Ökologisierung und CO² Neutralität in der Paketzustellung

Über vier Milliarden Kurier-, Express- und Paketsendungen (KEP) wurden im Jahr 2020 in Deutschland verschickt, rund elf Prozent mehr als im Jahr davor.

Gastbeitrag: Florian Seikel.

Über vier Milliarden Kurier-, Express- und Paketsendungen (KEP) wurden im Jahr 2020 in Deutschland verschickt, rund elf Prozent mehr als im Jahr davor: Eine große Herausforderung für die Logistikbranche, denn auch das Bewusstsein der Kund*innen für die Gefahren des Klimawandels ist gewachsen. Sie fordern Nachhaltigkeit beim Transport ihrer Sendungen. Die Methodiken zur Berechnung und Ausweisung von Treibhausgas-Emissionen und Luftschadstoffen bei der Paketbeförderung sind dabei eine wichtige Grundlage zur Umsetzung und zum Nachweis des Einhaltens der Klimaschutzziele.

Wie lassen sich die Digitalisierung im modernen Handel, das Wachstum des Onlinehandels und die damit verbundenen steigenden Paketmengen in Einklang mit den ehrgeizigen internationalen Klimaschutzzielen bringen? Und welchen Beitrag können Standardisierungsprojekte dazu leisten?

Digitalisierung des Einzelhandels ermöglicht Ökologisierung.
Der digital gestützte Einzelhandel (Ecommerce) mit seinen Konsument*innen und dessen Zustellung in Form von Paketsendungen ermöglicht die Ökologisierung. Daten zu jedem Paket, zu dessen Inhalt sowie Verpackung werden digital gesammelt und verknüpft mit Informationen zu Annahme, Transport, Fracht, Lager, Depots sowie Abgabe der Paketsendungen. Zudem haben internationale Organisationen, wie der Weltpostverein, sektorspezifisches Mess- und Berichtswesen des ökologischen Fußabdrucks entwickelt. OSCAR (Online Solution for Carbon Analysis and Reporting) ist eine interaktive Online-Plattform. Postunternehmen in den Mitgliedsländern des Weltpostvereins, darunter auch Deutschland, können damit ihre Treibhausgasemissionen analysieren und melden, sowie Möglichkeiten zur Verringerung der Treibhausgasemissionen identifizieren. So findet eine Ende-zu-Ende Messung auf Einzelsendungsebene statt: lokal, regional und weltweit

Zuordnung von CO2– & Treibhausgas- Emissionen zu einzelnen Paketen.
Harmonisierte europäische und globale Regeln und Normen zur Quantifizierung, Zuordnung und Berichterstattung der Umweltauswirkungen von Paketlogistik-Zustelldiensten auf Einzelpaketebene sind unerlässlich. Nur so kann man das Ziel „Netto-Null-Emissionen“ von Treibhausgasen (THG) und anderen indirekten/direkten Luftschadstoffen erreichen.

Immer wenn einzelne B2C-Lieferungen (Einzelpakete mit Gütern/Waren) eingesammelt und vom ersten Paketdienst entgegengenommen werden (d. h. Lagerung und Erfüllung), für Fracht und Transport (d. h. globale multimodale Lieferketten) konsolidiert, zur Endsortierung empfangen und gemäß Präferenzen des Endempfängers zugestellt werden, sind obligatorisch vorgeschriebene und im Voraus elektronisch auszutauschende Datenelemente verfügbar (z. B. nach dem globalen Datenmodell des Weltpostvereins; nach dem Zolldatenmodell der EU, oder auch nach den Vorgaben der IATA nach „Preloading Advance Cargo Information (PLACI). Selbst wenn es sich um einen vereinfachten Datensatz handelt, sind die heute verpflichtenden Datenelemente dazu angelegt durch Daten ergänzt zu werden, um Umweltauswirkungen der Paketlogistik und der Zustellvorgänge auf Artikelebene zuordnen, quantifizieren und melden zu können.

Abbildung 1     Unterschiedliche Ansätze um eine „saubere (CO² neutrale) Produktion in der Zustellung von Warensendungen (Paketen, Warenbriefen) zu erreichen am Beispiel der Deutschen Post DHL Gruppe

Neue Kraftstoffe – energieeffizienter Betrieb – Routenoptimierung – wieder verwendbare Verpackungen.
Die Einführung neuer Kraftstofftechnologien, energieeffiziente Zustellung, Routenoptimierung, Verpackungsklassifizierung, Einbindung der Lieferanten und viele andere Maßnahmen müssen angepasst werden, um die Umweltauswirkungen der gesamten Wertschöpfungskette in der Paketzustellung, Ende-zu-Ende, zu messen.

Solide Überwachungsmethoden, Daten zu jeder Sendung, standardisierte Berechnungsmethoden und Berichterstattung sind unerlässlich, um die effektivste Strategie zur Reduktion der Emissionen auszuwählen, mit dem Ziel die Umweltauswirkungen in der Paketlogistik und in der Zustellung von Lieferdiensten vollständig offenzulegen.

Normung als Grundlage der Geschäftstätigkeit.
Nachhaltigkeitsberichte und Nachweise folgen dabei gesetzlichen und normativen Vorgaben. So basiert OSCAR auf der Messmethodik des „Greenhouse Gas-Protocol“ und ist ebenso mit der internationalen Norm ISO 14001 für Umweltmanagementsysteme sowie der „Global Reporting Initiative“ abgestimmt. Normen ermöglichen dabei Zertifizierungen und Audits, aber auch politische Lenkungsmaßnahmen, wie z. B. Förderungen, Quotenregistrierung und Re-finanzierung.

„Leuchtturmbeispiel“ von Normung für Konsumenten.
„Mit verbindlichen, postsektorspezifischen Messnormen zum ökologischen Fußabdruck in der Paketzustellung kann die CO²- oder THG- Belastung pro Paketsendung dargestellt werden und wird auch im Wettbewerb Berücksichtigung finden. Auch die EU-Kommission hat die Bedeutung des Post- und KEP Paketzustellmarktes erkannt. Im Oktober 2022 wird, in Umsetzung der Postdienste-Richtlinie, ein fünftes Mandat an die europäische Normungsorganisation CEN, mit entsprechenden Vorgaben vergeben.

Als Grundlage hierfür wurde die Europäischen Norm DIN EN 17837 “Ökologischer Fußabdruck der Paketzustellung – Methodik zur Berechnung und Deklaration von THG-Emissionen und Luftschadstoffen von Paketlogistik-Zustelldiensten” erarbeitet. Nach Erscheinen wird die Norm nach den Vorgaben des Unionsrechts im Amtsblatt der EU-Kommission als „Stand der Technik“ für den Postmarkt der EU veröffentlicht.

Damit wird die Methodik zur Berechnung und Deklaration von THG-Emissionen und Luftschadstoffen von Paketzustelldiensten an bestehende und weltweit geltende Normen angeglichen. (ISO/DIS 14083; EN 16258 – beide speziell für den Transport (Fracht / B2B)). Mit der Erarbeitung der ökologischen Fußabdrucknorm in der Paketzustellung (EN 17837) wird den speziellen Anforderungen der Paketzustellung für den digitalen Einzelhandel Rechnung getragen. Die gesamte Wertschöpfungskette der Paketzustellung von der Abholung bis zur endgültigen Zustellung beim Endkonsumenten wird abdeckt.

Weltpostverein hat eine eigene Plattform zu CO² / THG Emissionsmessung aufgebaut.
Die 192 Mitgliedsstaaten des Weltpostvereins haben eine eigene Plattform einrichtet. Es gilt als höchstwahrscheinlich, dass der WPV Kohlenstoffbilanzierung über seine OSCAR Plattform durchführen wird. Das internationale Bureau des WPV unterstützt die CO²-Bilanzierung durch OSCAR – die Online-Lösung für CO²-Analyse und Berichterstattung. OSCAR steht allen WPV Mitgliedern kostenlos zur Verfügung. Benutzer können die THG-Emissionen den postalischen Zustellkettenbereichen 1, 2 und 3 mit Hilfe der OSCAR-Plattform abschätzen. Die erste umfassende Datenkampagne für 2021 wurde am 13. Juni 2022 gestartet. Die Kampagne endet am 1. November 2022.

 

Abbildung 2     Quelle Weltpostverein – OSCAR (Online Solution for Carbon Analysis and Reporting) ein Werkzeug des WPV zur Messung und Analyse des CO² Fußabdrucks im Postmarkt

Als internationales Netzwerk arbeitet der logistic-natives e.V. an dieser Thematik aktiv mit und hat sich diesbezüglich effektiv und pragmatisch positioniert. Wer Interesse an der Thematik oder weiteren marktrelevanten Gestaltungsmöglichkeiten hat, ist herzlich willkommen und meldet sich bitte bei Florian.Seikel@logistic-natives.com oder bei Walter.Trezek@logistic-natives.com.

 

LOGISTIK express Journal 4/2022

Logistikdienstleister als verlängerter Arm des Onlinehandels

Getreu dem Motto „je näher desto besser“ ermöglicht cargo-partner seinen Kunden, ihren Webshop direkt mit cargo-partner Systemen zu verbinden. Eine eigene Online-
Plattform garantiert volle Transparenz und Echtzeit-Überblick.

Beitrag: Angelika Gabor.

Als internationaler Transport- und Info-Logistik-Anbieter legt cargo-partner einen strategischen Fokus auf die Entwicklung von hochmodernen End-to-End-Lösungen für den B2C- und B2B-Bereich. Schon seit Jahren ist der Online-Handle ein rapide wachsendes Geschäftsfeld, und die COVID-19-Pandemie hat diesen Trend noch zusätzlich verstärkt.

Online-Händler können ihren Webshop direkt mit den Systemen von cargo-partner verbinden oder von bestehenden Anbindungen zu den bekanntesten Verkaufsplattformen profitieren, um Logistikprozesse zu automatisieren und wertvolle Zeit und Kosten zu sparen. „Alle cargo-partner-Kunden haben Zugriff auf die SPOT-Plattform, die volle Transparenz beim Transport sicherstellt und ein einfaches Online-Bestandsmanagement ermöglicht. Dank regelmäßiger Status-Updates wissen die Endkunden immer genau, wann ihre Sendung ankommt“, betont Martin Schenzel, cargo-partner Geschäftsführer Österreich.

Das Parcel-Modul der SPOT-Plattform bietet Online-Händlern eine einfache Übersicht über alle Versandoptionen und Paketdienstleister (inkl. Konditionen und Laufzeiten). Dabei können die Händler ihre bestehenden Verträge mit KEP-Anbietern nutzen oder diese Dienstleistungen von cargo-partner bereitstellen lassen, um von Mengenvorteilen zu profitieren. Zusätzlich ermöglicht das Modul auch einen automatischen Druck von Rücksendeetiketten sowie Handelsrechnungen.

Automatisierung unabdingbar.
Schenzel: „Der Einsatz modernster Technologie an unseren Lagerstandorten hilft uns, Prozesse zu automatisieren und das Risiko menschlicher Fehler zu minimieren. Gleichzeitig können wir mit unserer SPOT-Plattform die Kommunikation mit allen Parteien in der Lieferkette – von den Lieferanten unserer Kunden bis hin zu ihren Endkunden – effizienter gestalten und so „blinde Flecken“ vermeiden. So werden Probleme bereits im Voraus erkannt und eine bessere Lieferkettenplanung ermöglicht.“ Die Vorteile liegen klar auf der Hand: „Per EDI oder API können wir unsere IT-Systeme an jene unserer Kunden anbinden, um die Prozesse auf beiden Seiten zu vereinfachen und Zeit und Kosten zu sparen. Auf der anderen Seite binden wir uns auch mit unseren Carriern und Partnern an, um wichtige Informationen schneller oder sogar in Echtzeit zu erhalten“, erläutert Schenzel.

Seit 2000 bereits ist die SPOT-Plattform im Transport- und Logistik-Management im Einsatz. Die Vorteile: durchgehende Sendungsverfolgung, einfaches Kommunikations- und Dokumentenmanagement, umfassende Reporting-Optionen, Echtzeit-Management der Lagerbestände und integrierten Paketversand. Mit dem SPOT-Modul „Purchase Order Management“ können diese Features auch in den Bereichen Einkauf und Produktion genutzt werden.

Innovative Cloudlösung.
Aktuell arbeitet cargo-partner daran, die Cloud-basierte Logistik-Applikation CargoWise im gesamten cargo-partner-Netzwerk in 40 Ländern einzuführen. „CargoWise ergänzt unsere eigene „Visibility & Collaboration Platform“ SPOT und war ganz klar die erste Wahl für die umfassende Funktionalität, Konfigurierbarkeit und Flexibilität, die wir brauchen, um unsere zukünftigen Wachstumsinitiativen voranzutreiben“, freut sich Schenzel und ergänzt: „Wir sehen unsere zukünftige Rolle in der Digitalisierung der globalen Lieferkette nicht in der Entwicklung eigener Standardsoftware, sondern im Ausarbeiten individueller Kundenlösungen, der tiefen Integration und schlussendlich im Aufbau von Clustern künstlicher Intelligenz gemeinsam mit unseren Kunden, wobei viele dieser Cluster untereinander verbunden sein und miteinander kommunizieren werden.“

Trotz allem zählt der Mensch
Geht es nach dem Geschäftsführer, bleibt auch in Zeiten von Digitalisierung und Automatisierung die persönliche Beziehung und Kommunikation mit dem Kunden weiterhin ein Schlüsselfaktor für effiziente und reibungslose Lieferketten. cargo-partner strebt langjährige Beziehungen mit seinen Kunden an und arbeitet in enger Abstimmung mit allen Partnern entlang der Lieferkette, um Logistikprozesse optimal aufzusetzen und kontinuierlich zu verbessern. Die Prozesse müssen dabei standardisiert und solide genug sein, um Automatisierung zu ermöglichen, und gleichzeitig agil und skalierbar genug, um auf unvorhergesehene Ereignisse schnell reagieren zu können. (AG)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2022


 

Zuverlässiges Fulfillment E-Commerce »E« steht für Effizienz

Die L.I.T. Gruppe mit Hauptsitz in Brake (LK Wesermarsch) bietet ein breites Dienstleistungsspektrum entlang der gesamten Logistikkette. Über 3.000 Mitarbeitende an 66 Standorten in 14 Ländern realisieren ganzheitliche Konzepte in der Transport- und Kontraktlogistik für die verschiedensten Branchen.

Text: Redaktion.

Viele kennen die L.I.T. Gruppe: Wie würden Sie sie unseren Lesern dennoch in wenigen Worten beschreiben?

TS: L.I.T. ist mittelständig geprägt, seit 1988 stark aus dem Transportbereich gewachsen und mittlerweile in der Lage, alle Dienstleistungen der Logistik abzubilden. Entsprechend breit ist unser Kunden- und Branchen-Portfolio.

L.I.T. ist vor allem bekannt im Transportwesen – wie kamen Sie nun auch noch zum Bereich E-Commerce?
Thimo Schulz: Wir haben vermehrt Anfragen von unseren Bestandskunden erhalten und so vor etwa vier Jahren angefangen, uns intensiver mit E-Commerce zu beschäftigen. Erst mit ganz kleinen Aufträgen, welche mit der Zeit über größer wurden. Bis zu dem Punkt, an dem wir mit einem Bestandkunden gemeinsam einen ganzen Shop inklusive Bewirtschaftung aufgebaut haben, den wir seither erfolgreich betreuen.

Der E-Commerce hat vor allem in den letzten Jahren einen enormen Boom erlebt. Wie haben Sie als Logistiker diesen Anstieg erlebt?
Rico von Hollen: Bei uns eher verhalten, viele Kunden schrecken vor den Anfangsinvestitionen zurück. Vor allem wenn man eine größere Reichweite erzielen möchte und auch Anforderungen aus dem Markt gerecht werden möchte, ist es nicht mehr damit getan, einfach nur Ware aus dem Regal zu nehmen, in den Karton zu packen und für den Transport zu übergeben.

Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell im E-Commerce?
TS: Man muss klar sagen, Amazon setzt hier oft den Standard. Daran orientieren sich der Handel, die Empfänger und auch die anderen Logistiker, wenn sie im Teich „E-Commerce“ mitschwimmen wollen. Einige der Herausforderungen sind Dropshipment, Click + Collect, Abholung in der Filiale, Same-Day-Delivery. Um nur einige wenige Beispiel zu nennen. Außerdem verursacht diese spezielle Dienstleistung extrem hohe Lieferkosten und belastet unsere Gesellschaft zusätzlich. Für uns als Firma macht Same-Day-Delivery dann vor allem Sinn, wenn es ausgelastete Liefertouren gibt.

Aus meiner Sicht wird insbesondere die intelligente Konsolidierung von mehreren Lieferzentren – gerade in den Ballungsgebieten und Metropolen – eine steigende Bedeutung bekommen. Große KEP-Dienstleister wie DHL und UPS machen es ja schon auf der letzten Meile vor. Und ganz klar: Ökologische Gesichtspunkte rücken in allen Lebenslagen in den Fokus, da ist auch die „Individual-Logistik“ ein Thema.

RvH: Das tangiert auch die Same-Day-Zustellung. Ich denke, hier muss das gemeinsame Ziel in den Fokus rücken und der Konkurrenz-Gedanke innerhalb des Marktes ein Stück weichen. So wird eine nachhaltige, effiziente Logistik möglich. Da setzen wir als L.I.T. an: Wir möchten unseren Kunden mit einer ganzheitlichen Lösung entlang der Supply-Chain vom Import bis zur letzten Meile alle Services aus einer Hand anbieten. Dann vermeiden wir Reibungsverluste an den Schnittstellen zwischen den Beteiligten und können wirtschaftlicher und ökologischer handeln.

Und welche Herausforderungen hält das Schlagwort „die letzte Meile“ aus Ihrer Sicht parat?
TS: Es ist schlicht und einfach der letzte und anspruchsvollste Teil des Zustellprozesses (lacht). Es erscheint im ersten Moment nicht als echte Herausforderung diese kleine Strecke noch zu überwinden bei Waren, die schon über den Ozean aus Asien zu uns gekommen sind. Dennoch ist es die teuerste Transportstrecke im Zustellprozess zum End-Empfänger.

Dann wird es sofort spannend, wenn die Empfänger nicht anzutreffen sind. Und in der wachsenden Anzahl an Single-Haushalten ist noch seltener jemand anzutreffen als beim klassischen Familienhaushalt. Der KEP-Dienst muss erneute Zustellversuche unternehmen. Eine Lösung könnte sein, intensiver über Zustelltage mit intelligenten Zustellfenster nachzudenken oder Zustellfächer in Wohnregionen. Einiges davon ist schon umgesetzt. Oder Empfänger lassen sich ihre Ware beispielsweise an den Arbeitsplatz schicken. Damit hat der KEP für mehrere Empfänger eine Anfahrstation. Das und noch mehr sind für uns noch Herausforderungen, die nur gemeinsam mit dem Versender, Logistiker und Transporteur angegangen werden können.

Welche Rolle spielt die Automatisierung von Prozessen in Bezug auf Qualität und Effizienz? Und welche Lösung hat L.I.T. hierfür?
RvH: Grundsätzlich müssen sich alle Logistiker am Markt an Reaktionszeit, Lieferperformance und natürlich Qualität der Dienstleistung messen lassen. Das gilt besonders im Bereich B2C E-Commerce – und auch hier ist Amazon die Benchmark. Derjenige, der besonders kurzfristig auf Peaks in puncto Nachfrage und Angebotsvielfalt reagieren kann, wird dauerhaft zufriedene Kunden haben. Gepaart mit stetiger Qualität und verlässlichen Reaktionszeiten kann da auch der Mittelstand durchaus mit den „Big-Playern“ konkurrieren. Und gerade deshalb möchten wir verstärkt auf unterstützende Automatisierung setzen, also eine Art „Hybrid-Betrieb“ innerhalb unserer Supply Chain.

TS: Wir haben uns hier insbesondere im Bereich E-Commerce und Kleinteile-Logistik für eine AutoStore-Anlage entschieden. Die ersetzt natürlich keine Fachkräfte, erhöht aber deren Produktivität massiv. Das entlastet die Kolleginnen und Kollegen natürlich in erheblichem Maße. Es ist eine top Lösung für unsere Kunden, mit denen wir so gemeinsam und dynamisch wachsen. Dazu gehören noch standardisierte Schnittstellen wie PlentyMarktes oder Shopify, die wir zwecks optimierter Kunden-Kommunikation implementiert haben. Das ermöglicht auch kleineren Händlern oder Produzenten in den Online-Handel einzusteigen. Es entstehen durch flexiblere, automatisierte Prozesse weniger Ramp-up Kosten. Eine Skalierung ist deutlich einfacher und qualitativ stetig.

Wo findet die Automatisierung aus Ihrer Sicht ihre Grenzen?
RvH: Ein völliger Wechsel in automatisierte Prozesse bedingt immer einer gewissen Stringenz innerhalb der Prozesse und logistischen Abläufe. Wir möchten zwar Peaks und Skalierbarkeit anbieten, gleichzeitig ist es uns aber besonders wichtig, auf wechselnde Anforderungen unserer Kunden und Märkte reagieren zu können. Ich denke, dort ist das Know-How unserer Kolleginnen und Kollegen auf der Fläche gefragt, gemeinsam mit der Automatisierung auf eben diese reagieren zu können.

Die Automatisierung ist dann doch etwas mehr als einfach „nur ein Roboter“. Und ganz grundsätzlich verstehen wir Automatisierung nicht als Verdrängung von Personal aus der Logistik. Vielmehr kann Einsatzplanung flexibler und besser gehandhabt und Know-How geteilt werden. Aber auch hier merken wir: Es wird immer schwieriger, qualifiziertes Personal zu finden.

Nochmal zusammengefasst: Welche Bedeutung nimmt der E-Commerce für L.I.T. ein?
TS: E-Commerce ist für uns mehr als klassischer Onlinehandel und Onlineshopping, das wir alle kennen. E-Commerce sehen wir als wesentlichen Bestandteil aller Industrien und dem allgemeinen B2B-Handel. Da zeigt Digitalisierung auch ganz klar, dass klassische Industrien Vernetzung für sich nutzen und „Amazon-ähnliche“ Lieferzeiten immer mehr in den Fokus rücken.

Hier möchten wir durch die Kombination von digitalen Technologien und unseren Standards beiden „Welten“ – sei es dem B2C-Kunden als auch der B2B-Welt – gleiche Qualität und Professionalität bieten.

Jetzt haben Sie sogar mit der Creditreform aus Oldenburg ein Summit rund um das Thema E-Commerce geplant: Was war der Anlass und das Ziel?
TS: Ich möchte die ganze Geschichte dem Summit nicht voranstellen, es sollen sich schließlich möglichst viele Menschen vor Ort oder digital ein eigenes Bild machen (lacht). In aller Kürze: Wir haben den AutoStore und wollten dies unseren Bestandskunden näher bringen. Daraus ist dann die Idee eines besonderen Events im GVZ Bremen entstanden. Unser Ziel ist es eine Plattform zu schaffen, die Leute aus den Bereichen Onlinehandel und -Payment sowie logistisches E-Commerce-Fulfillment miteinander verbindet. (RED)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 1/2022

 

Logistikkonferenz „TWLogistik2021“ in Bremerhaven

Die „TWLogistik“ ist die traditionelle Logistikkonferenz des VdWT – Vereins der Wirtschaftsingenieure für Transportwesen, die seit Vereinsgründung 1983 jährlich in Bremerhaven stattfindet. Im vergangenen Jahr wurde dieses Veranstaltung Corona-bedingt durch eine Woche digitaler Vortragsabende substituiert. Nun im 37. Jahr fand diese nun wieder live vor Ort in Bremerhaven statt und war ausgebucht.

Redaktion: Bernd Kratz.

Ein Zeichen, dass einerseits die Logistiker sich mit Kollegen der Branche wieder persönlich austauschen möchten, andererseits weil hochaktuelle Themen erörtert wurden: Am ersten Tag präsentierten diverse Logistiker, wie Sie Corona bewältigt haben, der Folgetag fokussierte auf Nachhaltigkeit und Digitalisierung unter der Fragestellung: „Smarte Logistik = Digitalisierung + Nachhaltigkeit. Geht diese Formel auf?“

Corona kam ohne Vorankündigung, so dass sich die Branche schnell auf die neue Situation einstellten musste. Dieses bestätigte auch Fokke Fels, Vorstandsvorsitzender der L.I.T. AG, ein Logistikunternehmen mit über 3.000 LKW. „Anfangs haben wir uns mit adäquaten Maßnahmen gut an neuen Gegebenheiten anpassen können, doch dann kamen die  Auswirkungen des Brexit und der Fahrermangel. Schwierig wurde es dann, als komplette Branchen und damit auch das Transportvolumen von heute auf morgen wegbrach.“ Dieses konnte auch Christian Distelkamp aus der Geschäftsleitung der abat AG bestätigen.

„Als die Automobilbranche anfangs komplette Werke schließen musste und kurz danach auch die Verwaltungen, lagen unsere Beratungsaufträge erst einmal auf Eis“. Auch das Havariekommissariat Battermann & Tillery musste schnell auf „die anfangs ohne Vorwarnung 30 % niedrigere Auftragslage reagieren“, so der Geschäftsführer Nico Nöldner. Stefan Schröder, Geschäftsführer Gesellschafter der LNC konnte anfangs „Business as usual“ betreiben, musste wenig später aber auch auf virtuelle Formate umstellen, was er kurzerhand durch die Etablierung eines eigenen digitalen Studios professionalisierte. Demgegenüber konnte sich die Oskar Schunck GmbH, so Regionalleiter Martin Heisig „vor Arbeit nicht retten – Versicherungsfälle in nicht geahntem Ausmaß und Fragestellungen, welche Schadensfälle in einem völlig neuen Umfeld versichert seien“. Ganz anders beschrieb Dr. Christian Mießen, INFORM GmbH die Situation: Während Künstliche Intelligenz in vielen Bereichen der Logistik zunehmend effizient genutzt werden kann, war dieses System in der Pandemie hilflos „Es fehlten jegliche Erfahrungsdaten, auf die KI hätte referenzieren können“.

Bernd Kratz, 1. Vorsitzender des VdWT resümierte, dass in solchen Notlagen „Jammern keine unternehmerische Aktivität sei“ und stellte damit auch einen Appell an anwesende Dozenten und Studenten, die Fähigkeiten zum innovativen sowie flexiblen Denken und Handeln in die akademische Ausbildung zu integrieren.

Der Folgetag startete mit Konzepten der Nachhaltigkeit, praktiziert in der Metropolregion NordWest. Dr. Claudia Schilling, Senatorin der Freien Hansestadt Bremen zeigte die Zukunft von Wasserstoff im Hafen als Teil des Green Deals auf, gefolgt von innovativen Konzepten für nachhaltige Logistik- und Versorgungsstrukturen. In diesem Zusammenhang stellte Prof. Dr. Benjamin Wagner vom Berg vor, wie durch das von ihm an der Hochschule Bremerhaven initiierte Projekt “NaCL – Nachhaltige Crowd Logistik” einerseits Sendungen umweltfreundlich zum Empfänger gelangen, andererseits mit dem Nachfolgeprojekt “R3 – Resilient Regional Retail” ein Schritt gegen das Aussterben der Innenstädte gegangen wird – der anfänglich theoretische Ansatz von NaCL wurde bereits im vergangenen Jahr in Bremerhaven erfolgreich in die Praxis umgesetzt. Hyways for Future – Gasspeicherkonzepte und klimaneutraler Lastenverkehr mit Wasserstoffantrieben – hiervon sind Burkhard Oppmann, Geschäftsführer und CSO der FAUN-Gruppe sowie André Engbrecht, EWE GASSPEICHER überzeugt.

Bernd Kratz führte in den nächsten Themenblock: „Aktuell erleben wir in Deutschland eine Paketflut, vorrangig getrieben durch den eCommerce, die auch nach den Corona-bedingten Lockerungen und Öffnungen im stationären Handel nicht abebbt. Studien erwarten weiterhin Zuwachsraten im 2- stelligen Prozent-Bereich – und zwar jährlich“. Dieses stellt die KEP-Branche weiterhin vor hohe Herausforderungen, nicht nur bundesweit, sondern auch in der Metropolregion Nord-West. Jan Fitzner veranschaulichte bildlich, wie er als Geschäftsführer der CitiPost Nordwest dem Verkehrskollaps, Parkplatzmangel, Lärm, Schadstoffbelastung mit Digitalisierung und „Micro Hubs“ auf der letzten Meile begegnen möchte.

Marko Schlüter, Geschäftsführer der Hermes Germany hat eine klare Vision der CO2-freien Paketzustellung. „Mit Green Delivery Berlin haben wir eine Blaupause geschaffen, die auch auf andere Städte ausgerollt werden wird; dabei gilt es, die unterschiedlichen Module, aus denen das Konzept besteht, für die jeweilige Situation vor Ort/die Gegebenheiten der Städte individuell zusammenzusetzen“.

Einen digitalen Weg beschreitet Tiramizoo aus München: Mit der neuen Strategie einer Routenoptimierung und damit CO2-Reduzierung auf Basis einer SaaS-Plattform konnte das Unternehmen in den letzten 2 Jahren ein starkes Wachstum generieren. „Des Weiteren sind Tochtergesellschaften für Singapur, Malaysia und Polen als auch ein Ausbau der Aktivitäten in Europa hinzugekommen“, so Martin Sträb, CEO der Tiramizoo GmbH. Inwieweit werden Logistikzentren nachhaltig designed? Hier zogen die die Referenten des letzten Diskussionsblocks ein einheitlich positives Resümee. Die BLG Handelslogistikk betreibt seit kurzem ein neues Logistikzentrum für PUMA in Unterfranken. „Hier in Geiselwind setzen wir Maßstäbe im Bereich Automatisierung, Flexibilität, Skalierbarkeit und Nachhaltigkeit“, so Danilo Georg, Director Operations. Peter Bimmerman präsentiert das Auto-Store-System als eine nachhaltige Variante, da „deutlich weniger umbauter Lagerraum benötigt wird und dieser muss weder beleuchtet, belüftet und in der Regel auch nicht geheizt werden“. Sebastian Girle, Head of National Innovation bei Kühne + Nagel stellte einige Beispiele seiner Sustainable Packing Initiative vor: Packing on Demand, nachhaltige Füllmaterialien, etc. „Alleine durch unser Projekt Folienoptimierung sparen wir an 34 Kontraktlogistikstandorten jährlich 400 Tonnen Folien“.

Aber auch die zu Beginn der Pandemie komplett eingestellte und nun wieder anlaufende Kreuzschifffahrt wurde – wenngleich auch keine direkt logistische, aber unter Umweltgesichtspunkten stark in der Kritik stehendes Branche – nicht außer Acht gelassen. Prof. Dr. Dr. Alexis Papathanassis als langjähriger Insider dieser Branche überraschte hier mit einigen detaillierten Daten – schließlich stellt die Kreuzschifffahrt konkret für Bremerhaven, dem Ort der TWLogistik, einen wesentlichen Wirtschaftsfaktor dar. Vor diesem Hintergrund nahmen zahlreiche Teilnehmer der Veranstaltung dann die Gelegenheit wahr, mit einer alten Kogge, der „Ubena von Bremen“ einige Stunden auf die Weser hinauszufahren – teilweise mit gehissten Segeln völlig CO2-neutral. (BK)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 4/2021

Die Logistik geht gestärkt aus der Krise hervor

Die Corona-Pandemie hat unseren privaten und beruflichen Alltag durcheinandergewirbelt – das gilt auch und besonders bei Entscheidern und Experten in den Wirtschaftsbereichen Supply Chain-Management und Logistik. Ihnen ist es gelungen, trotz aller Einschränkungen die meisten Versorgungsketten intakt zu halten, sowohl die der Industrieproduktion als auch die der Versorgung der Bevölkerung. Lebensmittel und andere Waren des täglichen Bedarfs waren immer hinreichend verfügbar.

Gastbeitrag: Prof. Dr.-Ing. Thomas Wimmer, Vorsitzender des Vorstands, Bundesvereinigung Logistik (BVL) Deutschland e.V.

Die Ausnahmesituation seit März 2020 hat folglich sichtbar gemacht, wie wichtig Supply Chain-Management und Logistik sind, um unser gesellschaftliches und wirtschaftliches System in Funktion zu halten. Die Krise war und ist für eine große Chance für einen Wirtschaftsbereich, der in der Regel im Schatten von Industrie und Handel steht. Logistik hat sich emanzipiert, wird endlich als systemrelevant wahrgenommen und hat heute einen höheren Stellenwert.

Gleichzeitig wurde deutlich, worauf es in Wertschöpfungsketten heute und in Zukunft ankommt, und wo die Schwächen der Systeme und Supply Chains liegen – zumindest unter der außergewöhnlichen Belastung in einer krisenhaften Situation. Prognosesysteme versagen bei extremen Bedarfsschwankungen, Wertschöpfungsketten reißen ab, weil Grenzen geschlossen werden oder es unterschiedliche, zum Teil widersprüchliche Regelungen in benachbarten Regionen gibt. Oder weil Leergut fehlt – oder Container. Produktionslinien müssen heruntergefahren werden, weil Halbleiter weltweit knapp werden – ebenso wie Kunststoffgranulate, Spezialstähle und Holz. Das sind alles indirekte Folgen geänderter Bedarfe in Lockdown-Zeiten.

Der Wirtschaftsbereich Logistik ist im Schnitt mit geringeren Umsatzeinbrüchen durch die Krise gekommen als andere Bereiche. Mengenvolumina sind zurückgegangen und logistische Schwerpunktaktivitäten haben sich verlagert, aber überwiegend war eine Kontinuität des Geschäfts gewährleistet. Zum Teil erlebten wir sogar eine starke Arbeitsverdichtung beispielsweise nach Hamsterkäufen, Nachfragepeaks wie bei Masken oder Homeoffice-Equipment sowie im KEP-Bereich. Wenn die Phase der Lockdowns mit all ihren Beschränkungen zu Ende geht, wird die Wirtschaft durchstarten, es wird Nachholeffekte bei Investitionen und Konsum geben und der Wirtschaftsbereich Logistik wird in Kürze richtig viel Arbeit bekommen. Der Logistik-Indikator der BVL für das zweite Quartal 2021 zeigt großen Optimismus für eine positive Konjunkturentwicklung.

Die Pandemie hat viele Veränderungen beschleunigt, die sowieso angestanden hätten. Unternehmen und Mitarbeiter sind in der Krise agiler geworden. Das ist im Sinne der Zukunftssicherung von großer Bedeutung. Resilienz, Transparenz und Flexibilität sind gefragt. Digitalisierung und neue Technologien geben uns dafür Werkzeuge an die Hand, die gepaart mit neuen Denk- und Arbeitsweisen zum Erfolg führen werden. In den Feldern IT-Infrastruktur und Data Analytics gut aufgestellt zu sein, befähigt Unternehmen, Volatilitäten zu verstehen und kurzfristig zu reagieren. BVL.digital und die Frankfurt University of Applied Sciences haben Entscheider zu den Erfolgsfaktoren resilienter Wertschöpfungskette befragt und herausgefunden, dass digitale Unternehmen besser durch die Krise kommen und somit resilienter sind. Dazu passt, dass 76 Prozent der Befragten angaben, die Corona-Krise habe den Digitalisierungsprozess in ihrem Unternehmen beschleunigt.

Um die Resilienz weiter zu stärken, steht in Industrie und Handel die Verbesserung des Informations- und Planungsprozesses mit den Partnern der Supply Chain ganz oben auf der Prioritätenliste, was wiederum eine Stärkung der Logistik mit sich bringt. Einige Logistikdienstleister werden den Charakter von Softwareunternehmen annehmen und Plattformen betreiben. Andere werden sich auf physischen Transport und Lagerung konzentrieren, dabei aber von der digitalen Steuerung der Prozesse profitieren.

Sehr bald dürfte sich dies im Handel bewähren. Kontaktbeschränkungen, Lockdowns und in der Folge stark verändertes Kundenverhalten haben die strukturellen Veränderungen der Handelslandschaft stark beschleunigt. So wird intelligente Logistik zum Wettbewerbsvorteil in einer Handelslandschaft, in der Online- und Offline-Angebote systematisch strukturell verbunden sind. Der Store ist in der Regel schneller als das Fulfillment-Center. Das Kaufhaus liegt im Schnitt näher bei den Kunden als das Auslieferungslager. So sind zum Beispiel 80 Prozent der Haushalte von den Häusern der Galeria Karstadt Kaufhof aus in nur 30 Minuten erreichbar. Eine erfolgversprechende Option für den Handel dürften also kooperativ gestaltete integrierte Modelle sein – wie sie in Deutschland beispielsweise von Zalando praktiziert werden. Und die Logistik, die bei dieser Transformation eine entscheidende Rolle spielt, muss sich auf eine Dezentralisierung ihrer Lagerflächen sowie kleinteiligere, kundenindividuellere Transporte einstellen.

Nun müssen die Erkenntnisse genutzt und erkannte Schwächen in Stärken verwandelt werden. Denn die Herausforderungen, die uns schon vor der Corona-Pandemie in Atem gehalten haben, sind alle noch da. Sie wurden durch Besonderheiten der Krise nur überdeckt: Der Brexit und dessen immer deutlicher spürbaren Folgen, zunehmende nationale Egoismen, der demographische und der klimatische Wandel und die Notwendigkeit, nachhaltig zu handeln. Die Welt hat sich verändert. Um die Führungsrolle zu halten, müssen wir uns weiter entwickeln.

QUELLE: LOGISTIK express Ausgabe 3/2021

Österreichische Post: Gelber Riese mit grünem Herzen

Die Pandemie hat den Umbau in der Paketlogistik erheblich beschleunigt: Ein deutlicher Zuwachs beim Onlinehandel sorgte für mehr Arbeit bei der Österreichischen Post AG. Diese begegnet den Anforderungen mit Investitionen und einem grüneren Weltbild. Post-Vorstand Peter Umundum beantwortet unsere Fragen.

Redaktion: Peter Nestler.

Der Weg war vorgezeichnet: Zusätzlich zum allgemeinen Anstieg im E-Commerce hat der Onlinehandel nach Ausbruch der Pandemie mit ihren beschränkenden Maßnahmen weltweit im Jahr 2020 stark zugenommen. Die Ausgaben der heimischen Konsumenten im so genannten Distanzhandels wurden auch im Vorjahr überwiegend vom E-Commerce getragen und erreichten 2020 mit 8,7 Mrd. Euro einen neuen Rekordwert. Von insgesamt 8 Mrd. Euro Online-Umsatz fallen bereits 1,2 Mrd. Euro auf den Mobile Commerce. Das bedeutete im Vorjahr einen massiven Zuwachs von plus 50 Prozent.

Diese Warenströme wollen auch an die Konsumenten gebracht werden. Branchenprimus Österreichische Post AG zeigt sich durchwegs vorbereitet. Als österreichischer Marktführer in der Paketlogistik hat das Unternehmen im Jahr 2020 insgesamt 166 Mio. Pakete transportiert – über 30 Prozent mehr als im Jahr zuvor (127 Mio. Pakete). Auch heuer für 2021 wird mit einem Mengenzuwachs im zweistelligen Prozentbereich gerechnet. Vorbereitung ist dabei alles. Und die Post ist gut vorbereitet auf das Mengenwachstum. Dafür sorgen Erweiterungen in der Logistik und strategische Partnerschaften beziehungsweise Kooperationen. Seit August 2019 stellt die Post unter anderem auch DHL-Pakete in Österreich zu. Allein das hat der Post noch einmal rund 20 Mio. Pakete mehr gebracht.

Das Briefgeschäft sei dagegen im Zuge der Digitalisierung weiter rückläufig, berichtet Peter Umundum, Vorstand Paket & Logistik bei der Österreichischen Post. Dennoch gebe es auch hier Bereiche, die sogar ein gewisses Wachstum aufweisen. So habe das Volumen an größeren Briefen im Zuge der steigenden E-Commerce-Aktivitäten in Österreich ebenfalls zulegen können.

Der österreichische Handel gehört bei diesen Wachstumstrends im Pakethandel nicht zu den Gewinnern. „Jedes zweite Paket kommt aus dem Ausland und die großen Internethändler haben auch pandemiebedingt ordentlich zugelegt“, weiß Peter Umundum Mit einer Österreichbrille betrachtet, habe der heimische Handel da durchwegs einigen Aufholbedarf, fügt er an. Die Post leistet mit dem Onlineportal shöpping ihren eigenen Anteil dazu. „Wir haben im vergangenen Jahr deutlich über 1000 Anbieter auf shöpping dazugewonnen. Somit sind dort nun insgesamt 1800 Händler und über 3 Millionen Produkte vertreten“, so Umundum. Das über das Portal generierte Umsatzvolumen habe sich 2020 verdreifacht.

Noch ist das 2017 gestartete Projekt der Post im Aufbau : „Wir verdienen derzeit noch nichts damit“ sagt Umundum. Es handle sich um ein klassisches skaliertes Geschäft, das weiteres Wachstum brauche, um für den Betreiber auch wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Somit müssen weitere Anbieter und auch Abnehmer dazukommen. Ein erfolgreicher Schritt sei die Kooperation mit der 7Ventures, dem Investment-Arm von Österreichs führender Privat-TV-Gruppe ProSieben Sat.1PULS4.

Für den Konzern insgesamt ist Umundum operativ sehr zuversichtlich, ein wirtschaftlich erfolgreiches Geschäftsjahr 2021 abliefern zu können. „Da hilft uns natürlich das Wachstum im Pakethandel im Zuge der Pandemie schon“, sagt Umundum. Gleiches gelte für die Auslandsbeteiligungen der Post, lässt er durchblicken. Eine Erweiterung der Geschäftsfelder sei für die Post derzeit nicht geplant, etwa komme ein Ausbau in den Bereich Supply Chains für die Post aktuell nicht infrage.

Dafür entwickelt die Post neue Modelle gemeinsam mit dem Handel in Österreich. 2020 wurde mit dm drogerie markt eine kombinierte Kommissionierung gestartet. Wenn Kunden beim dm drogerie markt online Produkte bestellen, bietet der Drogerie-händler die Abwicklung der Bestellung seinen Filialen an. Wurde das Paket in der Filiale kommissioniert, so erteilt die Filiale dann der Post einen Abholauftrag, diese holt das Paket in der Früh ab, bringt es in ein nahegelegenes Verteilzentrum und stellt es am nächsten Tag bereits zu.

Alles, was nicht in der Filiale kommissioniert wird, geht in die zentrale Kommissionierung, die die Post Systemlogistik für dm drogerie markt übernimmt. Der Vorteil für die Handelskette ist, dass durch dieses flexible Konzept Online-Bestellungen noch schneller abgewickelt werden und Leerläufe in den Filialen sinnvoll genutzt werden

Ein weiteres spannendes Projekt habe man gemeinsam mit dem Onlinehändler zalando entwickelt. Wenn dort online bestellt wird, gibt zalando die Kommissionierung der Ware teilweise an Handelspartner, die in Österreich sitzen, weiter. Im Grunde laufen diese Prozesse ähnlich ab wie mit dm drogerie markt, „aber sie sind etwas breiter gedacht, weil es ein größeres Produktspektrum und unterschiedliche Handelspartner gibt“, so Umundum. Das klinge einfach, habe aber durchaus seine Herausforderungen in der Mengensteuerung, weil man ja nie wisse, kommen da 10 Pakete daher, 100 oder 500“, beschreibt Umundum die Anforderungen an die Post als Logistikpartner. „Das sind schon Handelskonzepte, die auch für den österreichischen Handel Chancen für die Zukunft eröffnen. Es muss allerdings auch die IT im Zusammenspiel der Lagersysteme gut integriert und entwickelt sein, um mit den Systemen der Post zu harmonieren“, weiß Umundum.

Amazon wird zum Mitbewerber.
Internethandelsriese Amazon knabbert der Post allerdings in Österreich Teile dieses Kuchens wieder weg. Besonders in den Ballungszentren haben die Amerikaner begonnen, die Zustellung mittels eigener Logistik zu erledigen. Zuletzt wurden in Wien gleich zwei Verteilzentren in Betrieb genommen. Amazon ist nach wie vor einer unserer größten Kunden und wird das auch bleiben, davon gehe ich aus. Das Unternehmen wird aber zugleich auch Mitbewerber, nachdem er gerade seine Netze aufbaut“, sagt Umundum. Strategische Überlegungen? Betriebswirtschaftliches Kalkül? Was treibt Amazon bei diesen Überlegungen an? „Ich bin mir gar nicht sicher, ob Amazon da immer ganz genau rechnet“, meint Umundum.

Vielmehr gehe er davon aus, dass dies ein eher strategischer Zugang sei, der in der Konzernzentrale entschieden wurde. Die Eigenzustellung sei ganz einfach ein Trend, der vor einigen Jahren in den USA begonnen habe, dann in Großbritannien nachgezogen wurde und nun schön langsam auch auf andere Länder ausgerollt werde.

Gefährdet sei das Zustellvolumen der Post durch diesen Move von Amazon hin zur Eigenzustellung aber nicht, lässt Umundum durchblicken. Zum einen erledigen die Amazonen dieses Geschäft nur in Ballungsräumen selbst, wo dies einfacher möglich sei. Zum anderen sei so eine Entwicklung bei anderen Versandhändlern nicht absehbar. „Bei anderen großen Händlern sehe ich diese Entwicklung nicht. Die Otto-Gruppe hat Bemühungen in diese Richtungen mit Hermes ja damals nach zwei, drei Jahren wieder eingestellt“, so Umundum.

Anders als in den Auslandsmärkten der Post. So baue in der Türkei ein großer Händler gerade sein eigenes Versandnetz aus. Insgesamt hat die Post die zunehmenden Paketmengen (+30% zum Vorjahr) nach eigenen Angaben gut abgewickelt. „Wir sind im Jahr 2020 auf eine Erstzustellungsquote von 94 Prozent gekommen“, ist Umundum stolz. Das heißt, dass 94 Prozent der gelieferten Pakete beim ersten Zustellversuch tatsächlich an der Zieladresse abgegeben werden konnten. Immerhin konnte diese Quote damit gegenüber dem Vorjahr nochmals um 2,5 Prozentpunkte gesteigert werden.

Um diese Quote weiter hochzuhalten, überlegt sich die Post auch alternative Zustellmethoden. „Wir wollen die Erstzustellquote sukzessive weiter erhöhen“, lässt Umundum durchblicken. Im „Kampf gegen den gelben Zettel“ testet die Österreichische Post einen neuen Service – die Vorzimmer-Zustellung. In Kooperation mit der A1 Telekom Austria AG und Nuki Home Solutions GmbH wird Empfängern erstmals die Möglichkeit angeboten, Pakete auch bei Abwesenheit direkt in die eigenen vier Wände geliefert zu bekommen. „Wir haben sehr gute Vertrauenswerte in der Bevölkerung. Gerade deshalb haben wir auch bereits über 800.000 Abstellgenehmigungen österreichweit, mit der uns die Menschen bereits in ihren Garten oder etwa ihre Garage lassen, um ein Paket abzustellen.

Mit der Vorzimmer-Zustellung gehen wir hier einen Schritt weiter und stellen auch dort zuhause zu, wo eine Abstellgenehmigung nicht möglich ist“, erklärt der Post-Vorstand. Das Pilotprojekt mit 100 Test-Kunden in Wien, Graz und Niederösterreich findet im Zeitraum Juli bis Dezember statt. Dafür wird die Eingangs-tür der Sendungsempfänger mit einem „Nuki Smart Lock“ ausgestattet. Damit erhält der Zusteller die Berechtigung, die Wohnungstür mittels eines mobilen Gerätes zu öffnen. Eine Bodenmatte im Vorzimmer markiert den Platz, an dem das Paket abgestellt werden soll. Hat der Kunde zudem Smart Home Geräte von A1 installiert, kann er , die Zustellung live oder bis zu 72 Stunden im Nachhinein per Video nachverfolgen. Sollte eine Vorzimmer-Zustellung nicht möglich sein, kommt der normale Zustellprozess zur Anwendung – eine Abgabe in einer Post Empfangsbox, eine Hinterlegung in einer Filiale oder bei einem Post Partner. „Während die Erstzustellquote im ländlichen Raum gegen 100 Prozent geht, richtet sich diese neue Zustelllösung vor allem an Interessierte in städtischen Gebieten, wo die Rate noch darunter liegt,“ erklärt Umundum.

Logistikzentren massiv ausgebaut.
„Im Zuge unseres mehrjährigen Ausbauprogramms investieren wir rund eine halbe Milliarde Euro in den Ausbau unserer Logistikkapazitäten“, so der Post-Vorstand. „Allein bis 2022 schaffen wir damit zusätz-liche 30 Prozent an Sortierleistung.“ 2020 hat die Post insgesamt 143 Mio. Euro (CAPEX) investiert.“ Damit will das Unternehmen mit den zu-nehmenden Mengen Schritt halten und die eigene Leaderposition in Österreich absichern. Die Post als Konzern ist in acht Ländern tätig und das genannte Wachstum findet auch in den anderen Ländern in ähnlichem Ausmaß statt. „In der Türkei hat es sogar ein überdurchschnittliches Wachstum gegeben. Dort ist das Volumen der beförderten Pakete von ebenfalls rund 127 Mio. Paketen auf 188 Mio. angesprungen“, sagt Umundum.

Die neuen, größeren oder ausgebauten.
Logistikzentren der Post sind dabei strategisch über ganz Österreich verteilt. In Allhaming in Oberösterreich entsteht das derzeit modernste Logistikzentrum Österreichs. Die Post erweitert ihr seit 2014 bestehendes Paketzentrum im Bezirk Linz-Land um eine Grundstücksfläche von ca. 125.000 m², mehr als 700 bestehende Arbeitsplätze werden dadurch gesichert, mit Betriebsstart kommen 200 neue dazu.

Die Sorterleistung wird sich dann auf 33.000 Pakete pro Stunde belaufen – bisher waren es 10.500 pro Stunde. Garantiert wird dies durch den Einsatz hochmoderner Quergurtsorter. In Vomp wird inzwischen das Projekt Logistik-zentrum Tirol umgesetzt. Auf einer 100.000 m² großen Grundstücksfläche, von der rund 30.000 m² verbaut werden, entstehen ein Brief- und Paketzentrum mit integrierter Zustellbasis sowie Büroflächen für den Overhead. Investor dieses Projekts ist die Firma Derfeser – die Post investiert für Sortiermaschinen bis zu 25 Mio. Euro. Aus heutiger Sicht ist mit einer Inbetriebnahme im Herbst 2021 zu rechnen.

Schon früher wurde das Paketverteilzentrum in Wolfurt in Vorarlberg erweitert, auch damit werden 30 neue Arbeitsplätze geschaffen. Etwa 27 Mio. Euro nimmt die Post AG für diesen Ausbau in die Hand. Durch die Erweiterungen sowie Modernisierungen am insgesamt 40.000m² großen Standort, die während des laufenden Betriebes durchgeführt werden, erhöht sich die Verteilkapazität von 4.500 Paketen auf 8.000 Pakete pro Stunde. Die Fertigstellung ist im 4. Quartal 2021 geplant.

Ebenfalls neu in Betrieb genommen wurde im Vorjahr der erweiterte Standort in der Steiermark. Mit Juli 2020 hat das größte Paket-Logistik-zentrum der Österreichischen Post in Kalsdorf bei Graz seinen Betrieb aufgenommen. Auf dem fast 170.000 Quadratmeter großen Grundstück sorgen rund 370 Mitarbeiter für die Verteilung von Paketen. Außerdem erfolgt die Zustellung für den Großraum Graz von hier aus. Die Leistungsdaten des Paket-Logistikzentrums sprechen für sich: In der ersten Ausbaustufe ermöglichen die Anlagen eine Sortierleistung von 13.500 Paketen pro Stunde, dafür sorgt eine Förderanlage mit einer Gesamtlänge von rund zwei Kilometern.

Gelb wird grün.
Der zunehmenden Bodenversiegelung durch große, horizontal angelegte Produktionsanlagen begegnet die Post mit durchwegs ökologischem Antrieb: „Wir haben zum Beispiel gerade für den Standort in Allhaming zwar ein großes Grundstück verwertet, kommen aber dennoch auf eine Aufforstungsquote von 1,3“, ist Umundum stolz.

„Das Logistikzentrum in Allhaming soll auch in puncto Nachhaltigkeit ein Vorzeigeprojekt sein“, so Umundum. Dort setzt die Post insbesondere auf Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit. So wird am Dach des Logistikzentrums eine Photovoltaikanlage mit einer Leistung von rund 500 kWp installiert, die nicht nur das Zentrum, sondern auch die am Standort betriebene E-Flotte der Post versorgt. Für eine möglichst effiziente und nachhaltige An- und Abreise der Mitarbeiter wird ein betriebliches Mobilitätsmanagement umgesetzt, das Werksbusse, Fahrgemeinschaften, die Nutzung von Fahrrädern sowie Stellplätze mit Ladestationen für E-Autos und E-Bikes beherbergt. Die Grünflächen rund um das Logistikzentrum werden mit Fokus auf Biodiversität angelegt und umweltfreundlich bewirtschaftet. Am neuen Areal wird darüber hinaus ein Biotop angelegt, Nistkästen aufgehängt sowie Wildbienen angesiedelt. Zudem kommt die Post in Österreich bereits auf mehr als 20 Prozent des gesamten Fuhrparks mit E-Fahrzeugen. Man sieht: Die Post denkt und agiert durchaus nachhaltig. Die Post bleibt zwar weiterhin gelb, sie wird aber innerlich dennoch grüner. Neben dem Ausbau der Photovoltaikanlangen setze man auf einzelnen Standorten auf Biodiversität. In Wien beherbergt die Post sogar Bienenstöcke und unterstützt deren Lebensraum. Gelb wird also grün.

Bereits seit 2011 stellt die Österreichische Post alle Sendungen innerhalb Österreichs CO2-neutral zu und war damit Vorreiter unter den Postgesellschaften. Das nächste Ziel ist eine CO2-freie Zustellung bis zum Jahr 2030, was bedeutet, dass bis dahin auf der letzten Meile ausschließlich E-Fahrzeuge oder Fahrzeuge mit alternativen Antrieben im Einsatz sind. Dieses Ziel wird in der steirischen Landeshauptstadt schon deutlich früher erreicht – bereits ab September 2021 wird die gesamte Postzustellung in Graz emissionsfrei erfolgen. Dann werden auch Pakete im Stadtbereich Graz CO2-frei zugestellt. Gesamt werden dann in Graz rund 160 E-Fahrzeuge für die Post im Einsatz sein.

Post ist ein Jobmotor.
Durch die Ausweitungen der Kapazitäten gilt die Österreichische Post als der größte Jobmotor im Lande in der Logistikbranche. Der Mitarbeiter-Stand betrug am Ende des 1. Quartals im Geschäftsjahr 2021 insgesamt 17.917. Bei der Post läuft eine Joboffensive. Denn der Boom beim E-Commerce sowie die sich verändernden Ansprüche der Konsumenten bringen einen richtigen Job Aufschwung in der KEP-Branche. Als einer der renommiertesten Dienstleister in der Zustellbranche sucht die Österreichische Post, ob in der Zustellung, den Logistikzentren, den Filialen, aber auch in der IT und im Management. Ziel der wirtschaftlichen Anstrengungen der Post mit dem Ausbau von Logistikzentren und Zustellbasen, sei es, „immer stärker integriert zu operieren und zuzustellen“, verrät Umundum. (PN)

QUELLE: LOGISTIK express Ausgabe 3/2021

ECOMLOG21: Pandemie als Entwicklungs-Motor für die Logistik

Beim 6. eCommerce Logistik-Day 2021 Anfang September dreht sich alles um die pandemiebedingte Beschleunigung technischer und organisatorischer Entwicklungen in der Intra-, Distributions- und Versandlogistik. Wie schon im Jahr 2020 wird die Veranstaltung als Hybridform stattfinden.

Redaktion: Angelika Gabor.

Vor einigen Jahren noch undenkbar, hat sich die Hybrid-Form des Business-Events als voller Erfolg erwiesen. Am 9.9.2021 findet der 6. eCommerce Logistik-Day in Wien beim österreichischen Handelsverband statt. Kooperationspartner ist wie gewohnt neben dem Handelsverband auch das IDIH Institut des Interaktiven Handels. Durch die Veranstaltung führen wird wie bisher der Mit-Initiator des eCommerce Logistik-Tages, Bernd Kratz, Managing Director der EMA GmbH.

Während die Sprecher teilweilweise vor Ort sind – natürlich unter Einhaltung der jeweils gültigen Hygienemaßnahmen – können Sie bequem „on demand“ Vorträge und Podiumsdiskussionen mitverfolgen. Unternehmen haben noch die Möglichkeit, einen Speaker-Slot zu buchen.

(Logistik)Welt im Wandel.
Die Corona-Pandemie erwischte die Wirtschaftswelt völlig unvorbereitet und quasi ohne Vorwarnung. Und plötzlich wurde wahr, wovon Viele insgeheim schon lange träumten: die Logistik wurde über Nacht als systemrelevant anerkannt. „Die Logistik war zwar schon immer einer der bedeutendsten Faktoren der Wirtschaft, allerdings wurde dieses oftmals nicht wahrgenommen. Vielmehr wurde es als eine Selbstverständlichkeit erwartet, dass die Warenströme einwandfrei und verlässlich funktionierten, die Regal im stationären Handel stets gefüllt waren“, fasst Bernd Kratz zusammen. Leere Regale waren bis dahin eine Seltenheit, und plötzlich – Hamsterkäufen sei Dank – herrschte in manchen Produktbereichen gähnende Leere im Supermarkt.  Zur Angst vor dem Virus kam plötzlich die Versorgungsangst. Die weltweiten Logistikketten rissen ab und sind teilweise bis heute noch nicht völlig wiederhergestellt. Während sich die Situation im Lebensmittelbereich wieder normalisiert hat, stehen einige Produktionen still. Besonders stark betroffen: die Automobilindustrie, die unter einemb eklatanten Halbleitermangel leidet. Ehrlicherweise muss aber gesagt sein, dass dieser Mangel wohl auch ohne Corona bestünde. Fakt ist: globale Lieferketten kamen gewaltig ins Trudeln und plötzlich stellte sich vermehrt die Frage, ob dieses Outsourcing rund um den Globus wirklich so optimal ist.

Automatisierung als Ausfallschutz.
Eine Maschine wird nicht krank. Sie muss auch keinen Abstand halten. So einfach lässt sich zusammenfassen, warum die Erhöhung des Automatisierungsgrades in Produktionsstätten eine neue Bedeutung erhalten hat. „Die Automatisierung dient nicht wie zuvor nur zur Kostensenkung, sondern auch zur Sicherstellung und Aufrechterhaltung eines Betriebs durch eine Reduzierung der Infektionsgefahr innerhalb des Personals“, berichtet Kratz.

Bestes Beispiel hierfür sind die Paketzentre.
Der Lockdown sorgte für eine Paketflut, wie man sie sonst nur vom Weihnachtsgeschäft kennt. Die KEP-Dienstleister mussten ihre Kapazitäten und gleichzeitig die Zustellgeschwindigkeit binnen kürzester Zeit stark ausweiten, Prozesse straffen und die Automatisierung verstärken. In seinem Vortrag „Die saisonalen Spitzen der Auftragsabwicklung im Retail smart und effizient bewältigen“ zeigt Markus Grabner, Senior Sales Manager bei Reesink Logistic Solutions Austria Möglichkeiten auf, solche Schwankungen elegant zu meistern. Auch im Beitrag von Joachim Kininger, Director Strategic Business Development, Element Logic Germany GmbH, dreht sich alles um Volatilität – und wie man sie sich zu Nutzen macht: „Geschwindigkeit, Flexibilität und Skalierbarkeit als Wettbewerbsvorteil in einer dynamischen Handels- und Logistikwelt“ lautet sein Vortragsthema. Des Weitern folgt von DI (FH) Roman Schnabl, Vice President Product Management der KNAPP AG ein spannender Beitrag zu Trends in der Value Chain und Logistik – Wie KI-basierte Technologie die Welt der intelligenten Logistik verändert.

Digitalisierung unumgänglich Schon seit Jahren ist die Logistikbranche von Innovation und Digitalisierung getrieben – Track & Trace-Informationen zum Beispiel sind offline unmöglich zu realisieren. Durch die Pandemie erhielt diese Entwicklung einen weiteren Schub. In seinem Vortrag „Der datengestützte moderne Handel und die Digitalisierung der Warenströme“ wird Walter Trezek, Vorsitzender des beratenden Komitees des Weltpostvereins von aktuellen Entwicklungen und neuen Realitäten erzählen. Wer im Lockdown sitzt und trotzdem einkaufen möchte, hat nur eine Alternative: Distanzhandel. Florian Seikel Geschäftsführer Logistic Natives e.V., Berlin, gewährt daher Einblicke in „Das virtuelle Warenhaus – der internationale & digitale Handel.“ Mindestens genauso spannend wird der Beitrag von Günter Birnstingl, Managing Director Austria bei Seven Senders: „Wie Corona die Versandlogistik verändert hat – Chancen und Herausforderungen im europäischen Cross-Border Versand.“

Zudem freuen wir uns sehr auf die Speaker – Harald Gutschi, Geschäftsführer der UNITO Gruppe und Rainer Will, Geschäftsführer vom Handelsverband u.v.m.. Den Abschluss der Veranstaltung bildet die geführte Podiumsdiskussion „Nach der Pandemie ist vor der Pandemie – wie wird sich die Logistik auf zukünftige Notsituationen vorbereiten?“. Hoffentlich gut! (AG)

QUELLE: LOGISTIK express Ausgabe 3/2021

Digitalisierung des Einzelhandels: Datengesteuerte Warenzustellung wird mit 1. Juli 2021 Realität

Verpflichtende Bereitstellung von Daten vor dem Versand erhöht die Zustelleffizienz, gewährleistet Zustellpräferenzen der Empfänger und ermöglicht Nachhaltigkeit.

Beitrag: Walter Trezek.

Mit der Umsetzung des EU MwSt. Ecommerce Pakets (RICHTLINIE (EU) 2017/2455 DES RATES vom 5. Dezember 2017) tritt mit dem 1 Juli 2021 die Digitalisierung des Einzelhandels in eine neue Phase. Das Datenmodel der Finanzbehörden harmonisiert die Art und Weise wie Daten zu Einzelhandelswaren verwaltet und vor jedem Versand ausgetauscht werden müssen. Die Grundlagen der weiteren Digitalisierung des Einzelhandels, weltweiten Normen folgend, wurden festgelegt.

Digitalisierung erfordert eine andere, neue Infrastruktur.
In der EU wird sich der Anteil des digitalen Einzelhandels von heute 15% auf 30% bis 2023 verdoppeln. ¼ des online Handelsvolumens stammt aus EU-Drittstaaten. 4 Marktplätze sind für 2/3 aller Warensendungen, die in die EU importiert werden, verantwortlich. Allein 2019 importierte AMAZON etwa 650 Mio. Warensendungen grenzüberschreitend in die EU. Mehr als ¾ dieser Sendungen waren Warensendungen mit geringem Wert, bei der Alibaba-Gruppe lag das tägliche Importvolumen 2019 bei etwa 2,5 Mio. Warensendungen täglich. Nach Studien der World Free Zone Organisation rechnen die Zollfreihäfen weltweit damit, dass bis 2030 annähernd 80% des Welthandels online abgewickelt werden. Gleichzeitig hat sich der Trend von B2B zu B2C verstärkt. Der digitale Einzelhandel und damit die Warensendungsvolumen werden weiterhin zweistellig wachsen.

Statt weniger Daten zu großen Mengen (B2B) – viele Daten zu Einzelmengen (B2C).
Die Zustellung der digital bestellten Handels-waren wird eine Herausforderung. In der Zukunft können mit der heute, auf analogen Prozessen basierenden Zustellinfrastruktur, die stark wachsenden Paketmengen, nicht nach den Präferenzen der Empfänger zugestellt werden. Auch die geplante Erweiterung der Dichte an Paketstationen der Deutschen Post AG bis 2023, auf ca. 1 Mio. Fächer (2,5-fach zu 2020) wird nur in der Lage sein etwa 5 – max. 7% des Volumens über Pick-up / Drop-off Lokationen zuzustellen zu können.

Was online verkauft und zugestellt werden kann wird zugestellt.
Der Versand von Nahrungsmitteln folgt dem Versand von non-food Einzelhandelswaren. In den kommenden Monaten ist diesem Marktsegment mit einem erhöhten Wachstum zu rechnen. Die notwendige Digitalisierung der Einzelhandelswaren und die damit verbundenen Harmonisierung ist im Nahrungsmittelhandel ist bereits fortgeschritten.

Alles ist mit Allem verbunden.
In der Zustellung der Warensendungen werden die Zeit- und Ortsangaben zum Sendungsverlauf (so genanntes “Track & Trace”) durch die digitale Vorabmeldungen vervollständigt. Die erste und letzte Meile wird durch eine digital gestützte, selbstlernende Infrastruktur ergänzt. Die notwendige Verbesserung der Nachhaltigkeit und Stärkung der Kreislaufwirtschaft wird durch Vorabmeldungen auf eine neue digitale Basis gestellt.

Digitaler Wandel im Handel –> Mengenwachstum -> Infrastrukturevolution.
2019 wurden in europäischen Wirtschaftsraum bereits weniger klassische B2C Briefsendungen zugestellt als Warensendungen. Auf allen Ebenen der postalischen Prozesskette: der Annahme, Sortierung, Transport und auch Zustellung kommt es zu Konsolidierung und Kollaboration der Wirtschaftsbeteiligten.  Kritisch ist, dass die Ausstattung der Marktteilnehmer nicht zur Nachfrage passt. Mit der zunehmenden Digitalisierung wird eine datengestützte Infrastruktur notwendig, die auch eine betreiberunabhängige und unbeaufsichtigte Zustellung der digital bestellten Einzelhandelswaren benötigt.

Einzelhandel ist beides OFF- / ON-line.
Erfolgreicher Einzelhandel präsentiert, informiert und verkauft seine Einzelhandelswaren off-line im klassischen stationären Handel, digital gestützt aber genauso on-line. Dabei verschwimmen die Grenzen zwischen Web-Präsenz, Webshop und Marktplatz. Reine digitale Marktplätze ergänzen ihre Vertriebskanäle durch stationäre Konzepte. Präferenzen von Kunden kann so on-line besser mittels click / call & collect; pick-up; drop-off und micro-fulfilment-centres entsprochen werden.

Digitalisierung der Warenlieferketten.
Was mit dem finanzpolizeilichem Zoll-Datenmodel begonnen hat, führt zu einer Harmonisierung der digitalen Beschreibung der Einzelhandelswaren, als Voraussetzung der Zustellung, aber auch der Transportsicherheit, Produkthaftung und auch der Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft:

  1. Warenbeschreibung: Harmonisierung der generischen (Zollkodex) und/oder der produktindividuellen (z.B. “Global Trad Item Number”) Beschreibung;
  2. Namen und Anschriften von Absendern, Empfängern und, soweit abweichend, von denjenigen Personen, welche die jeweilige Postsendung eingeliefert oder entgegengenommen haben;
  3. Art des in Anspruch genommenen Postdienstes (digitale ID);
  4. Maße und Gewicht der jeweiligen Postsendung;
  5. die vom Postdienstleister zugeteilte Sendungsnummer (eindeutige Transport-ID
    der jeweiligen Postsendung sowie, sofern der Empfänger eine Abholstation mit Selbstbedienungs-Schließfächern nutzt (Kennung),dessen persönliche Postnummer („Zugangseröffnung“);
  6. Zeit- und Ortsangaben zum jeweiligen Postsendungsverlauf; sowie
  7. zu Zwecken der Erbringung der Postdienstleistung erstellte Bildaufnahmen von der Postsendung.
  8. Daten zu den Waren sind beim Verkauf vorhanden -> damit Zustellung nach den Präferenzen der Kunden.

Starkes Volumenwachstum erfordert verbesserte Effizienz auf der letzten Meile.
Bis zu 1/3 aller Zustellkosten fallen auf der letzten Meile an. Die Digitalisierung des Einzelhandels erhöht die Effizienz in der Zustellung auf der letzten Meile wesentlich. Das Ziel ist eine „one-stop-delivery“, die ähnlich wie bei der Briefzustellung zu einer gesicherten Abgabe der Warensendungen an jeden Haushalt, über einen für alle Zusteller offenen Zustellkasten führt. Die heute bestehende Zustelladresse wird um eine „Zugangseröffnung“ nach den Präferenzen der Empfänger im Interesse aller erweitert (insb. des Handels, aber auch der Konsumenten). Heute passen nur zu < 50% aller Warensendungen in die bestehenden, normgerechten Postfachanlagen. Damit wird eine Neudefinition der notwendigen Infrastruktur, die jeder Haushalt haben sollte (nach bestehenden europäischen und/oder auf Deutschland zu konkretisierende Normen), oder auch der Allgemeinheit zugänglichen Hinterlegungsorten notwendig.

Daten steuern die Zustellung von Waren – wem gehören die Daten?
Die Sicherheit, damit das Vermeiden von Gefahr für Leib und Leben, und das Unterbinden einer kriminellen und verbrecherischen Nutzung einer solcherart neu aufzubauenden Infrastruktur ist bereits weit vorangeschritten. Der soziale Aspekt ist dringend zu berücksichtigen und damit für eine Barrierefreiheit zu sorgen. Umweltverträglichkeit der Konzepte ist zu gewährleisten. Damit ist die digitale Bemessung des CO² Verbrauchs der individuellen Einzelwarenzustellung, die Nachhaltigkeit und Vermeidung von sekundärem Abhol- oder Zustellverkehr, aber auch drohende Verkehrsbeschränkungen – die in aller nächster Zeit sogar zu Verkehrsverboten werden könnten zu berücksichtigen.

Wettbewerbsgleichheit, das Ende der MwSt.
Hinterziehung und des Zollbetrugs sowie Ende der Verletzung von Eigentumsrechten stehen heute im Vordergrund. Mit der Standardisierung der Daten gewinnt der Einzelhandel wieder die Hoheit über seine eigenen Daten. Diese Daten sind die Daten des Handels und sollten auch allen Wirtschaftsbeteiligten offensteht. Damit sind proprietäre Datensysteme, die heute große Teile des digitalen Handels beherrschen ungeeignet und werden auch durch offene Konzepte wie eben dem EU- Zolldatenmodel abgelöst.

Gesetzliche Vorgaben, Normen.
Seit 1. Jänner 2021: Daten zu Waren-POST-sendungen (grenzüberschreitend) müssen vor dem Versand zwischen Postbetreibern ausgetauscht werden (Transport- und Konsumentenschutz; Zoll- und MwSt.). Seit 15. März 2021: Zu allen Warensendungen (KEP) vorab Datenaustausch bei einer geplanten Flugfracht. Bis 2025 gilt das für alle Transportkanäle. Bis Mitte 2024 Volldigitalisierung aller Frachtinformationen. Mit 1. Juli 2021: Daten zu allen Warensendungen müssen vor dem Versand ausgetauscht werden, trifft Importe in die EU, aber auch Intra-EU versandt. (Zoll- und MwSt.). Mandate der Europ. Kommission ermöglichen allen Wirtschaftsbeteiligten die konkrete Ausgestaltung der Normen (nach den gesetzlichen Rahmenvorgaben). Dazu gehören auch betreiberoffene, kontaktlose Übergabeeinrichtungen, sowie der notwendige Datenaustausch zwischen den Wirtschaftsbeteiligten. (Vermeidung von kriminellen oder verbrecherischen Tätigkeiten). Austrian Standards arbeitet an der Gestaltung der Europäischen Normen, als Spiegelgremium zu CEN und ist Wirtschaftsbeteiligten offen, Normen auch für Österreich zu konkretisieren.

Der logistic-natives e.V. ist das internationale Netzwerk für Logistik & Infrastruktur des modernen Handels und repräsentiert über 30.000 Branchenunternehmen. Dabei unterstützen wir bei der Befähigung zur fortschreitenden Digitalisierung von Unternehmen und der Zustellung von Handelswaren durch digitale Kommunikationsmedien im Sinne der Zustellungsoptimierung, Nachhaltigkeit, life-cycle- & Retourenmanagements und der Kreislauf-logistik. (RED)

QUELLE: LOGISTIK express Ausgabe 3/2021

Handel leidet, doch kein Ende in Sicht beim E-Commerce-Trend

Die neue Studie „Österreichs Handel in Zahlen” des Handelsverbands zeigt große Verluste im letzten Jahr bei gleichzeitig massiv gestiegenem e-Commerce-Anteil. Auch 2021 bescheren Corona-Maßnahmen dem stationären Handel Einbußen, während der Distanzhandel boomt. Zu dumm, dass am Onlinekuchen vor allem ausländische Profiteure naschen.

Redaktion: Angelika Gabor.

Studienautor Andreas Kreutzer, Geschäftsführer der Marktanalyse-Plattform Branchenradar.com, bringt es auf den Punkt: „Die gesetzlichen Maßnahmen im Zuge der Pandemie waren so konfiguriert, dass vorrangig der private Konsum eingeschränkt wurde.“ Bedenkt man, dass eben dieser private Konsum rund 50 Prozent zum BIP beiträgt, kann man sich ausrechnen, welch immensen Schaden die Wirtschaft dadurch nimmt.

In Zahlen ausgedrückt: der kumulierte Verlust im Lockdown liegt bei 39 Milliarden Euro – die privaten  Haushaltsausgaben sind 2020 real um 8,2 % von 206,5 Milliarden Euro auf 192,5 Milliarden Euro geschrumpft. Besonders Leidtragende dabei waren der Dienstleistungs- und der Kfz-Sektor. Mit dem Erreichen des Vorkrisenniveaus wird frühestens 2024 gerechnet, für 2021 wird ein leichtes Plus von 0,5 % erwartet.

Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands Österreich: „Der e-Commerce-Anteil stieg in diesem Zeitraum auf einen Rekordwert von 11,2 %.“ Leider mit einem Schönheitsfehler, denn nur ein Drittel der Pakete wird im heimischen Onlinehandel bestellt. Eindeutige Situationsgewinner nach Branchen waren 2020 In-Home-Produkte. Aufs Sieger-Treppchen beim Wachstum dürfen demnach Nahrungsmittel mit +8,6 Prozent, Videospiele mit +6,7 Prozent und Grünraumprodukte mit 5,4 Prozent. Weil wenn man schon zu Hause sitzt, möchte man es schön haben, gut essen und mit Spielen die Zeit totschlagen. Kreutzer: „Alle Ausgaben in Zusammenhang mit sozialen Kontakten und Outdoor- bzw. Freizeitaktivitäten waren hingegen rückläufig.“

Blaues Auge oder doch k.o.?
Von den rund 40.000 Einzelhandelsunternehmen, die es in Österreich vor der Corona-Krise gab, haben rund 85 % etwa ein Drittel Umsatzverlust hinnehmen müssen. Hinzu kommt, dass drei Viertel aller heimischen Händler für 2021 weitere Verluste erwarten. Trotz Hilfen der Regierung wird es Opfer geben: „Ich rechne damit, dass 5.000 Unternehmen oder mehr schließen müssen, da sie durch die Krise einen zu großen Schuldenrucksack herumschleppen“, befürchtet Will, „Im Juni wartet mit den doppelten Gehältern eine riesige Hürde, die es zu überwinden gilt.“

Nicht zu vergessen, die Zehntausenden Arbeitsplätze, die an diesen Unternehmen direkt und indirekt hängen. Durch das Ende des Lockdowns kann der Ausfall pro Woche um rund 100 Millionen reduziert werden, aber das System ist vulnerabel. Die „Osterruhe“ im Osten beispielsweise bescherte der Branche knackige 1,95 Milliarden Euro Umsatzverlust, weshalb der Handel vor erneuten Beschränkungen zittert.

Am schlimmsten betroffen: der stationäre Modehandel, der auf der Saisonware sitzenblieb. Aber auch Wintersportgeräte-, Schmuck- und Schuhhändler mussten herbe Verluste verkraften. Gastronomie-Zulieferbetriebe verzeichneten teils Totalausfälle. „Je kleiner der Betrieb, je weniger digital und je abhängiger vom Tourismus, desto geringer die Liquiditätsreserven und desto dicker das Minus“, fasst Kreutzer zusammen.

Nutznießer Onlinehandel.
„Der Lockdown ist ein Amazon-Förderprogramm“, seufzt Will – und hat damit leider den Nagel auf den Kopf getroffen. Laut Finanzministerium legte der Umsatz in Österreich registrierter, ausländischer Onlinehändler (wie Amazon) und Versandhandelsfirmen um 30 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro zu. Ohne eigene, nationale Betriebsstätte zahlen diese Firmen dafür genau Null Euro Gewinnsteuern – ein unfairer Wettbewerbsvorteil, den es zu beseitigen gilt. Gemessen am gesamten Einzelhandelsumsatz beträgt der Anteil des e-Commerce 11,2 %.

Neue Warengruppen erobern das Internet: substanzielle Zuwächse bei Kunst und Antiquitäten (+75%), Einrichtungsgegenständen (+40%) und Grünraumprodukte (+45%) ergänzen die bereits klassisch starken Produkte wie Bekleidung, Schuhe, Bücher und Elektrogeräte. „Im Lebensmittelhandel ist Online-Shopping zwar trotz massiver Investitionen noch eine Nischenangelegenheit, die Wachstumsdynamik ist allerdings mit +46% ebenfalls beträchtlich”, sagt Andreas Kreutzer.

Paketflut aus dem Ausland.
All die bestellten Waren wollen und sollen natürlich auch zugestellt werden. Auf den aufgrund des Lockdowns eigentlich leeren Straßen tummelten sich vermehrt KEP-Dienstleister. Während im Jahr 2019 noch rund 109 Millionen B2C Pakete zugestellt wurden, stieg das Paketvolumen im Jahr 2020 um unfassbare 27 % auf 139 Millionen Stück! Doch nicht nur der generelle Online-Shopping-Boom, auch Retouren und überproportional steigende Teillieferungen sorgten für die Packerllawine. „Der durchschnittliche Paketwert ist hingegen um 8 % gesunken“, bestätigt Kreutzer.

Weiterer Wermutstropfen: „Der Anteil ausländischer Onlinehändler am Paketvolumen ist auf rund 64 % angestiegen. Nur jedes dritte Paket, das die Österreicherinnen und Österreicher im Onlinehandel bestellen, wird bei heimischen Webshops gekauft“, rechnet Will vor.

Hinzu kommt die Paketflut aus China über Plattformen wie Wish oder Alibaba. „Hier wird die bestehende 22-Euro-Freigrenze für Paketlieferungen aus Drittstaaten durch asiatische OnlineHändler vorsätzlich ausgenutzt“, ärgert sich Will. Doch das hat bald ein Ende, denn diese Freigrenze fällt per 1. Juli 2021. Sehr zur Freude des Handelsverband-Chefs: „Damit wird die Europäische Union ein 7 Milliarden Euro großes Steuerschlupfloch für asiatische Onlinehändler endlich schließen.“

Land in Sicht.
Mit dem Ende des Lockdowns kehrte wieder eine gewisse Normalität ein – wenngleich Maskenpflicht, quadratmeterabhängige Begrenzungen und andere Beschränkungen die Freude ein wenig trüben. Die Öffnung der Gastronomie war besonders wichtig: Je besser es den Hotels, Kaffeehäusern und Gastwirten geht, desto stärker profitieren auch die heimischen Geschäfte von steigenden Besucherzahlen und Impulskäufen. Die gesamte Branche hofft jetzt auf ein nachhaltiges “Klima der Zuversicht”, indem sich auch die Einkommenserwartung der Menschen stabilisiert – aktuell sinken jedenfalls die Arbeitslosenzahlen.

Handlungsempfehlungen.
Aus den Gesprächen mit den Verbandsmitgliedern und der langjährigen Erfahrung hat der Handelsverband Bereiche definiert, in denen besonders dringender Handlungsbedarf besteht, wenn Österreichs Handel einen wirtschaftlich erfolgreichen Neustart hinlegen soll. Dazu zählt das Schaffen gleicher und fairer Wettbewerbsbedingungen in der EU (Fair Commerce), beispielsweise durch ein Schließen von Steuerparadiesen.

Eine weitere wichtige Forderung: Die Senkung der Lohnnebenkosten. In lediglich drei Ländern der EU erhalten Durchschnittsverdiener weniger Nettolohn von ihrer erwirtschafteten Leistung als in Österreich! Auch die Mietvertragsgebühr ist dem Handelsverband ein Dorn im Auge. „Wenn man in Österreich ein Geschäft mieten will, bekommt man bereits Monate vor dem Umbau einen Bescheid: die Mietvertragsgebühr.

Kleine Händler, die hierzulande eine Fläche anmieten, müssen Mietvertragsgebühren zahlen, bei denen das Finanzministerium oft für fünf Jahre im Voraus ein Prozent aller Mietkosten kassiert. Damit finanziert sich der Staat auf dem Rücken von Startups vor, obwohl nur die Hälfte aller Händler fünf Jahre nach der Gründung noch bestehen. Die Abschaffung dieser Papiersteuer aus Maria Theresias Zeiten ist überfällig“, erklärt Will die Forderung.

Die Studie zeigt auch, dass noch eine große Verunsicherung herrscht, wie die Zukunft aussehen wird, wenngleich das Konsumbarometer positiv stimmt: weniger sparen und mehr Geld für Gastronomie und Reisen sind geplant. Bleibt zu hoffen, dass bei neuerlichen Hotspots im Herbst – mit denen leider realistischer Weise zu rechnen ist – bei Lockdowns differenzierter vorgegangen wird. Denn wenn es wieder zu langfristigen kompletten Schließungen kommt, werden viele Unternehmen nicht mehr zu retten sein.

Digitales Aufrüsten in vollem Gange.
Der aktuelle Omnichannel Readiness Index (ORI) 2021 des Handelsverbands in Kooperation mit Google und MindTake beweist, dass der österreichische Handel massiv in die Digitalisierung investiert. Bei der vierten Ausgabe des Berichts lag der Fokus auf den Entwicklungen während der Corona-Krise. Es zeigt sich, dass durch den Lockdown und das dadurch bedingte Schließen des stationären Handels Serviceleistungen vermehrt ins Web verlagert und somit digitale und analoge Kanäle stärker verzahnt wurden.

Bei der repräsentativen Studie, in deren Rahmen 41 wichtige heimische Einzelhändler ebenso befragt wurden wie 1.000 Österreicher, die zumindest halbjährlich online bestellen, wurde auch erhoben, welche Kriterien für die Kunden für das optimale Shopping-Erlebnis besonders wichtig wären. Dabei zeigen sich eklatante Unterschiede zwischen Soll und Haben. Während beispielsweise rund zwei Drittel der Kunden sich wünschen, auf der Produktseite online Fragen stellen zu können, ermöglichen dies aktuell nur fünf Prozent der Händler.

Mehr Beispiele gefällig? „Zwei Drittel der Kundinnen und Kunden wünschen sich eine Rückruffunktion, die nach wie vor nur von 14 Prozent angeboten wird. 81 Prozent der Konsumentinnen und Konsumenten wollen die Produkte im Webshop auf eine einzige Filiale einschränken können, um so gezielt wie live im Laden shoppen zu können, doch nur 12 Prozent der Händlerinnen und Händler nutzen ihre Bestandsdaten für einen solchen Filter“, zählt Handelsverbands Geschäftsführer Rainer Will auf.

Es ist also durchaus noch Luft nach oben da – wenngleich die Umfrage zeigt, dass mit 73 Prozent fast drei Viertel der Händler im letzten Jahr digital aufgerüstet haben, ein Drittel sogar massiv. Die Schwerpunkte variieren dabei von Kundenservices in den Filialen und im Online-Shop über Analytics, bis hin zu Investitionen in Sichtbarkeit, SEO und digitales Marketing. Viele heimische Händler haben coronabedingt die Flucht nach vorne angetreten und ihre Kreativität unter Beweis gestellt. So haben laut Studie 93% der Befragten neue Services eingeführt oder geplant. Dazu zählen beispielsweise Corona (Care) Pakete, kontaktlose Abhol-, Zahl- und Zustellmöglichkeiten, Terminvereinbarungen für Click & Collect, Beratungen per Videocall oder Live-Chat aus der Filiale heraus, Scan & Go, Call & Collect, Gratis-Lieferung im Lockdown und garantierte Lieferzeitfenster für Menschen in Quarantäne sind nur einige der zahlreichen neuen Services, die von den Kunden auch wohlwollend angenommen werden.

Was Kunden wollen.
Bei der Studie wurde auch abgefragt, welche Serviceleistungen die Kunden sich wünschen würden. Dabei gab es überraschender Weise wenig Änderungen zu Vor-Covid-Zeiten. Noch immer hat die Gratis-Zustellung höchste Priorität für die Meisten. Eine zuverlässige Vorhersage Liefertages liegt besonders hoch im Kurs: während nur 17 % der Händler das anbieten, ist es für 80 % der Kunden wichtig.

Mit entsprechender Last-Mile-Logistik wäre das natürlich umsetzbar. Kein einziger der in der Studie inkludierten Händler bietet die Möglichkeit an, den Warenkorb per Email oder Social Media zu teilen, wohingegen sich diesen Service immerhin ein Drittel der Kunden wünschen würde. Weitere Wünsche: die Option, Fragen zum gewünschten Produkt zu stellen (zwei Drittel Soll vs. 5 % Haben) und die Warenverfügbarkeit aktuell zu checken.

Ein Anliegen Vieler ist eine verlässliche Angabe der Krisen-Öffnungszeiten. Doch auch der direkte telefonische Kontakt zur Filiale via Filialfinder im Webshop und/oder Google Maps, der Check der Warenverfügbarkeit in der Filiale, eine komfortable Produktsuche mit Filtern, Transparenz im Kaufvorgang und maximale Flexibilität bei Abholung, Zustellung, Payment und Retoure stehen auf dem Wunschzettel des perfekten Shoppingerlebnisses. And the winner is….

Als Gesamtsieger des ORI ging mit 81 % aller möglichen Punkte Obi hervor – nicht zum ersten Mal. Mit nur einem Prozentpunkt Rückstand auf Platz zwei landeten die Zwillingsshops Kastner & Öhler und Gigasport. Neben dem Gesamtsieg zeichnet der Omnichannel Readiness Index auch Kategoriesieger aus. Thalia beispielsweise hat die vollen 100% im Bereich „Channel Integration“ erreicht.

Der Buchhändler ist also Best-in-Class und State-of-the-art in der Omnichannel-Königsklasse: Maximale Flexibilität bei der Kaufabwicklung, und das völlig vertriebskanalunabhängig und nahtlos, Click & Collect, Reserve & Collect, Retoure online bestellter Waren in der Filiale, Abholstationen für 24/7 Abholung, rasche Bereitstellung der Click & Collect Waren, und dies stets kostenlos. In der Liste der Branchensieger findet man nur bekannte Namen: bei Computer & Elektro(nik) Media Markt (73%), bei Fashion & Accessoires Peek & Cloppenburg (73%), bei Drogerie Bipa (72%) und im Lebensmitteleinzelhandel Billa (72%). Weitere ORI-Kategoriesieger neben Thalia: für Transparenz & Vertrauen Decathlon (84%), für Personalisierung, Loyalty und Sharing dm drogerie markt (81%), für flexible Kontaktmöglichkeiten Kastner & Öhler, Gigasport (86%) für Payment, Fulfillment & Returns Kastner & Öhler, Gigasport (84%) und für Wegweiser in die Filiale Interspar gleichauf mit Hartlauer (99%).

Egal ob nun Marktplätze wie Amazon oder Shöpping oder Produktfinder und Preisvergleichsplattformen wie Geizhals, Idealo oder Google Shopping genutzt werden, Fakt ist, dass mehr als die Hälfte der Händler auf zusätzliche Vertriebskanäle setzt. Insbesondere ältere Internetnutzer, die vor der Corona-Krise von Internetbestellungen nichts wissen wollten, haben dem E-Commerce zu starkem Wachstum verholfen. Das Erstaunliche: laut Befragung wollen 90 % dieser so genannten „Silver Surfer“ (User über 55 Jahre) auch nach der Krise die Bequemlichkeit des Onlineshoppings weiter ausnutzen. Ein mehr als guter Grund, die Online-Präsenz nachhaltig auszubauen! (AG)

QUELLE: LOGISTIK express Ausgabe 3/2021

Österreichs Handel: Jahresbilanz 2020 & Corona-Prognose 2021

Die privaten Haushaltsausgaben sind im Vorjahr real um 8,2% auf 192,5 Mrd. Euro geschrumpft. Das Vorkrisenniveau werden wir erst 2024 wieder erreichen. Der eCommerce-Anteil steigt auf den Rekordwert von 11,2%. Aber: Nur ein Drittel der Pakete wird im heimischen Onlinehandel bestellt.

Beitrag: Gerald Kühberger.

Der Handel ist in Österreich einer der größten Wirtschaftssektoren und mit 603.000 Beschäftigten zweitgrößter Arbeitgeber. Der private Konsum trägt rund 50 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Welche Produktgruppen die Privatausgaben im stationären Einzelhandel sowie im Distanzhandel 2020 angetrieben haben und wie stark die Paketvolumina heimischer KEP-Dienstleister angesichts der Pandemie und des Online-Shopping-Booms gestiegen sind, untersucht die brandneue Jahresbilanz “Österreichs Handel in Zahlen” von Branchenradar.com Marktanalyse und Handelsverband. Darüber hinaus liefert die Studie die erste Corona-Jahresprognose für das Gesamtjahr 2021.

Einzelhandel muss reales Umsatzminus von 1,3% auf 67,6 Mrd. Euro verkraften.
2020 sind die Ausgaben der privaten Haushalte in Österreich von 206,5 Milliarden Euro um -6,8 Prozent auf 192,5 Milliarden Euro gesunken. Inflationsbereinigt liegt das Corona-bedingte Minus sogar bei -8,2 Prozent. Der Rückgang der Ausgaben traf primär den Dienstleistungs- und Kfz-Sektor. Der Einzelhan-del musste ein reales Umsatzminus von rund -1,3 Prozent auf 67,6 Milliarden Euro verkraften.

“Die Ausgaben der Österreicherinnen und Österreicher sind im Corona-Jahr 2020 um -8,2 Prozent eingebrochen. Für 2021 erwarten wir zwar eine leichte Erholung von real +0,5 Prozent, das Vorkrisenniveau werden wir aber vermutlich erst 2024 wieder erreichen. Insgesamt haben uns die Covid-Lockdowns Ausgabenausfälle von 39 Milliarden Euro gekostet”, erklärt Handelsverband Geschäftsführer Rainer Will die zentralen Ergebnisse der Studie. “Die Einkäufe konzentrierten sich im Vorjahr ganz stark auf In-Home-Produkte. Das Podium der Top3-Wachstumssieger 2020 bilden Nahrungsmittel mit +8,6 Prozent, Videospiele mit +6,7 Prozent, Grünraumprodukte mit +5,4 Prozent. Alle Ausgaben in Zusammenhang mit sozialen Kontakten und Outdoor- bzw. Freizeitaktivitäten waren hingegen rückläufig”, ergänzt Studienautor Andreas Kreutzer von der branchenradar.com Marktanalyse.

Schadensausmaß der Pandemie im stationären Handel enorm.
Auf den ersten Blick scheint es so, als sei der heimische Einzelhandel mit einem blauen Auge durch die Corona-Krise gekommen. Erst bei genauerer Betrachtung der Zahlen wird klar, wie enorm das Schadens-ausmaß der Pandemie tatsächlich ist. Allein die Umsatzverluste für die “Osterruhe” im Osten belaufen sich auf 1,95 Milliarden Euro. Der Onlinehandel konnte einen Teil dieser Verluste auffangen, allerdings haben davon insbesondere Webshops aus Drittstaaten wie Amazon profitiert.

Im Branchenvergleich hat es den stationären Modehandel mit einem Umsatzeinbruch von -24 Prozent am schlimmsten getroffen, aber auch die Wintersportgeräte-, Schmuck- und Schuhhändler mussten Verluste von weit über -15 Prozent im Vergleich zu 2019 hinnehmen. Besonders Händler in Tourismusregionen und Großhändler, die die Gastronomie beliefern, haben dramatische Umsatzausfälle bis hin zu Totalausfällen zu beklagen.

Je kleiner der Betrieb, je weniger digital und je abhängiger vom Tourismus, desto geringer die Liquiditätsreserven und desto dicker das Minus. Aktuellen Studien zufolge müssen in den nächsten zwei Jahren 5.000 bis 10.000 Geschäfte schließen, dadurch sind zehntausende Jobs gefährdet. “Die mittel- und langfristigen Schäden werden oft ausgeblendet oder nicht verstanden. Diese Effekte werden uns durch Betriebsschließungen, Insolvenzen, Arbeitslosigkeit und soziale und psychische Auswirkungen noch jahrelang begleiten. Daher haben wir immer das Motto ‘Leben und Wirtschaften mit dem Virus’ geprägt, dem sich die Politik leider nur zaghaft angeschlossen hat”, bestätigt Will.

Onlinehandel mit +17% dynamisch.
Der Distanzhandel befindet sich in Österreich laut Studie weiterhin auf Wachstumskurs. “Der Onlinehandel hat im letzten Jahr erneut an Bedeutung gewonnen. Der Vertriebskanal generierte während der Pandemie satte +17 Prozent höhere Privatausgaben. Damit steigt der eCommerce-Anteil
am gesamten Einzelhandelsumsatz auf den neuen Rekordwert von 11,2 Prozent”, so Rainer Will. Hinzu kommt: Neben den bislang im Onlinehandel dominierenden Warengruppen Bekleidung/Schuhe (31,2%), Elektrogeräte (26,3%) und Bücher (46,8%) wird der eCommerce für immer mehr Waren zu einem relevanten Vertriebskanal.

“So erhebt der aktuelle Branchenradar für 2020 substanzielle Zuwächse etwa bei Kunst-Antiquitäten (+75%), Grünraumprodukten (+45%), Drogeriewaren (+36%) und Einrichtungsgegenständen (+40%). Im Lebensmittelhandel ist Online-Shopping zwar trotz massiver Investitionen noch eine Nischenangelegenheit, die Wachstumsdynamik ist allerdings mit +46% ebenfalls beträchtlich”, sagt Andreas Kreutzer.

Paketlawine wächst um 27%, allerdings wird nur 1/3 im heimischen Onlinehandel bestellt.
Noch stärker als der Distanzhandel hat im letzten Jahr der sog. KEP Markt (Kurier-, Express- und Paketdienste) zugelegt. “2019 lag die Zahl der zugestellten Pakete im B2C Bereich bei 109 Millionen, 2020 ist das Paketvolumen um unfassbare 27 Prozent auf 139 Millionen Stück angewachsen. Hauptgründe für die Paketlawine sind neben dem generellen eCommerce-Boom vor allem überproportional steigende Teillieferungen und
Retouren.

Der durchschnittliche Paketwert ist hingegen um 8 Prozent gesunken”, bestätigt Kreutzer. “Der Anteil ausländischer Onlinehändler am Paketvolumen ist allerdings auf rund 64 Prozent angestiegen. Nur jedes dritte Paket, dass die Österreicherinnen und Österreicher im Onlinehandel bestellen, wird bei heimischen Webshops gekauft. Das größte Tortenstück geht an Amazon”. Darüber hinaus wird Österreich nach wie vor mit China-Paketen geflutet, indem die bestehende 22-Euro-Freigrenze für Paketlieferungen aus Drittstaaten durch asiatische Online-Händler vorsätzlich ausgenutzt wird. “Das Aus für die 22-Euro-Freigrenze mit 1. Juli 2021 ist überfällig. Damit wird die Europäische Union ein 7 Milliarden Euro großes Steuerschlupfloch für asiatische Onlinehändler endlich schließen”, freut sich Rainer Will.

Wie der wirtschaftliche Neustart gelingen wird? Handelsverband gibt 4 Empfehlungen.
Nach mehr als 6,5 Monaten “Lockdown light” sind die Türen zu Gastronomie, Hotels, Sport-, Kunst- und Kultureinrichtungen wieder aufgegangen. Viele Konsumenten haben und das Angebot gerne angenommen. Auch der österreichische Handel ist mit der Umsatzentwicklung seit dem Tag der Öffnung vieler eng verbundener Branchen am 19. Mai zufrieden.

Für die Händler bedeutet die Rückkehr zu den normalen Geschäftszeiten die Öffnung von Gastronomie & Hotellerie sowie ab 1. Juli die Abschaffung der Quadratmeter-Begrenzung im Shop einen weiteren Schritt Richtung Normalität und wirtschaftlichem Comeback. Je besser es den Hotels, Kaffeehäusern und Gastwirten geht, desto stärker profitieren auch die heimischen Geschäfte von steigenden Besucherzahlen und Impulskäufen.

Wie nachhaltig der Aufschwung im stationären Handel tatsächlich ist, wird sich allerdings erst in den kommenden Wochen zeigen. Die gesamte Branche hofft jetzt auf ein nachhaltiges “Klima der Zuversicht”, indem sich auch die Einkommenserwartung der Menschen stabilisiert. Dringenden Handlungsbedarf für einen erfolgreichen wirtschaftlichen Neustart sieht der Handelsverband insbesondere in folgenden vier Bereichen:

Schaffung gleicher und fairer Wettbewerbsbedingungen in der EU (Fair Commerce).
Jeder weiß, dass der größte Onlinehändler der Welt kaum Steuern zahlt. Allein in den letzten 10 Jahren hat Amazon außerhalb der USA Steuergutschriften in Höhe von 13,4 Milliarden Dollar geltend gemacht. Damit finanziert Europa mit Steuergeldern die globale Expansion von Amazon zulasten heimischer KMU-Händler. Österreichische Händler müssen unzählige Zwangsabgaben und hohe Lohnnebenkosten stemmen, während Amazon vogelfrei agieren kann. Es braucht eine faire Besteuerung der Marktteilnehmer.

Senkung der Lohnnebenkosten.
Nur in drei Ländern der EU erhalten Durchschnittsverdiener weniger Nettolohn von ihrer erwirtschafteten Leistung als in Österreich. Fast die Hälfte des Arbeitseinkommens landet hierzulande beim Staat. Daher braucht es dringend eine Entlastung des Faktors Arbeit und eine konsequente Senkung der Lohnnebenkosten.

Abschaffung der Mietvertragsgebühr.
Wenn man in Österreich ein Geschäft mieten will, bekommt man bereits Monate vor dem Umbau einen Bescheid: die Mietvertragsgebühr. Kleine Händler, die hierzulande eine Fläche anmieten, müssen Mietvertragsgebühren zahlen, bei denen das Finanzminis-terium oft für fünf Jahre im Voraus ein Prozent aller Mietkosten kassiert. Damit finanziert sich der Staat auf dem Rücken von Startups vor, obwohl nur die Hälfte aller Händler fünf Jahre nach der Gründung noch bestehen. Die Abschaffung dieser Papiersteuer aus Maria Theresias Zeiten ist überfällig.

Über die Studie “Handel in Zahlen”.
Branchenradar.com Marktanalyse und Handelsverband gehen mit der gemeinsamen Österreich-Studie “Handel in Zahlen” einen neuen Weg Richtung mehr Information und Transparenz. Die Studie bietet das präziseste Bild der Handelslandschaft und der Konsumentenausgaben in Österreich für die Jahre 2016 bis 2020 sowie eine fundierte Corona-Prognose für 2021 und geht tief in die einzelnen Produktgruppen hinein. Zudem wurde der den Fokus erweitert auf einzelhandelsnahe Sektoren, da diese zumindest bis zur Corona-Krise mehr und mehr in angestammte Bereiche des Handels eingedrungen bzw. mit dem Handel verschmolzen sind. Insgesamt wurden 66 Produktgruppen und 14 einzelhandelsrelevante Kategorien definiert. (RED)

QUELLE: LOGISTIK express Ausgabe 3/2021