oder Blog-Post erstellen. KOC sind Influenzer, die den Vorteil der Authentizität genießen. Man könnte das Ganze auch als Beziehungsmarketing (Teil des Social Commerce) beschreiben. Kunden sind ständig auf der Suche nach authentischen und vertrauenswürdigen Empfehlungen und Ratschlägen.

Chinesen lieben virtuellen Stadtbummel.
Ein wichtiger E-Commerce-Trend ist die digitale Nachahmung des klassischen Stadtbummels, die am besten durch die Nutzung von Social Commerce und Livestreaming erreicht wird. Mehr als 300 Millionen Chinesen nutzen bisher Kurzvideo-Apps wie Douyin und Kuaishou. Käufer, die jünger als 35 Jahre sind und aus Haushalten mit mittleren bis hohen Einkommen in größeren Städten kommen, nutzen meist dieses Medium. Der E-Commerce Trend wird durch die Tendenz zu mehr packenden Video-Inhalten und FOMO (Fear Of Missing Out) angetrieben. Komplettiert wird das ganze durch die Möglichkeit der Ein-Klick-Bestellung. Eine weitere interessante Entwicklung ist der Trend zu Gruppen-Käufen z. B. auf Pinduoduo. Dabei hat jedes Produkt bei Pinduoduo zwei Preise – einen für den Einzelkauf und den zweiten für den Gruppenkauf z. B. mit einem Freund. Mit jeder weiteren Person reduziert sich der Preis weiter. Dadurch werden Kunden motiviert, ihre Käufe auf Social Media-Plattformen zu teilen und weitere Käufer zu finden. Generell zeigt der chinesische Käufer ein stark mobiles Konsumverhalten. Die meisten Chinesen kaufen mittels Smartphone bzw. Tablet. 80 Prozent des Kaufvolumens des Online-Einzelhandels wird auf mobilen Geräten generiert – weltweit liegt der Schnitt bei 64 Prozent.

5G ist Schlüsseltechnologie für viele neue Anwendungen.
Zu Beginn der Pandemie entwickelten Firmen wie China Mobile Ltd., China Unicom (Hong Kong) Ltd. und China Telecom Corp. Ltd. viele 5G-gebundene Technologien wie Desinfektions-Roboter und Wärmebildkameras mit Scannern. Der Erfolg dieser Technololgien führte zu einem großen Interesse an 5G und entsprechenden Technologien. 93 Prozent der durch S&P Global befragten Personen bekundeten ein Interesse auf 5G umzusteigen. Insgesamt zeigten 31 Prozent ein sehr großes Interesse. Besonders Internet der Dinge (IdD)-gebundene Systeme für die Haussicherheit zogen das größte Interesse auf sich. Trotzdem sind 76 Prozent der Befragten über die Sammlung von Daten und den Verlust ihrer Daten via IdD besorgt. Nur drei Prozent glaubten, dass ihnen IdD keinerlei Nutzen bringt. Während der Lockdowns wurde die Betrachtung von Live-Videos im Land der Mitte zum beliebten Zeitvertreib. Viele Sender strahlten Virtual Reality-Videos live in Ultra-HD-Qualität via 5G aus. Beispielsweise wurde die Kirschblüte in Parks live gestreamt, um ein virtuelles Naturerlebnis für zuhause zu kreieren und so die Lockdowns erträglicher zu machen. (DR)

Quelle: LOGISTIK express Journal 4/2021

Digitalisierung des Einzelhandels: Datengesteuerte Warenzustellung wird mit 1. Juli 2021 Realität

Verpflichtende Bereitstellung von Daten vor dem Versand erhöht die Zustelleffizienz, gewährleistet Zustellpräferenzen der Empfänger und ermöglicht Nachhaltigkeit.

Beitrag: Walter Trezek.

Mit der Umsetzung des EU MwSt. Ecommerce Pakets (RICHTLINIE (EU) 2017/2455 DES RATES vom 5. Dezember 2017) tritt mit dem 1 Juli 2021 die Digitalisierung des Einzelhandels in eine neue Phase. Das Datenmodel der Finanzbehörden harmonisiert die Art und Weise wie Daten zu Einzelhandelswaren verwaltet und vor jedem Versand ausgetauscht werden müssen. Die Grundlagen der weiteren Digitalisierung des Einzelhandels, weltweiten Normen folgend, wurden festgelegt.

Digitalisierung erfordert eine andere, neue Infrastruktur.
In der EU wird sich der Anteil des digitalen Einzelhandels von heute 15% auf 30% bis 2023 verdoppeln. ¼ des online Handelsvolumens stammt aus EU-Drittstaaten. 4 Marktplätze sind für 2/3 aller Warensendungen, die in die EU importiert werden, verantwortlich. Allein 2019 importierte AMAZON etwa 650 Mio. Warensendungen grenzüberschreitend in die EU. Mehr als ¾ dieser Sendungen waren Warensendungen mit geringem Wert, bei der Alibaba-Gruppe lag das tägliche Importvolumen 2019 bei etwa 2,5 Mio. Warensendungen täglich. Nach Studien der World Free Zone Organisation rechnen die Zollfreihäfen weltweit damit, dass bis 2030 annähernd 80% des Welthandels online abgewickelt werden. Gleichzeitig hat sich der Trend von B2B zu B2C verstärkt. Der digitale Einzelhandel und damit die Warensendungsvolumen werden weiterhin zweistellig wachsen.

Statt weniger Daten zu großen Mengen (B2B) – viele Daten zu Einzelmengen (B2C).
Die Zustellung der digital bestellten Handels-waren wird eine Herausforderung. In der Zukunft können mit der heute, auf analogen Prozessen basierenden Zustellinfrastruktur, die stark wachsenden Paketmengen, nicht nach den Präferenzen der Empfänger zugestellt werden. Auch die geplante Erweiterung der Dichte an Paketstationen der Deutschen Post AG bis 2023, auf ca. 1 Mio. Fächer (2,5-fach zu 2020) wird nur in der Lage sein etwa 5 – max. 7% des Volumens über Pick-up / Drop-off Lokationen zuzustellen zu können.

Was online verkauft und zugestellt werden kann wird zugestellt.
Der Versand von Nahrungsmitteln folgt dem Versand von non-food Einzelhandelswaren. In den kommenden Monaten ist diesem Marktsegment mit einem erhöhten Wachstum zu rechnen. Die notwendige Digitalisierung der Einzelhandelswaren und die damit verbundenen Harmonisierung ist im Nahrungsmittelhandel ist bereits fortgeschritten.

Alles ist mit Allem verbunden.
In der Zustellung der Warensendungen werden die Zeit- und Ortsangaben zum Sendungsverlauf (so genanntes “Track & Trace”) durch die digitale Vorabmeldungen vervollständigt. Die erste und letzte Meile wird durch eine digital gestützte, selbstlernende Infrastruktur ergänzt. Die notwendige Verbesserung der Nachhaltigkeit und Stärkung der Kreislaufwirtschaft wird durch Vorabmeldungen auf eine neue digitale Basis gestellt.

Digitaler Wandel im Handel –> Mengenwachstum -> Infrastrukturevolution.
2019 wurden in europäischen Wirtschaftsraum bereits weniger klassische B2C Briefsendungen zugestellt als Warensendungen. Auf allen Ebenen der postalischen Prozesskette: der Annahme, Sortierung, Transport und auch Zustellung kommt es zu Konsolidierung und Kollaboration der Wirtschaftsbeteiligten.  Kritisch ist, dass die Ausstattung der Marktteilnehmer nicht zur Nachfrage passt. Mit der zunehmenden Digitalisierung wird eine datengestützte Infrastruktur notwendig, die auch eine betreiberunabhängige und unbeaufsichtigte Zustellung der digital bestellten Einzelhandelswaren benötigt.

Einzelhandel ist beides OFF- / ON-line.
Erfolgreicher Einzelhandel präsentiert, informiert und verkauft seine Einzelhandelswaren off-line im klassischen stationären Handel, digital gestützt aber genauso on-line. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Web-Präsenz, Webshop und Marktplatz. Reine digitale Marktplätze ergänzen ihre Vertriebskanäle durch stationäre Konzepte. Präferenzen von Kunden kann so on-line besser mittels click / call & collect; pick-up; drop-off und micro-fulfilment-centres entsprochen werden.

Digitalisierung der Warenlieferketten.
Was mit dem finanzpolizeilichem Zoll-Datenmodel begonnen hat, führt zu einer Harmonisierung der digitalen Beschreibung der Einzelhandelswaren, als Voraussetzung der Zustellung, aber auch der Transportsicherheit, Produkthaftung und auch der Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft:

  1. Warenbeschreibung: Harmonisierung der generischen (Zollkodex) und/oder der produktindividuellen (z.B. “Global Trad Item Number”) Beschreibung;
  2. Namen und Anschriften von Absendern, Empfängern und, soweit abweichend, von denjenigen Personen, welche die jeweilige Postsendung eingeliefert oder entgegengenommen haben;
  3. Art des in Anspruch genommenen Postdienstes (digitale ID);
  4. Maße und Gewicht der jeweiligen Postsendung;
  5. die vom Postdienstleister zugeteilte Sendungsnummer (eindeutige Transport-ID
    der jeweiligen Postsendung sowie, sofern der Empfänger eine Abholstation mit Selbstbedienungs-Schließfächern nutzt (Kennung),dessen persönliche Postnummer („Zugangseröffnung“);
  6. Zeit- und Ortsangaben zum jeweiligen Postsendungsverlauf; sowie
  7. zu Zwecken der Erbringung der Postdienstleistung erstellte Bildaufnahmen von der Postsendung.
  8. Daten zu den Waren sind beim Verkauf vorhanden -> damit Zustellung nach den Präferenzen der Kunden.

Starkes Volumenwachstum erfordert verbesserte Effizienz auf der letzten Meile.
Bis zu 1/3 aller Zustellkosten fallen auf der letzten Meile an. Die Digitalisierung des Einzelhandels erhöht die Effizienz in der Zustellung auf der letzten Meile wesentlich. Das Ziel ist eine „one-stop-delivery“, die ähnlich wie bei der Briefzustellung zu einer gesicherten Abgabe der Warensendungen an jeden Haushalt, über einen für alle Zusteller offenen Zustellkasten führt. Die heute bestehende Zustelladresse wird um eine „Zugangseröffnung“ nach den Präferenzen der Empfänger im Interesse aller erweitert (insb. des Handels, aber auch der Konsumenten). Heute passen nur zu < 50% aller Warensendungen in die bestehenden, normgerechten Postfachanlagen. Damit wird eine Neudefinition der notwendigen Infrastruktur, die jeder Haushalt haben sollte (nach bestehenden europäischen und/oder auf Deutschland zu konkretisierende Normen), oder auch der Allgemeinheit zugänglichen Hinterlegungsorten notwendig.

Daten steuern die Zustellung von Waren – wem gehören die Daten?
Die Sicherheit, damit das Vermeiden von Gefahr für Leib und Leben, und das Unterbinden einer kriminellen und verbrecherischen Nutzung einer solcherart neu aufzubauenden Infrastruktur ist bereits weit vorangeschritten. Der soziale Aspekt ist dringend zu berücksichtigen und damit für eine Barrierefreiheit zu sorgen. Umweltverträglichkeit der Konzepte ist zu gewährleisten. Damit ist die digitale Bemessung des CO² Verbrauchs der individuellen Einzelwarenzustellung, die Nachhaltigkeit und Vermeidung von sekundärem Abhol- oder Zustellverkehr, aber auch drohende Verkehrsbeschränkungen – die in aller nächster Zeit sogar zu Verkehrsverboten werden könnten zu berücksichtigen.

Wettbewerbsgleichheit, das Ende der MwSt.
Hinterziehung und des Zollbetrugs sowie Ende der Verletzung von Eigentumsrechten stehen heute im Vordergrund. Mit der Standardisierung der Daten gewinnt der Einzelhandel wieder die Hoheit über seine eigenen Daten. Diese Daten sind die Daten des Handels und sollten auch allen Wirtschaftsbeteiligten offensteht. Damit sind proprietäre Datensysteme, die heute große Teile des digitalen Handels beherrschen ungeeignet und werden auch durch offene Konzepte wie eben dem EU- Zolldatenmodel abgelöst.

Gesetzliche Vorgaben, Normen.
Seit 1. Jänner 2021: Daten zu Waren-POST-sendungen (grenzüberschreitend) müssen vor dem Versand zwischen Postbetreibern ausgetauscht werden (Transport- und Konsumentenschutz; Zoll- und MwSt.). Seit 15. März 2021: Zu allen Warensendungen (KEP) vorab Datenaustausch bei einer geplanten Flugfracht. Bis 2025 gilt das für alle Transportkanäle. Bis Mitte 2024 Volldigitalisierung aller Frachtinformationen. Mit 1. Juli 2021: Daten zu allen Warensendungen müssen vor dem Versand ausgetauscht werden, trifft Importe in die EU, aber auch Intra-EU versandt. (Zoll- und MwSt.). Mandate der Europ. Kommission ermöglichen allen Wirtschaftsbeteiligten die konkrete Ausgestaltung der Normen (nach den gesetzlichen Rahmenvorgaben). Dazu gehören auch betreiberoffene, kontaktlose Übergabeeinrichtungen, sowie der notwendige Datenaustausch zwischen den Wirtschaftsbeteiligten. (Vermeidung von kriminellen oder verbrecherischen Tätigkeiten). Austrian Standards arbeitet an der Gestaltung der Europäischen Normen, als Spiegelgremium zu CEN und ist Wirtschaftsbeteiligten offen, Normen auch für Österreich zu konkretisieren.

Der logistic-natives e.V. ist das internationale Netzwerk für Logistik & Infrastruktur des modernen Handels und repräsentiert über 30.000 Branchenunternehmen. Dabei unterstützen wir bei der Befähigung zur fortschreitenden Digitalisierung von Unternehmen und der Zustellung von Handelswaren durch digitale Kommunikationsmedien im Sinne der Zustellungsoptimierung, Nachhaltigkeit, life-cycle- & Retourenmanagements und der Kreislauf-logistik. (RED)

QUELLE: LOGISTIK express Ausgabe 3/2021

Handel leidet, doch kein Ende in Sicht beim E-Commerce-Trend

Die neue Studie „Österreichs Handel in Zahlen” des Handelsverbands zeigt große Verluste im letzten Jahr bei gleichzeitig massiv gestiegenem e-Commerce-Anteil. Auch 2021 bescheren Corona-Maßnahmen dem stationären Handel Einbußen, während der Distanzhandel boomt. Zu dumm, dass am Onlinekuchen vor allem ausländische Profiteure naschen.

Redaktion: Angelika Gabor.

Studienautor Andreas Kreutzer, Geschäftsführer der Marktanalyse-Plattform Branchenradar.com, bringt es auf den Punkt: „Die gesetzlichen Maßnahmen im Zuge der Pandemie waren so konfiguriert, dass vorrangig der private Konsum eingeschränkt wurde.“ Bedenkt man, dass eben dieser private Konsum rund 50 Prozent zum BIP beiträgt, kann man sich ausrechnen, welch immensen Schaden die Wirtschaft dadurch nimmt.

In Zahlen ausgedrückt: der kumulierte Verlust im Lockdown liegt bei 39 Milliarden Euro – die privaten  Haushaltsausgaben sind 2020 real um 8,2 % von 206,5 Milliarden Euro auf 192,5 Milliarden Euro geschrumpft. Besonders Leidtragende dabei waren der Dienstleistungs- und der Kfz-Sektor. Mit dem Erreichen des Vorkrisenniveaus wird frühestens 2024 gerechnet, für 2021 wird ein leichtes Plus von 0,5 % erwartet.

Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands Österreich: „Der e-Commerce-Anteil stieg in diesem Zeitraum auf einen Rekordwert von 11,2 %.“ Leider mit einem Schönheitsfehler, denn nur ein Drittel der Pakete wird im heimischen Onlinehandel bestellt. Eindeutige Situationsgewinner nach Branchen waren 2020 In-Home-Produkte. Aufs Sieger-Treppchen beim Wachstum dürfen demnach Nahrungsmittel mit +8,6 Prozent, Videospiele mit +6,7 Prozent und Grünraumprodukte mit 5,4 Prozent. Weil wenn man schon zu Hause sitzt, möchte man es schön haben, gut essen und mit Spielen die Zeit totschlagen. Kreutzer: „Alle Ausgaben in Zusammenhang mit sozialen Kontakten und Outdoor- bzw. Freizeitaktivitäten waren hingegen rückläufig.“

Blaues Auge oder doch k.o.?
Von den rund 40.000 Einzelhandelsunternehmen, die es in Österreich vor der Corona-Krise gab, haben rund 85 % etwa ein Drittel Umsatzverlust hinnehmen müssen. Hinzu kommt, dass drei Viertel aller heimischen Händler für 2021 weitere Verluste erwarten. Trotz Hilfen der Regierung wird es Opfer geben: „Ich rechne damit, dass 5.000 Unternehmen oder mehr schließen müssen, da sie durch die Krise einen zu großen Schuldenrucksack herumschleppen“, befürchtet Will, „Im Juni wartet mit den doppelten Gehältern eine riesige Hürde, die es zu überwinden gilt.“

Nicht zu vergessen, die Zehntausenden Arbeitsplätze, die an diesen Unternehmen direkt und indirekt hängen. Durch das Ende des Lockdowns kann der Ausfall pro Woche um rund 100 Millionen reduziert werden, aber das System ist vulnerabel. Die „Osterruhe“ im Osten beispielsweise bescherte der Branche knackige 1,95 Milliarden Euro Umsatzverlust, weshalb der Handel vor erneuten Beschränkungen zittert.

Am schlimmsten betroffen: der stationäre Modehandel, der auf der Saisonware sitzenblieb. Aber auch Wintersportgeräte-, Schmuck- und Schuhhändler mussten herbe Verluste verkraften. Gastronomie-Zulieferbetriebe verzeichneten teils Totalausfälle. „Je kleiner der Betrieb, je weniger digital und je abhängiger vom Tourismus, desto geringer die Liquiditätsreserven und desto dicker das Minus“, fasst Kreutzer zusammen.

Nutznießer Onlinehandel.
„Der Lockdown ist ein Amazon-Förderprogramm“, seufzt Will – und hat damit leider den Nagel auf den Kopf getroffen. Laut Finanzministerium legte der Umsatz in Österreich registrierter, ausländischer Onlinehändler (wie Amazon) und Versandhandelsfirmen um 30 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro zu. Ohne eigene, nationale Betriebsstätte zahlen diese Firmen dafür genau Null Euro Gewinnsteuern – ein unfairer Wettbewerbsvorteil, den es zu beseitigen gilt. Gemessen am gesamten Einzelhandelsumsatz beträgt der Anteil des e-Commerce 11,2 %.

Neue Warengruppen erobern das Internet: substanzielle Zuwächse bei Kunst und Antiquitäten (+75%), Einrichtungsgegenständen (+40%) und Grünraumprodukte (+45%) ergänzen die bereits klassisch starken Produkte wie Bekleidung, Schuhe, Bücher und Elektrogeräte. „Im Lebensmittelhandel ist Online-Shopping zwar trotz massiver Investitionen noch eine Nischenangelegenheit, die Wachstumsdynamik ist allerdings mit +46% ebenfalls beträchtlich”, sagt Andreas Kreutzer.

Paketflut aus dem Ausland.
All die bestellten Waren wollen und sollen natürlich auch zugestellt werden. Auf den aufgrund des Lockdowns eigentlich leeren Straßen tummelten sich vermehrt KEP-Dienstleister. Während im Jahr 2019 noch rund 109 Millionen B2C Pakete zugestellt wurden, stieg das Paketvolumen im Jahr 2020 um unfassbare 27 % auf 139 Millionen Stück! Doch nicht nur der generelle Online-Shopping-Boom, auch Retouren und überproportional steigende Teillieferungen sorgten für die Packerllawine. „Der durchschnittliche Paketwert ist hingegen um 8 % gesunken“, bestätigt Kreutzer.

Weiterer Wermutstropfen: „Der Anteil ausländischer Onlinehändler am Paketvolumen ist auf rund 64 % angestiegen. Nur jedes dritte Paket, das die Österreicherinnen und Österreicher im Onlinehandel bestellen, wird bei heimischen Webshops gekauft“, rechnet Will vor.

Hinzu kommt die Paketflut aus China über Plattformen wie Wish oder Alibaba. „Hier wird die bestehende 22-Euro-Freigrenze für Paketlieferungen aus Drittstaaten durch asiatische OnlineHändler vorsätzlich ausgenutzt“, ärgert sich Will. Doch das hat bald ein Ende, denn diese Freigrenze fällt per 1. Juli 2021. Sehr zur Freude des Handelsverband-Chefs: „Damit wird die Europäische Union ein 7 Milliarden Euro großes Steuerschlupfloch für asiatische Onlinehändler endlich schließen.“

Land in Sicht.
Mit dem Ende des Lockdowns kehrte wieder eine gewisse Normalität ein – wenngleich Maskenpflicht, quadratmeterabhängige Begrenzungen und andere Beschränkungen die Freude ein wenig trüben. Die Öffnung der Gastronomie war besonders wichtig: Je besser es den Hotels, Kaffeehäusern und Gastwirten geht, desto stärker profitieren auch die heimischen Geschäfte von steigenden Besucherzahlen und Impulskäufen. Die gesamte Branche hofft jetzt auf ein nachhaltiges “Klima der Zuversicht”, indem sich auch die Einkommenserwartung der Menschen stabilisiert – aktuell sinken jedenfalls die Arbeitslosenzahlen.

Handlungsempfehlungen.
Aus den Gesprächen mit den Verbandsmitgliedern und der langjährigen Erfahrung hat der Handelsverband Bereiche definiert, in denen besonders dringender Handlungsbedarf besteht, wenn Österreichs Handel einen wirtschaftlich erfolgreichen Neustart hinlegen soll. Dazu zählt das Schaffen gleicher und fairer Wettbewerbsbedingungen in der EU (Fair Commerce), beispielsweise durch ein Schließen von Steuerparadiesen.

Eine weitere wichtige Forderung: Die Senkung der Lohnnebenkosten. In lediglich drei Ländern der EU erhalten Durchschnittsverdiener weniger Nettolohn von ihrer erwirtschafteten Leistung als in Österreich! Auch die Mietvertragsgebühr ist dem Handelsverband ein Dorn im Auge. „Wenn man in Österreich ein Geschäft mieten will, bekommt man bereits Monate vor dem Umbau einen Bescheid: die Mietvertragsgebühr.

Kleine Händler, die hierzulande eine Fläche anmieten, müssen Mietvertragsgebühren zahlen, bei denen das Finanzministerium oft für fünf Jahre im Voraus ein Prozent aller Mietkosten kassiert. Damit finanziert sich der Staat auf dem Rücken von Startups vor, obwohl nur die Hälfte aller Händler fünf Jahre nach der Gründung noch bestehen. Die Abschaffung dieser Papiersteuer aus Maria Theresias Zeiten ist überfällig“, erklärt Will die Forderung.

Die Studie zeigt auch, dass noch eine große Verunsicherung herrscht, wie die Zukunft aussehen wird, wenngleich das Konsumbarometer positiv stimmt: weniger sparen und mehr Geld für Gastronomie und Reisen sind geplant. Bleibt zu hoffen, dass bei neuerlichen Hotspots im Herbst – mit denen leider realistischer Weise zu rechnen ist – bei Lockdowns differenzierter vorgegangen wird. Denn wenn es wieder zu langfristigen kompletten Schließungen kommt, werden viele Unternehmen nicht mehr zu retten sein.

Digitales Aufrüsten in vollem Gange.
Der aktuelle Omnichannel Readiness Index (ORI) 2021 des Handelsverbands in Kooperation mit Google und MindTake beweist, dass der österreichische Handel massiv in die Digitalisierung investiert. Bei der vierten Ausgabe des Berichts lag der Fokus auf den Entwicklungen während der Corona-Krise. Es zeigt sich, dass durch den Lockdown und das dadurch bedingte Schließen des stationären Handels Serviceleistungen vermehrt ins Web verlagert und somit digitale und analoge Kanäle stärker verzahnt wurden.

Bei der repräsentativen Studie, in deren Rahmen 41 wichtige heimische Einzelhändler ebenso befragt wurden wie 1.000 Österreicher, die zumindest halbjährlich online bestellen, wurde auch erhoben, welche Kriterien für die Kunden für das optimale Shopping-Erlebnis besonders wichtig wären. Dabei zeigen sich eklatante Unterschiede zwischen Soll und Haben. Während beispielsweise rund zwei Drittel der Kunden sich wünschen, auf der Produktseite online Fragen stellen zu können, ermöglichen dies aktuell nur fünf Prozent der Händler.

Mehr Beispiele gefällig? „Zwei Drittel der Kundinnen und Kunden wünschen sich eine Rückruffunktion, die nach wie vor nur von 14 Prozent angeboten wird. 81 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten wollen die Produkte im Webshop auf eine einzige Filiale einschränken können, um so gezielt wie live im Laden shoppen zu können, doch nur 12 Prozent der Händlerinnen und Händler nutzen ihre Bestandsdaten für einen solchen Filter“, zählt Handelsverbands Geschäftsführer Rainer Will auf.

Es ist also durchaus noch Luft nach oben da – wenngleich die Umfrage zeigt, dass mit 73 Prozent fast drei Viertel der Händler im letzten Jahr digital aufgerüstet haben, ein Drittel sogar massiv. Die Schwerpunkte variieren dabei von Kundenservices in den Filialen und im Online-Shop über Analytics, bis hin zu Investitionen in Sichtbarkeit, SEO und digitales Marketing. Viele heimische Händler haben coronabedingt die Flucht nach vorne angetreten und ihre Kreativität unter Beweis gestellt. So haben laut Studie 93% der Befragten neue Services eingeführt oder geplant. Dazu zählen beispielsweise Corona (Care) Pakete, kontaktlose Abhol-, Zahl- und Zustellmöglichkeiten, Terminvereinbarungen für Click & Collect, Beratungen per Videocall oder Live-Chat aus der Filiale heraus, Scan & Go, Call & Collect, Gratis-Lieferung im Lockdown und garantierte Lieferzeitfenster für Menschen in Quarantäne sind nur einige der zahlreichen neuen Services, die von den Kunden auch wohlwollend angenommen werden.

Was Kunden wollen.
Bei der Studie wurde auch abgefragt, welche Serviceleistungen die Kunden sich wünschen würden. Dabei gab es überraschender Weise wenig Änderungen zu Vor-Covid-Zeiten. Noch immer hat die Gratis-Zustellung höchste Priorität für die Meisten. Eine zuverlässige Vorhersage Liefertages liegt besonders hoch im Kurs: während nur 17 % der Händler das anbieten, ist es für 80 % der Kunden wichtig.

Mit entsprechender Last-Mile-Logistik wäre das natürlich umsetzbar. Kein einziger der in der Studie inkludierten Händler bietet die Möglichkeit an, den Warenkorb per Email oder Social Media zu teilen, wohingegen sich diesen Service immerhin ein Drittel der Kunden wünschen würde. Weitere Wünsche: die Option, Fragen zum gewünschten Produkt zu stellen (zwei Drittel Soll vs. 5 % Haben) und die Warenverfügbarkeit aktuell zu checken.

Ein Anliegen Vieler ist eine verlässliche Angabe der Krisen-Öffnungszeiten. Doch auch der direkte telefonische Kontakt zur Filiale via Filialfinder im Webshop und/oder Google Maps, der Check der Warenverfügbarkeit in der Filiale, eine komfortable Produktsuche mit Filtern, Transparenz im Kaufvorgang und maximale Flexibilität bei Abholung, Zustellung, Payment und Retoure stehen auf dem Wunschzettel des perfekten Shoppingerlebnisses. And the winner is….

Als Gesamtsieger des ORI ging mit 81 % aller möglichen Punkte Obi hervor – nicht zum ersten Mal. Mit nur einem Prozentpunkt Rückstand auf Platz zwei landeten die Zwillingsshops Kastner & Öhler und Gigasport. Neben dem Gesamtsieg zeichnet der Omnichannel Readiness Index auch Kategoriesieger aus. Thalia beispielsweise hat die vollen 100% im Bereich „Channel Integration“ erreicht.

Der Buchhändler ist also Best-in-Class und State-of-the-art in der Omnichannel-Königsklasse: Maximale Flexibilität bei der Kaufabwicklung, und das völlig vertriebskanalunabhängig und nahtlos, Click & Collect, Reserve & Collect, Retoure online bestellter Waren in der Filiale, Abholstationen für 24/7 Abholung, rasche Bereitstellung der Click & Collect Waren, und dies stets kostenlos. In der Liste der Branchensieger findet man nur bekannte Namen: bei Computer & Elektro(nik) Media Markt (73%), bei Fashion & Accessoires Peek & Cloppenburg (73%), bei Drogerie Bipa (72%) und im Lebensmitteleinzelhandel Billa (72%). Weitere ORI-Kategoriesieger neben Thalia: für Transparenz & Vertrauen Decathlon (84%), für Personalisierung, Loyalty und Sharing dm drogerie markt (81%), für flexible Kontaktmöglichkeiten Kastner & Öhler, Gigasport (86%) für Payment, Fulfillment & Returns Kastner & Öhler, Gigasport (84%) und für Wegweiser in die Filiale Interspar gleichauf mit Hartlauer (99%).

Egal ob nun Marktplätze wie Amazon oder Shöpping oder Produktfinder und Preisvergleichsplattformen wie Geizhals, Idealo oder Google Shopping genutzt werden, Fakt ist, dass mehr als die Hälfte der Händler auf zusätzliche Vertriebskanäle setzt. Insbesondere ältere Internetnutzer, die vor der Corona-Krise von Internetbestellungen nichts wissen wollten, haben dem E-Commerce zu starkem Wachstum verholfen. Das Erstaunliche: laut Befragung wollen 90 % dieser so genannten „Silver Surfer“ (User über 55 Jahre) auch nach der Krise die Bequemlichkeit des Onlineshoppings weiter ausnutzen. Ein mehr als guter Grund, die Online-Präsenz nachhaltig auszubauen! (AG)

QUELLE: LOGISTIK express Ausgabe 3/2021

China nach Covid-19: Pandemie verändert Logistikprozesse

Die Coronavirus-Pandemie hat bereits den Einsatz von Smart Logistics-Technologien in China beschleunigt. Viele Logistiker setzen auf KI, Big Data, Cloud Computing, Blockchain und integrierte Logistikplattformen. Die Notfall-Logistik für Krisensituationen wird effizienter gestaltet.

Redaktion: Dirk Ruppik.

Der Ausbruch von Covid-19 im November 2019 hat im Land der Mitte besonders in der Lockdown-Phase zu großen Beeinträchtigungen im Bereich der Produktion von Gütern, des Warenverkehrs und der Logistik geführt.

Auswirkungen der Pandemie im Frühjahr 2019.
Laut der Industrial Analytics Plattform der United Nations Industrial Development Organization (UNIDO) schrumpfte die Industrieproduktion durch die Corona-Maßnahmen in China im Januar und Februar 2020 um -13,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die chinesischen Exporte sanken im gleichen Zeitraum um -17,2 Prozent gegenüber 2019. Nicht einmal während des SARS-Ausbruchs in 2002/ 2003 und der Finanzkrise in 2008/ 2009 wurde ein so extremer Abfall verzeichnet.

Allerdings nahm die Industrieproduktion im April schon wieder um +3,9 Prozent zu und erreichte im Dezember 2020 +7,3 Prozent (Bild 1). Durch die Pandemie-Maßnahmen wurden Lieferketten zerrissen, weltweit Häfen, der Seeverkehr und der Personenflugverkehr nahezu lahmgelegt. Gemäß dem amerikanischen Journal of Commerce (JOC) wurde im März 2020 durch die Reisebeschränkungen fast die Hälfte des verfügbaren Luftfrachtvolumens auf den Trans-Pazifik-, China-Europa- und Europa-Nordamerika-Hauptstrecken eliminiert. Zudem stiegen die Luftfrachtpreise stark. Die Waren kamen zwar noch auf den Umschlagplätzen in Chinas Häfen an, wurden von dort aber aufgrund mangelnder Kapazitäten nicht mehr weiterbefördert. Aufgrund geschlossener Provinzgrenzen konnten teilweise Güter von den Fabriken nicht zu den Häfen befördert werden. In den Fabriken fehlten 220 Millionen Wanderarbeiter, die nach dem chinesischen Neujahr nicht in die Fabriken zurückkehren konnten.

Fünf Hauptauswirkungen auf die Logistik.
In der Logistik konnten fünf Hauptauswirkungen der Pandemie beobachtet werden: ein scharfer Abfall der Logistiknachfrage, Knappheit an Transportkapazität, die Unterbrechung des Logistiknetzwerkes, Veränderungen im Service, Zuwachs bei den Betriebskosten und der Zahl der verlusteinfahrenden Unternehmen. Laut der China Federation of Logistics and Purchasing (CFLP,1) schrumpfte das Frachtvolumen in der Logistik durch den Lockdown im Januar/ Februar 2020 um19,8 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode auf 4,5 Milliarden Tonnen. Das Frachtvolumen auf der Straße nahm um -24,8 Prozent ab, wobei es auf Wasserwegen um -14,8 Prozent fiel. Gleichzeitig schrumpfte das Luftfrachtvolumen um -13,8 Prozent, während das Schienenfrachtvolumen um +1,4 Prozent zunahm.

Die zur Verfügung stehende Transportkapazität kontrahierte aufgrund des Lockdowns, Straßensperrungen und fehlenden Arbeitern in der Logistikindustrie extrem. Aus den gleichen Gründen brach das Logistiknetzwerk zusammen. Bei einer Umfrage der CFLP gaben 74 Prozent der befragten 100 Logistikmanager an, dass durch die Verkehrsbeschränkungen in der Lockdown-Phase keine pünktlichen Transportservices durchgeführt werden konnten. Zudem kamen Unterschiede in den lokalen Beschränkungen der Transportservices. Aufgrund des geänderten Konsumverhaltens und der Verlagerung hin zu E-Commerce-Plattformen mussten sich die angebotenen Logistikdienste ebenso anpassen. Ein Beispiel ist die kontaktlose Lieferung durch Lieferroboter oder das Abstellen der Waren an bestimmten Übergabepunkten. Durch die Knappheit an Fahrern, gestiegenen Betriebskosten (Desinfektion, ermöglichen der kontaktlosen Lieferung) und der erhöhten Transportkosten durch die Planungsunsicherheit bei den Transportwegen, stiegen die Logistikkosten signifikant. Eine große Zahl der chinesischen Logistik- und Transportunternehmen erlitt im ersten Quartal 2020 Verluste. 51,7 Prozent der befragten Unternehmen fuhren ein Minus ein. Durch die Pandemie, Lockdowns und andere Corona-Maßnahmen wurden einige Logistikunternehmen stark in Mitleidenschaft gezogen und mussten fusionieren oder Operationen mit anderen Unternehmen zusammenlegen.

Entwicklung der chinesischen Logistikindustrie nach Covid-19.
Der Einsatz von Smart Technologies und die gleichzeitige Unterstützung durch die angepasste Regierungspolitik half die großen Schwierigkeiten im Logistikbetrieb in der Lockdown-Phase zu überwinden. In der Post-Covid-Ära wird sich die Logistikindustrie im Land der Mitte hauptsächlich aufgrund von drei Aspekten weiterentwickeln. Die treibenden Kräfte sind ein Nachfrageüberhang, der Technologieschub durch Smart Logistics-Anwendungen und eine aktive Förderungspolitik der chinesischen Regierung. Auch wenn die Pandemie große Zerstörungen in der chinesischen Logistikindustrie angerichtet hat, bietet sie ebenso große Chancen für Innovationen und Transformationen. Die Erholung der internationalen und nationalen Nachfrage wird graduell zur Genesung des Logistiksektors im Lande führen. Zunächst spielt dabei die innerchinesische Nachfrage die größte Rolle. Der chinesische Inlandsmarkt und die Kaufkraft der Konsumenten sind in den letzten Jahren stark gestiegen. Da viele internationale Märkte von Grenzschließungen und Lockdowns betroffen sind, wird hier der Aufschwung noch auf sich warten lassen. Im Land der Mitte hat sich die sogenannte Smart Logistics zu einem treibenden Faktor bei der Transformation der Logistikindustrie entwickelt.

Smart Logistics ist ein Kernelement der Digitalisierung in der industriellen Wertschöpfung, wie sie durch das Konzept Industrie 4.0 beschrieben wird. Sie basiert auf agilen Kooperations-netzwerken sowie einer organisatorischen und informatorischen Vernetzung und ermöglicht intelligente und schlanke Lieferketten. Die intelligente Steuerung von Supply Chains ist eine wesentliche Voraussetzung für die Erschließung der Potenziale neuer digitaler Technologien (2). Drohnen, intelligente Paketstationen, Big Data, Cloud Computing, Blockchain und Künstliche Intelligenz (KI) sind bereits Schlüsseltechnologien, die in der Logistikindustrie in China eingesetzt werden.

Die Vorteile der intelligenten Logistik haben sich während der Covid-19-Pandemie bei der schnellen Anpassung von Versorgungsketten an das veränderte Konsumverhalten, knappe Kapazitäten, veränderte Transportmodi bzw. -wege und Preise gezeigt. Der Internethändler JD.Com setzt bereits 28 Smart Logistics Centres (Asia One, Bild 2), die zu 90 Prozent automatisiert betrieben werden, ein. Die automatisierten Logistikzentren sparen Arbeitskräfte und damit Löhne ein und sind dreimal effizienter als herkömmliche Lagerhäuser. Auch Alibaba bzw. Cainiao betreibt ein „unbemanntes“ roboterbetriebenes Lagerhaus mit der Bezeichnung „Wuxi warehouse“.

Das Smart Logistic Network von Cainiao Logistics basiert auf KI und dem Internet der Dinge (IdD). Es soll mithilfe von 100 Millionen intelligenten Endgeräten wie z. B. Fahrerlosen Transportsystemen (FTS) Inlandslieferungen innerhalb von 24 h und internationale Expresszulieferungen innerhalb von 72 h ermöglichen. Im Juni letzten Jahres erklärte Cainiao (3), dass die Anzahl der gecharterten Frachtflüge nahezu verfünffacht (Ziel: Halbierung der Transferzeit) und die internationale Lagerhausfläche auf zwei Millionen m² innerhalb von drei Jahren verdoppelt werden soll, um diese Ziele zu erreichen.
Der genannte Ausbau und die Zusammenarbeit mit Zollabfertigungs-Einrichtungen sowie das Bevoraten von Produkten kleinerer Händler in Lagerhäusern soll Internationale Lieferungen in 100 ausländische Städte innerhalb von 72 h ermöglichen. Zudem sollen 30000 Postabholzentren in verschiedenen chinesischen Städten entstehen, die u. a. auch das kontaktlose Versenden von Paketen und Briefen ermöglichen sollen. Seit 2013 hat sich der Wert des chinesischen Smart Logistics-Marktes von 145,2 Milliarden (18,7 Milliarden Euro) auf 63,3 Milliarden Euro in 2019 erhöht. Während der Pandemie investieren viele Unternehmen und auch Logistiker in BIG Data, KI, 5G und andere Technologien, um die Betriebseffizienz im Krisenfall zu stärken.

Auch wenn sich der Logistics Performace Index der Weltbank für China von Platz 28 in 2014 auf Platz 26 in 2018 verbessert hat, muss die Regierung die Effizienz des Logistiksystem verstärkt durch eine bessere Regierungspolitik und mehr gesetzliche Regelungen fördern. Aus dem Arbeitsbericht der Regierung von Mai 2020 geht hervor, dass verstärkt in die Implementierung eines neuen Infrastruktur-Bauprojekts investiert werden soll und dass die Logistikindustrie im Land der Mitte in ein neues Zeitalter der rasanten Entwicklung eintritt. Bis 2022 ist geplant, ein neues modernes integriertes Logistiksystem basierend auf Smart Logistics-Technologien wie KI, 5G und industriellen IdD aufzubauen. Zudem hat die National Development and Reform Commission (Nationale Kommission für Entwicklung und Reform) in 2020 begonnen weitere Nationale Logistikhubs zu bauen. Während dem Covid-19-Ausbruch spielten sie eine bedeutende Rolle bei der Verteilung von Notfallgütern.

Zudem stellte sich heraus, dass die Integration von Unternehmen auf Logistikplattformen zur Bündelung von Ressourcen wie Transportkapazität, Versorgungsgüter, etc. beim Kampf gegen die Pandemie extrem hilfreich ist. Die Integrierten Logistikplattformen bieten die Zusammenführung von Nachfrage und Angebot und andere wertschöpfende Services und werden von allen größeren Logistikern aufgebaut werden. Die Pandemie wird daher auch das Notfall-Logistiksystem Chinas verändern, das durch integrierte Unternehmensplattformen und eine klarere Hierarchie effizienter werden soll. (DR)

Quelle: LOGISTIK express Ausgabe 1/2021