Ein Land im Niedergang: Deindustrialisierung schreitet voran

„Deutschland muss sterben!“ So heißt ein beliebtes Lied der Hamburger Punkband „Slime“ zu dem gerne Pogo getanzt wird. Kann den ein Land sterben? Ja, zuerst seine Wirtschaft und damit auch über kurz oder lang das ganze Land, denn die Wirtschaft ist der Herzschlag eines Landes. Und wenn das Herz stirbt, bleibt alles andere auch stehen. 

Beitrag: Marc Friedrich.

Der Patient „Deutschland“ wurde mit einigen Beschwerden in die Notaufnahme eingeliefert, die sich zuletzt rapide verschlimmert haben und jetzt liegt das Land auf der Intensivstation. Momentan haben wir noch keinen Herztod aber etliche Warnsignale, dass ein akuter und schwerer Herzinfarkt droht.

Wir sehen ein Vorhofflimmern in Form von rasant steigenden Energiepreisen und massiver Verunsicherung der Bürger welche sich durch eine Kaufzurückhaltung ausdrückt.

Ein Herzstolpern durch offensichtlich überforderten Politiker und unverblümter Warnungen von besorgten Branchenvertretern und auch schon einige kleinere Infarkte sind aufgetreten in Form von Kurzarbeit sowie Insolvenzen von ersten Unternehmen. Selbst ein Laie würde attestieren: Es steht nicht gut um den Patienten und akute Gefahr ist in Verzug.

Die Lage spitzt sich immer dramatischer zu. Man muss sich schon die Augen reiben und klar machen, dass man nicht in einem Alptraum gefangen ist. Hätte Ihnen jemand vor wenigen Jahren gesagt, dass wir in Deutschland über Energiekrise, Stromausfälle, Wärmehallen, leere Regale und

geforderte Waffenlieferungen durch die Grünen sprechen würden, hätten sie denjenigen völlig zurecht als Spinner oder Verschwörungstheoretiker abgekanzelt. Doch jetzt sehen wir genau diesen Paradigmenwechsel in einer atemberaubenden Geschwindigkeit und damit einhergehend den Niedergang des Landes. Immer mehr Unternehmen klagen über die hohen Energiepreise und Verbände und Branchenvertreter warnen vor einer Insolvenzwelle sowie einer Deindustrialisierung Deutschlands. 

Denn durch die immens steigenden Energie- und Strompreise geraten nicht nur wir Bürger immer weiter unter Druck, sondern auch die deutsche Wirtschaft und Industrie. Vor allem die energieintensiven Branchen wie Chemie, Glas, Papier oder Metall stehen mit dem Rücken zur Wand. Zunehmend gehen Unternehmen dazu über ihre Produktion zu drosseln, um Kosten zu sparen. Mitarbeiter werden in Kurzarbeit geschickt und Investitionen werden gestoppt. Apropos Investitionen: Ausländische Unternehmen werden es sich zweimal überlegen ob sie im Hochsteuerland Deutschland mit jetzt auch noch Rekordenergiepreisen plus zäher Bürokratie investieren wollen. Ebenso überlegen jetzt schon zehn Prozent der Firmen die Produktion ins Ausland zu verlagern, um die Energiekosten wieder in den Griff zu bekommen. Andere haben schon aufgegeben und die Tore ganz geschlossen bzw. mussten Insolvenz anmelden. Weitere Unternehmen werden leider folgen wenn sich die Situation nicht rasch bessern sollte. Die unvermeidliche Rezession wird die Lage für viele Firmen und Bürger weiter verschlimmern. Der spektakuläre Abstieg Deutschlands wird genauso in die Geschichtsbücher eingehen wie sein Aufstieg durch das Wirtschaftswunder: Vom wirtschaftlichen Powerhouse zu Wärmehallen innerhalb weniger Jahre. 

 

Insolvenz oder Inflation

Wie prekär die Situation ist zeigt der kolossale Anstieg der Erzeugerpreise. Dieser stieg zuletzt im August um 45,8% auf das höchste Niveau seit Datenerhebung 1949! Alleine zum Vormonat ging es um sportliche 7,9% nach oben! Der größte Kostentreiber war die Energie: Kohle, Öl, Gas und Strom haben sich auf Jahressicht mehr als verdoppelt. Besonders drastisch ist der Anstieg von Strom: +174,9%. Die Erzeugerpreise signalisieren weiteres Ungemach denn seit jeher gelten sie als Vorläufer für die Inflation.

Die Unternehmen müssen die steigenden Preise an den Endverbraucher weitergeben ansonsten droht ihnen die Insolvenz. Wenn sie diese weitergeben können, bedeutet dies wiederum weiter steigende Preise also ein anfeuern der Inflation und somit eine weitere Belastung für die Bürger. Dies resultiert dann in einer Kaufzurückhaltung der Konsumenten was man am folgenden Chart schön ablesen kann. Der Konsumklimaindex hat ein Allzeit Negativrekord zu verzeichnen:

 

Beinahe die Hälfte (47,5%) der deutschen Unternehmen werden die Preise erhöhen. In der Lebensmittelindustrie werden fast alle Firmen die Kosten auf die Verbraucher abwälzen.


Sanktionen und Corona-Maßnahmen entfalten ihre volle Wirkung.

Entstanden sind die Gefahrenquellen für den Herzinfarkt der Wirtschaft durch die Kumulation von politischen Fehlentscheidungen der letzten Jahre aufgrund von Hybris, Selbstgefälligkeit und dogmatisch verblendeter Ideologien:

  1. eine komplett fehlgeschlagene und überstürzte Energiewende
  2. Ideologie statt Pragmatismus


Deutschland verkommt immer mehr zum Geisterfahrer und Sonderling.

Nicht nur sind wir das einzige Land in Europa mit Maskenpflicht und Corona Maßnahmen, nein wir sind auch das einzige Land welches sichere und funktionierende Atomkraftwerke abschaltet, während alle um uns herum einschalten und gar neue Atomkraftwerke bauen wollen. Das jetzt auch noch die EU mit der Taxonomie Gas und Atom als „grün“ eingestuft hat, ist ein weiterer Schlag ins Gesicht der deutschen Politik und de facto die totale Bankrotterklärung für die deutsche Energiepolitik der vergangenen Jahre.

  1. Sanktionen gegen einen der Hauptlieferanten von billigen Rohstoffen und Energie
  2. Ungesunde Abhängigkeit von Russland


Die Sanktionen wirken – leider bei uns!

Vorab: Was nicht ein jeder weiß: Die Mehrheit der Weltengemeinschaft macht nicht mit bei den Sanktionen und betreibt weiter fröhlich Handel mit Russland. Dies nimmt dann solche grotesken Züge an, dass wir dann über China oder Indien russisches Gas teuer einkaufen.

Fakt ist: Die Sanktionen sind gescheitert und treffen uns am härtesten, während Putin mit seinen Gas- und Ölverkäufen soviel Geld verdient wie noch nie. Seine Einnahmen aus den Rohstoffverkäufen übertreffen die Kriegskosten bei weitem.

  1. ein gescheitertes Währungsexperiment mit immensen Kosten – finanziell als auch sozial
  2. das ignorieren der Demographie
  3. das Ausruhen auf Lorbeeren
  4. mangelnde Investitionen in Bildung, Forschung, Innovation

All das wird nachhaltig die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gefährden. Ebenso die Versorgungssicherheit und damit unser Wohlstand sowie der soziale Frieden sind dadurch in Gefahr.

Die daraus resultierenden Krisen und Probleme werden dann nur zu gerne von den Brandstiftern selbst mit unseren Steuergeldern „gelöst“, um sich dann selbst auf die Schulter zu klopfen und  sich als Feuerwehr feiern zu lassen. Absurd aber leider wahr! Die Umverteilung und der Sozialismus sind wieder en vogue. Der Bürger mutiert immer mehr zum unmündigen Abhängigen an der Zitze der Politik, der sich dann zweimal überlegt ob er seiner Unzufriedenheit Ausdruck verleiht und in die Hand beißt, die ihn füttert. Aus dem Grund freut sich die Politik über Krisen.

Paradebeispiel für den Abschwung ist das einstige Zugpferd der deutschen Wirtschaft, die Automobilindustrie. 2021 sank schon die Produktion um 11,7%, um jetzt im 1. Halbjahr nochmals 2,9% zum Vorjahr zu verlieren.

Ob unsere Autofirmen den Transformationsprozess vollziehen und überleben, steht in den Sternen. Ebenso, ob die mobile Zukunft tatsächlich elektrisch ist und woher der dafür benötigte Strom (von den Rohstoffen fange ich erst gar nicht an) eigentlich kommen soll? Denn zur Wahrheit gehört auch: Grundlastfähig sind aktuell weder Sonne noch Wind.

Doch nicht nur in der Automobilindustrie sieht es gerade düster aus. Mittlerweile schlägt die Industrie und das Handwerk Alarm. “Vielen steht das Wasser inzwischen bis zum Hals”, so Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH). Die Politik müsse hier rasch mit staatlichen Hilfen einspringen, sonst drohe eine Insolvenzwelle im Handwerk.

Wie dramatisch die Lage ist, zeigt eine Umfrage des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft BVMW unter 835 befragten Unternehmen in Deutschland. Demnach sehen mehr als 40 Prozent der deutschen Mittelständler ihre Existenz bedroht.

Fakt ist: Wenn Deutschland so weiter macht und sich deindustrialisiert verliert es massiv an Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit, was Arbeitsplätze, soziale Sicherheit und Wohlstand kosten wird. Wir müssen jetzt handeln!

Energiepolitische Zeitenwende 

Wir machen immer noch die dümmste Energiepolitik der Welt. Ein gutes Sinnbild ist der verstaatlichte Energieversorger Uniper. Er hatte zu 50% auf russisches Gas gesetzt, was ihm zum Verhängnis wurde und kurz vor dem Bankrott stand. Deutschland teilt dasselbe Schicksal: wir haben ebenfalls zu 50% auf russisches Gas verlassen. Kommt nun die Pleite?

Doch noch hat die Politik Zeit, um den plötzlichen Herztod zu verhindern. Dazu bräuchte es nun aber mehr Realismus und weniger Ideologie und Dogmatismus. Dazu gehört, das Eingeständnis, dass wir weder auf die saubere Atomenergie noch auf die fossilen Energieträger erstmal verzichten können.

Ob sie das tun wird, ist leider eher fraglich. Folgende Punkte wären wichtig um Deutschland autark aufzustellen und eine Versorgungssicherheit für den Wirtschaftsstandort zu garantieren:

  • Den Krieg beenden durch Diplomatie und nicht durch Waffenlieferungen
  • Die bestehenden Atomkraftwerke am Netz lassen und abgeschaltete AKW´s reaktivieren

Den Bau neuer Kernkraftwerke prüfen

– Gasförderung und Gasfracking in Deutschland prüfen

– Kohleabbau wieder starten

– Geld in die Forschung stecken (Speicher, Wasserstoff etc.) 

– Erneuerbare Energien ausbauen 

  • Strategische Vorräte massiv ausbauen
  • Verlässliche Energiepartnerschaften aufbauen
  • Sanktionen beenden

 

LOGISTIK express Journal 4/2022

Was tun, wenn nichts mehr geht? Blackout-Vorsorge-Ratgeber für den Handel

Experten erwarten binnen 5 Jahren ein Blackout. Der volkswirtschaftliche Schaden läge bei mindestens 1,2 Milliarden Euro pro Tag. Vorbereitung zählt. Der neue HV-Leitfaden soll Händler bei der Vorbereitung auf mögliche Energiekrisen unterstützen.

Beitrag: Gerald Kühberger.

Im vergangenen Jahr erinnerten uns zwei Großstörungen im europäischen Stromversorgungssystem daran, dass es trotz aller Sorgfalt keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Seither beschäftigen sich Politik, Medien und Wirtschaft intensiver mit den Folgen eines plötzlichen, überregionalen, länger andauernden Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfalls – einem sogenannten Blackout. Zurecht, denn die Folgen eines Blackouts wären für die Gesellschaft, Wirtschaft und den Handel katastrophal. Um die Branche bestmöglich auf den Ernstfall vorzubereiten, hat der Handelsverband gemeinsam mit der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge (GfKV) einen umfassenden Blackout-Ratgeber für den Handel herausgegeben.

Wahrscheinlichkeit für ein Blackout laut Bundesheer bei fast 100 Prozent.
Eine stabile Stromversorgung ist nicht selbstverständlich. “Österreich zeichnet sich zwar durch eine überdurchschnittlich hohe Versorgungssicherheit aus, aber verschiedenste Einflüsse wie der Ukraine-Krieg, die Gas- und Energiekrise sowie das Wachstum im Cybercrime-Bereich lassen auch die Blackout-Gefahr rasant ansteigen. Würde der Strom hierzulande für 24 Stunden ausfallen, läge der volkswirtschaftliche Schaden laut Berechnungen der JKU Linz bei mindestens 1,2 Milliarden Euro”, bestätigt Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will.

Laut Bundesheer liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es in den nächsten fünf Jahren zu einem größeren, überregionalen Stromausfall in Österreich kommen wird, bei fast 100 Prozent. “Es braucht Präventionsmaßnahmen und länderübergreifende Strategien, um die Versorgungssicherheit auch in Zukunft gewährleisten zu können. Daher steht der Handelsverband im engen, laufenden Austausch mit dem Innenministerium, dem Verteidigungsministerium und dem Bundeskriminalamt”, so Will.

“Es ist essenziell, dass wir uns als Gesellschaft gezielt auf ein solches Szenario vorbereiten. Mit dem Blackout-Vorsorge-Ratgeber möchten wir die heimischen Händler mit Hintergrundinformation, Präventionsmaßnahmen, praxisnahen Tipps und Checklisten unterstützen. Denn eines ist klar: Je besser der österreichische Handel auf ein Blackout vorbereitet ist, desto besser werden wir die kaum fassbaren Folgen einer möglichen schweren Versorgungskrise bewältigen können”, ergänzt Handelsverband-Präsident Stephan Mayer-Heinisch.

Wenn der Staat nicht mehr kann, schlägt die Stunde der Zivilgesellschaft.
Ein Blackout würde nicht nur zu einem großflächigen Stromausfall führen, sondern fast alle Infrastruktur- und Versorgungsleistungen betreffen, es würde schlagartig nichts mehr funktionieren. Daher ist ein solches Ereignis auch nicht mit Stromausfällen, wie wir sie auch in Österreich nach heftigen Unwettern kennen, vergleichbar. Während nach lokalen oder regionalen Stromausfällen ziemlich rasch wieder alles wie gewohnt funktioniert, würde die Wiederherstellung der gewohnten Versorgung nach einem überregionalen Ereignis oder auch in Folge einer Gas- und Strommangellage wesentlich länger dauern, was häufig unterschätzt wird.

Mehr als vielen Menschen bewusst ist, hängt unser Alltag völlig von einer intakten Stromversorgung ab – im städtischen Bereich sogar noch stärker als am Land. “Daher sollte sich jede und jeder Einzelne von uns mit entsprechenden Vorsorgemaßnahmen befassen. Denn bei einem solchen überregionalen Ereignis geraten auch die gewohnten und sehr verlässlichen Strukturen der organisierten Hilfe rasch an ihre Grenzen. Niemand kann bei einer gleichzeitigen eigenen Betroffenheit Millionen Menschen helfen. Wir können eine solche Krise nur gemeinsam und durch Vorbereitung bewältigen”, ist Herbert Saurugg, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge und Blackout-Vorsorge-Experte des Handelsverbandes, überzeugt. Gemeinsam soll in den nächsten Monaten auch die Dachmarke “Mach mit! Österreich wird krisenfit!” (www.krisenfit.jetzt) mit konkreten Angeboten für die Vorsorge in den Handel gebracht werden.

Pandemie als Weckruf.
Mit einer Versorgungssicherheit von 99,99% zählt die österreichische Stromversorgung zu den verlässlichsten der Welt. Daher ist für viele Menschen nur schwer nachvollziehbar, warum das eines Tages anders sein sollte. Doch es gibt keine hundertprozentige Sicherheit. Nirgends. Daher sollten wir als Gesellschaft in der Lage sein, sowohl mit absehbaren als auch mit unerwarteten Krisen umzugehen. So ist die Politik gerade jetzt in der Gas-Krise gefordert, die Risiken in unserer Energieversorgung zu minieren.

Bei einem Blackout spielt der Lebensmittelhandel als Kritische Infrastruktur und Nahversorger eine zentrale Rolle. Daher ist die Vorbereitung auf ein Blackout Teil der Krisen- und Notfallpläne der Händler. “Die Corona-Pandemie hat die Dringlichkeit nochmal verstärkt. Die Vorbereitung auf ein Blackout geht Hand in Hand mit dem Ausbau autarker grüner Stromquellen aus Photovoltaik und Windenergie. Eine verstärkte Zusammenarbeit mit den Bundeseinrichtungen und den Länderorganisationen muss das Ziel sein, um eine geordnete Verteilung der Lebensmittel im Krisenfall sicherzustellen”, sagt Robert Spevak, Leiter des Handelsverband-Ressorts “Sicherheit im Handel” und Abteilungsleiter Revison und Sicherheit bei Metro Österreich. “Ein hoher Stellenwert kommt hier auch der Schulung der eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu, damit diese privat wie beruflich bestmöglich auf den Ernstfall vorbereitet sind. Wenn wir die Grundversorgung schaffen, dann schaffen wir alles andere auch”, so Spevak.

Ebenfalls im Fokus: EU-Plan mit Maßnahmen zur Energiereduktion.
Aufgrund des Ukraine-Kriegs sowie einer möglichen Gaslieferunterbrechung entstehen für die kommenden Monate große Unsicherheiten. Der Rat der Europäischen Union hat in diesem Kontext am 26. Juli eine politische Einigung über eine freiwillige Senkung des Erdgasverbrauchs um 15% für den kommenden Winter abgeschlossen. Der Zweck besteht darin, vor dem Winter entsprechende Einsparungen zu erzielen, um einen Puffer für mögliche Unterbrechungen der Gaslieferungen aus Russland zu schaffen. Details zu den vorgeschlagenen Maßnahmen werden im HV Blackout-Vorsorge-Ratgeber ebenso beschrieben wie der 3-Säulen-Plan der EU-Kommission zur Senkung der Gasnachfrage. Dazu zählen erstens der Umstieg weg vom Gas auf alternative Energieformen, um die Einschnitte für Industrie & Handel möglichst gering zu halten, zweitens Anreize für die Verringerung des Verbrauchs durch Marktinstrumente und drittens Einsparungen bei Heizung und Klimatisierung. (RED)

 

LOGISTIK express Journal 4/2022

Es braut sich ein Sturm zusammen

Der 7. eCommerce Logistik-Day widmete sich erneut der Zukunft des Online-Handels und bot neben spannenden Diskussionen konkrete Lösungsansätze für die Bereiche Intralogistik und den Paketversand. Als Hybrid-Event war die Veranstaltung nur für einen exklusiven Teilnehmerkreis in den Räumen des Österreichischen Handelsverbandes live erlebbar. Sämtliche Vorträge und Podiumsdiskussionen wurden jedoch aufgezeichnet und sind – wie schon im Vorjahr – in voller Länge abrufbar.

Redaktion: Marcus Walter.

7.ECOMLOG22 – „Als wir vor sieben Jahren den 1. eCommerce Logistik-Day durchführten, hatten wir im Vergleich zur Gegenwart eigentlich gar keine Probleme.“ Mit diesem Rückblick eröffnete Moderator und Mitorganisator Bernd Kratz am 8. September die bereits siebte Auflage der renommierten Fachveranstaltung für den Onlinehandel. „Im Gegensatz zu damals haben wir mittlerweile sechs Krisen“, betonte Kratz. Der geschäftsführende Gesellschafter der Management-Beratung EMA ist zugleich Mitgesellschafter des Instituts des Interaktiven Handels IDIH, einem der eComLog-Kooperationspartner.

40 Schiffe vor der Deutschen Bucht.
Zur Coronakrise sei als zweite Krise die Unzuverlässigkeit im Schiffsverkehr hinzugekommen. Als Beispiele nannte er den Unfall im Suezkanal und den derzeitigen Stau von bis zu 40 Containerschiffen in der Deutschen Bucht, die seit längerem auf ihre Löschung warten. Aber das sei laut Kratz erst der Anfang. „Denn es gibt noch viele weitere Schiffe, die jetzt noch in China liegen. Wenn die dort freikommen, dann haben wir sechs bis acht Wochen später eine Flut von Schiffen, die in Deutschland gelöscht werden müssen.“ Unternehmen wie Lidl hätten bereits auf diese Krise reagiert und in eigene Schiffskapazitäten investiert. Die dritte Krise sei die Invasion Russlands in der Ukraine und die vierte Krise die Klimakrise. Der ausbleibende Regen hat bei den Flüssen zu niedrigen Pegelständen geführt, so dass sie die Binnenschiffe zum Teil nur noch mit geringer Auslastung befahren können. „Das heißt, das wir die Ware nicht mehr ins Hinterland befördern können, ohne verstärkt auf den LKW umzusteigen“, stellte Kratz fest. Als fünfte Krise nannte er den Fachkräftemangel im gewerblichen Bereich. Diese sei unter anderem dafür verantwortlich, dass Schiffe nicht mehr in gewohntem Tempo entladen werden können. Die sechste Krise sei schließlich die Energiekrise in Folge der EU-Boykottmaßnahmen gegenüber Russland. „Heute wollen wir diskutieren, welche Folgen die genannten Krisen auf den elektronischen Handel haben“, so Kratz

Lager bietet hohes Automatisierungspotenzial.
Joachim Kieninger, Director Strategic Business Development von Element Logic, griff in seinem Vortrag die genannten Krisen auf. „Die Politik soll zunächst die selbstgemachten Krisen lösen. Wir kümmern uns dann um den Rest,“ lautete sein Credo. Durch die Corona-Pandemie habe der Personalmangel in bestimmten Branchen weiter zugenommen. In dieser Situation sei das Automatisieren von Prozessen im Lager eine passende Antwort. „Die Prozesse im Lager bieten ein hohes Potenzial für Automatisierung“. Hier kämen vor allem die Ware-zur-Person-Kommissionierung in Frage. Diese könne zudem mit der Roboterkommissionierung von Einzelteilen und automatische Kartonaufrichter ergänzt werden. „Das Eliminieren der Wegezeiten bei der Ware-zur-Person-Kommissionierung durch ein AutoStore-Lager ist ein riesiger Hebel“, hob Kieninger hervor, der anschließend noch einige bereits realisierte Kundenlösungen vorstellte.

Bei den Installationen komme es vor allem auf Zuverlässigkeit, Skalierbarkeit und eine optimale Nutzung der vorhandenen Flächen an.
Andreas Miller, Principal Strategic Project Manager bei der Knapp AG, stellte in seinem anschließenden Vortrag Alternativen zur skandinavischen AutoStore-Lösung vor. Mit dem Open Shuttle Store bieten die Österreicher eine pragmatische und leicht skalierbare Automatisierung für bestehende Behälterlager mit herkömmlichen Lagergängen. Die Shuttles fahren autonom und können den Einsatz von manuell betriebenen Flurförderzeugen ersetzen. Diesbezügliche Projekte seien einfach und schnell umzusetzen.

Stammdaten sind oft das Problem.
Auf der Plattform „Digital2go“ hat Knapp zudem eine Reihe intelligenter Produkte versammelt wie zum Beispiel den KHT MultiScan. Dabei handelt es sich um einen mobilen Tisch, der das Erfassen von Stammdaten inklusive der Maße und Gewichte erleichtert. „Je besser die verfügbaren Daten über meine Produkte sind, desto besser kann ich damit arbeiten“, ist Miller überzeugt. „Stammdaten sind der erste Schritt für eine Automatisierung und genau hier liegt oft das Problem.“

Als dritter Referent erläuterte Thomas Hagen, Head of AutoStore & Automatisation bei der österreichischen Post AG, wie sein Unternehmen als Fulfillment-Dienstleister auf die gestiegenen Anforderungen und Erwartungen an die Paketlogistik reagiert. Im Spannungsfeld zwischen Echtzeitdaten, Retouren und Personalengpässen habe sich die Post für den Bau einer AutoStore-Anlage entschieden. Mit der Investition werden die bestehenden Prozesse im benachbarten Hochregallager ergänzt.

Flexibel durch Outsourcing.
Der Vortrag von Petra Dobrocka, Chief Commercial Officer und Gründerin der byrd Technologies GmbH, beschäftigte sich mit Strategien für Onlinehändler, um flexibel auf Umsatzschwankungen reagieren zu können. Das österreichische Startup byrd ist ein Dienstleister für derzeit rund 350 eCommerce-Unternehmen und übernimmt für diese die Bereiche Lagerung sowie das Verpacken und Versenden der Aufträge. Durch den Einsatz eines externen Logistikdienstleisters minimieren die Händler ihre Fixkosten, wodurch sich auch Nachfragerückgänge und Wirtschaftskrisen gut verkraften lassen. Zugleich könne man sich durch das Outsourcing auf die Kernbereiche wie zum Beispiel das Optimieren des Sortiments oder des Shopsystems konzentrieren. Rainer Will, Geschäftsführer vom Handelsverband Österreich, versorgte die Teilnehmer wieder mit einem Feuerwerk an Zahlen und Fakten zum derzeitigen Zustand der Branche. „Ich würde gerne Zuversicht verbreiten, aber die Zahlen sprechen eine andere Sprache“, so Will. Vor allem die Energiepreise würden dem Handel stark zu schaffen machen.

Strom um 1.400 Prozent teurer.
Die Großhandelspreise für Strom seien im Vergleich zum Sommer 2021 um 1.400 Prozent gestiegen. Nicht zuletzt deshalb befinde sich das Konsumvertrauen der Verbraucher auf Talfahrt. „Wer einen großen Teil seines Einkommens für Energie ausgeben muss, kann weniger konsumieren“, stellte Will fest. Es sei demnach nicht verwunderlich, dass der Handel in Österreich insgesamt einen Umsatzrückgang von 3,3 Prozent verzeichnet. Mit einem Minus von 17,3 Prozent ist der Kfz-Handel besonders stark betroffen. Auch der Personalmangel spiele dabei eine Rolle: Gegenwärtig könne die Branche 19.000 Stellen nicht besetzen. Vor diesem Hintergrund richtet der Handelsverband klare Forderungen an die Politik: Der Arbeitsmarkt müsse umfassend reformiert werden und es müsse einen Energiekostenzuschuss für alle Handelsbetriebe geben. Außerdem empfiehlt der Verband eine Abgaben- und Gebührenreform sowie eine weitere substanzielle Senkung der Lohnnebenkosten. Schließlich würde auch die Einführung einer globalen Mindeststeuer für eine Verbesserung der Lage sorgen.

Unglaubliche Auswirkungen.
Von der Politik zurück zur Versandlogistik beförderte anschließend der Vortrag von Walter Trezek, der Vorsitzende des beratenden Komitees des Weltpostvereins. Weltweit sei ein weiter anhaltendes starkes Wachstum der Paketlogistik zu erwarten, wobei China zu den Treibern dieser Entwicklung gehöre. „In China werden mittlerweile 52,8 Prozent des Einzelhandels digital abgewickelt,“ berichtete Trezek. Dies habe „unglaubliche Auswirkungen auf die Infrastruktur“. Wer wissen möchte, wie unsere Infrastruktur in sechs bis sieben Jahren aussieht, muss nur nach China schauen“, empfiehlt Trezek. Mit Blick auf andere Kontinente betonte Trezek, dass sich in der Branche derzeit „ein Sturm zusammenbraut“. In Europa würden wir davon zur Zeit am stärksten getroffen. In Folge der steigenden Energie- und Nahrungsmittelpreise sowie der Finanzkrise gehe das verfügbare Einkommen der Konsumenten zurück. Trezek hielt seinen Vortrag gemeinsam mit Florian Seikel, Geschäftsführer der Logistic Natives. Seikel wies darauf hin, dass in jeder Krise auch eine Chance stecke. „Wer sich jetzt als Händler komplett digitalisiert, hat in der Zukunft einen Wettbewerbsvorteil“, so Seikel.

Realismus statt Ideologie.
Das Überwinden von Krisen thematisierte auch Oliver Wagner, Geschäftsführer des Zentralverbands Spedition & Logistik. „Die österreichische Logistikbranche hat die Coronakrise hervorragend gemeistert und die Bedeutung der Logistik verstärkt in das öffentlich Bewusstsein gerückt“, so der Verbandschef. Während des Lockdowns sei eine sehr sachorientierte Zusammenarbeit mit politischen Entscheidungsträgern möglich gewesen – ein Zustand, den sich Wagner auch für andere Zeiten wünschen würde. Was die Dekarbonisierung und den Klimaschutz angehe, seien sich die Spediteure ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. Man brauche jedoch realistische Rahmenbedingungen anstelle praxisferner Ideologien. Selbst im Jahr 2040 werde der Straßengüterverkehr noch der beherrschende Verkehrsträger sein.

Fehlende Vorbildfunktion.
Auch Wolfgang Kubesch, Geschäftsführer der Bundesvereinigung Logistik Österreich, ging in seinem sehr kurzweiligen Vortrag mit der Politik streng ins Gericht. Trotz einseitiger Abhängigkeit von Gas und Öl aus Russland habe die Regierung bislang kaum etwas unternommen, um dieses Ungleichgewicht abzubauen. Außerdem vermisse Kubesch die Vorbildfunktion des Staates und der Entscheidungsträger beim Energiesparen. Zudem konstatierte er, dass die bisherige Politik westlicher Industriestaaten des „Wandels durch den Handel“ offenbar gescheitert ist. Die Zahl autokratisch geführter Staaten sei nicht zurückgegangen, sondern weiter gestiegen, während die Demokratie auf dem Rückzug sei.

Ergänzt und vertieft wurden die Vorträge durch zwei von Bernd Kratz moderierte Podiumsdiskussionen. Während der ersten Runde ging Kratz der Frage nach, welche konkreten Erfahrungen Produzenten und Lieferanten im Rahmen der Krise gemacht haben. In der zweiten Podiumsdiskussion standen die Erfahrungen des Handels im Vordergrund. Bei Interesse können beide Podiumsdiskussionen und sämtliche Vorträge des 7. eCommerce Logistik-Days in vollständiger Länge auf www.logistik-express.com und unter https://logfair.online abgerufen werden. (MW)

 

LOGISTIK express Journal 4/2022

Herausforderungen und Hindernisse in der Industrielogistik

Unterbrochene Lieferströme zum einen, eklatanter Personalmangel zum anderen, dazu die Unsicherheit über die weiteren Entwicklungen der Corona-Pandemie – 2022 meint es nicht unbedingt gut mit Logistikunternehmen. Wie man den Widernissen trotzt, zeigt der Erfolg der LogServ-Gruppe. Logistik express im Gespräch mit den Geschäftsführern Christian Janecek und Markus Schinko.

Redaktion: Angelika Gabor.

Als Tochter der voestalpine Stahl GmbH ist die Logistik Service GmbH (LogServ), Mutter der Cargo Service GmbH, auf Schienenlogistiklösungen spezialisiert. Die Expertise aus der Werkslogistik wurde längst auch auf externe Kunden ausgeweitet – überwiegend aus den Bereichen Metallerzeugung, Metallverarbeitung, Baustoff- und Prozessindustrie, Maschinen- und Anlagenbau sowie Automobil- und Automobilzulieferindustrie.

Wie beurteilen Sie aktuell die Lage?
„Die Supply-Chain ist aktuell aufgrund verschiedener Ursachen stark unter Druck. Die Kriegswirren in der Ukraine haben die Lieferströme durcheinandergewirbelt. Hinzu kommen Personalausfälle wegen COVID, Niedrigwasser in Donau und Rhein aufgrund der starken Hitze, Tunnelsperren und Baustellen. Der Aufwand für das Managen der Lieferketten ist immens gestiegen. Neu sind die ständigen Veränderungen; plötzliche, unerwartete Störungen, auf die zu reagieren höchst anspruchsvoll und belastend ist. Viele Mitarbeiter sind extrem gefordert, weswegen alternative Arbeitszeitmodelle mit ausreichend Erholungsphasen sehr wichtig geworden sind“, sagt Christian Janecek.

„Das aktuelle `Must-win-Battle` ist es, neue Mitarbeiter zu finden. Die Logistik ist vom Kostenfaktur zum Erfolgsfaktor geworden – aktuell aber eher zum Engpassfaktor. Die voestalpine lebt nicht nur von der Produktion, sondern auch davon, dass die Waren bei den Kunden ankommen. Die Logistikströme funktionieren aktuell unter erschwerten Bedingungen. Nimmt man als Beispiel die Kohlelieferung von Osten nach Westen, ist derzeit keine Lieferung aus Russland möglich. Ersatz kommt aus Südafrika zu den Westhäfen, aber die Infrastruktur ist darauf gar nicht ausgelegt. Es fehlt an Waggons ebenso wie an Kapazitäten auf den Trassen und in den Häfen. So ist etwa Rotterdam bereits deutlich überlastet, und das wirkt sich wiederum negativ auf die Laufzeiten aus.“

„Die Ressourcenthematik ist aktuell leider durch und durch problematisch“, ergänzt Markus Schinko. „Wir sind auf die Bahn angewiesen, unser Fokus liegt auf In- und Outbound. Wir profitieren zum Glück von unserem internen Bahn-Know-how und können uns selbst aushelfen. Früher war es so, dass man eine Trasse gebucht hat und der Zug fuhr. Heute braucht man die Lokomotive ebenso wie geeignetes Personal.

Das nötige Abweichungsmanagement ist extrem. Die Beschaffung neuer Lokomotiven dauert 2 Jahre, oder noch länger. Und dann steht man plötzlich vor dem Problem, dass das Material vielleicht gar keine Zulassung für Österreich hat. Hier ist dringend eine Vereinheitlichung zumindest auf europäischer Ebene nötig. Leider gibt es viel zu wenige Produktionsstätten für Güterwägen in Europa, darum werden wir hier selbst einen Markteinstieg versuchen.

Ist die Bahnlogistik die Lösung der Umweltthematik?
Janecek: „Natürlich ist die CO2-Reduzierung ein Thema. Im Outbound transportiert die voestalpine über 50 Prozent per Bahn, das ist für einen Stahlerzeuger eher ungewöhnlich. Lediglich ein Drittel wird per LKW abgewickelt. Aber wenn der Engpass bei Lokomotiven und Waggons weiter anhält, bleibt keine andere Wahl, als auf den LKW auszuweichen. Es ist ein harter Kampf: einerseits möchten wir den Standort auf CO2-Reduktion trimmen, aber dazu ist mehr Kapazität in den Verschiebebahnhöfen nötig. Aber wenn kein Material da ist, dann ist dieses Vorhaben nicht umsetzbar, egal, wie gut die Vorsätze sein mögen. Damit der Umstieg von der Straße auf die Schiene wirklich funktioniert, müssten Güterzugstrassen bevorzugt werden.“

Man liest überall von Personalmangel, wie geht es der LogServ damit?
Schinko: „Personal ist die wichtigste Ressource. Anteilsmäßig betragen die Personalkosten bis zu 70 Prozent! Der Mangel ist groß, von der Hilfskraft bis zum Facharbeiter fehlt Personal an allen Ecken und Enden. Wir setzen viele Maßnahmen, um neue Mitarbeiter zu finden, die regionale oder sogar nationale Suche reicht leider längst nicht mehr aus. Wir haben uns unterschiedliche Konzepte überlegt. Eines davon ist es, Mitarbeiter aus dem Balkanraum zu gewinnen. Dabei kümmern wir uns nicht nur um den Erwerb der Sprachkenntnisse, sondern auch um die entsprechende Wohnung und Papiere.“

„Viele aus dem Dienstleistungsbereich haben während der Pandemie eine Umschulung begonnen, aber genau diese Menschen fehlen jetzt. Eine Umschulung ist gut für Mangelberufe, keine Frage – aber meiner Meinung nach ist hier auch eine Eigenleistung angebracht, der Staat sollte nicht für alles aufkommen“, meint Schinko. „Man könnte sagen, es herrscht ein ‚War for workforce‘“, ergänzt Janecek „Ein weiterer Ansatz, um Mitarbeiter zu gewinnen, ist die Kooperation mit Fachhochschulen (St. Pölten und Steyr). Wir betreuen Diplomarbeiten und präsentieren uns auf Berufsmessen, um uns den Absolventen als attraktiver Arbeitgeber anzubieten. Früher wurden Ferialpraktikanten für administrative Tätigkeiten eingesetzt, aber heute lassen wir sie das gesamte Unternehmen kennenlernen – immerhin könnten das die Mitarbeiter der Zukunft sein“, verrät Janecek.

„Wir haben festgestellt, dass es bei den Studenten große Geschlechterunterschiede hinsichtlich der Interessen gibt – die wir bei der Ansprache berücksichtigen müssen. Während für weibliche Bewerber soziale Aspekte wie Kinderbetreuungsplätze eine große Rolle spielen, zählen für männliche Bewerber vor allem Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten. Generell sehen wir, dass das Thema Nachhaltigkeit stark an Bedeutung gewonnen hat. Das „Wie“ und das „Warum“ sind extrem wichtig, und das müssen auch unsere Führungskräfte bedenken, damit sie entsprechend darauf eingehen können.“ (AG)

 

LOGISTIK express Journal 4/2022

Einmal hin, einmal her, rundherum das ist nicht schwer

Aktuelle Wahlergebnisse zeigen Bewegung in der Parteienlandschaft im In- und Ausland. Eine deutliche Absage an die regierende Elite und ihre Unfähigkeit, aktuelle Probleme zu lösen. Wie reagiert die EU? Mit einer interessanten Interpretation des Demokratieverständnisses. Der Krieg tobt munter weiter, die Inflation galoppiert und das Klima geht den Bach runter. Und nun? 

Redaktion: Angelika Gabor

Demokratie ist ein politisches Prinzip, nach dem das Volk durch freie Wahlen an der Machtausübung im Staat teilhat. Freie Meinungsäußerung ist dabei eines der Grundrechte. Ist es also ihr gutes Recht, wenn die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula van der Leyen, im Hinblick auf die Wahl in Italien sagt: „Wenn sich die Dinge in eine schwierige Richtung entwickeln, haben wir Instrumente wie im Fall von Polen und Ungarn“?

Mit schwierig meinte sie einen Rechtsruck in unserem südlichen Nachbarland, ähnlich wie es ihn im Jahr 2000 in Österreich gab. Damals ging die ÖVP eine Koalition mit der FPÖ ein und sorgte damit für Wirbel. Die vierzehn Regierungen der damaligen EU-Mitglieder beschlossen, die bilateralen Beziehungen zur österreichischen Bundesregierung auf Regierungs- und diplomatischer Ebene auf das notwendigste Mindestmaß zu reduzieren. Mit anderen Worten: wer „rechts“ wählt, wird zum Aussätzigen. Bei konsequenter Umsetzung müsste das nun auch in Italien passieren, wo soeben das Rechtsaußen-Bündnis die absolute Mehrheit sowohl in der Abgeordnetenkammer als auch im Senat erlangte – also viel mehr Zuspruch, als damals in Österreich.

Was die Aussage van der Leyens so bedenklich macht, ist die mit dieser Drohung implizierte Ignoranz gegenüber dem Wählerwillen gepaart mit der politischen Macht, die sie innehat. Monetäre Sanktionen schmerzen immer besonders, nicht nur in Corona-Zeiten. Aktuell plant die EU-Kommission die EU-Gelder aus dem Kohäsionsfonds für Ungarn wegen Korruption und anderer Verstöße gegen den Rechtsstaat zu kürzen, indem der „Rechtsstaatsmechanismus“ ausgelöst wird. Bei diesem 2014 geschaffenen Instrument zur Wahrung der in der Europäischen Union geltenden Werte ist seit 2021 auch eine finanzielle Ahndung von Verstößen vorgesehen. Als Strafe für den Umbau des Justizsystems und die Schaffung einer Richteraufsichtsbehörde droht Polen die Verhängung von Zwangsgeldern, bereits im Jänner wurde eine Zahlungsaufforderung über 69 Millionen Euro nach Warschau übermittelt. Also Maßnahmen gegen demokratiekritisches Vorgehen laut Definition der EU… (einmal hin…)

Der Haken an der Sache: sowohl Ungarn als auch Polen sind Nachbarländer der Ukraine und haben seit Kriegsbeginn fast zwei Millionen Kriegsflüchtlinge – davon überwiegend Frauen und Kinder – aufgenommen. Die Umverteilung von Flüchtlingen ist ein Thema, das EU-Weit noch nie Einigung erzielen konnte. Diese geplanten Strafen würden zu einer künstlichen Verschärfung der bereits prekären humanitären Lage beitragen, denn willkommen sind die Ukrainer in Ungarn nicht – aber kann und will die EU-Kommission sich das wirklich leisten? (einmal her…)

Zum Teufel mit dem Merit-Order-System!
Am 1. Oktober 2001 vollzog Österreich die von der EU beschlossene, völlige Strommarktliberalisierung und öffnete damit die Tür für das Merit-Order-System. Bei diesem System bestimmen die Grenzkosten der Stromerzeugung des jeweils zuletzt zur Deckung der Nachfrage eingesetzten (=teuersten) Kraftwerks den Energiepreis an der European Energy Exchange (EEX, Energiebörse) in Leipzig bzw. der Energy Exchange Austria (EXAA) für den jeweils nächsten Tag (Day Ahead-Markt). Die EEX-Börse ordnet die Angebote der Kraftwerksbetreiber in einem Pay-as-Clear-Modell in aufsteigender sowie die Nachfrage in absteigender Reihenfolge (Merit-Order-Kurve) an. Erneuerbare Energien sind billig, aber reichen nicht aus, um den Bedarf zu decken – und im nahenden Winter wird es angesichts der Gasverknappung im Zuge des Krieges noch schlimmer werden. Durch das „uniform pricing“ erhalten alle Energieanbieter, die zum Zuge kommen, den gleichen Preis (Markträumungspreis) für die Einspeisung bezahlt – unabhängig davon, wie hoch ihre Erzeugungskosten sind.

Vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine führte dieses System dazu, dass die Strompreise niedrig gehalten wurden – jeder Anbieter wollte zum Zug kommen, musste also günstige Preise halten. Dummerweise kann der momentane Strombedarf nicht ohne den Einsatz von Gas gedeckt werden – und das ist aus bekannten Gründen Mangelware und somit unverschämt teuer. Als Resultat daraus verdienen sich manche Anbieter gerade eine goldene Nase, während sich ein immer größerer Teil der Bevölkerung das Heizen nicht mehr leisten kann. Parallel zum Strompreis steigt auch die Inflationsrate, und das ist für alle schlecht. Daher wird der Ruf nach einer Gaspreisdeckelung, wie Spanien und Portugal sie bereits umgesetzt haben, immer lauter. Allerdings kann man die Iberische Halbinsel, die relativ abgeschottet liegt, nur schlecht mit Österreich vergleichen. Bei einer solchen Deckelung würde nämlich dank der starken Vernetzung zumindest ein Teil des so subventionierten Stroms sofort ins Ausland abfließen – dabei zählt Österreich zu den Nettoimporteuren, wir brauchen unseren Strom wirklich selbst.

Weiterer Nachteil: der Gasverbrauch steigt, denn das Gas ist ja durch die Deckelung billig geworden. Ein Mehr an verbrannten fossilen Brennstoffen ist wirklich nichts Erstrebenswertes! Zudem sind Ökonomen der Meinung, dass ein Eingriff ins Marktgeschehen langfristig Nachteile brächte – es sei besser, stark Betroffene direkt zu unterstützen und auf einen Preisdeckel zu verzichten (hat eigentlich jemand überprüft, auf wessen Gehaltsliste diese Experten stehen?) Die österreichische Regierung jedenfalls reagiert wie immer österreichisch – mit Abwarten, ob die EU Maßnahmen setzt.

Vollversammlung, aber wozu?
Aktuell findet in New York die 77. UNO-Vollversammlung statt. 150 Regierungsschefs aus der ganzen Welt sind angereist (bestimmt haben alle ihre dabei entstandenen CO2-Emissionen kompensiert und Bäume gepflanzt), um nun tagelang über die Folgen der COVID-19-Pandemie, des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, der Klimakrise sowie die wachsende Besorgnis über den Zustand der Weltwirtschaft zu diskutieren. Natürlich spielt auch die Nahrungskrise eine Rolle – Stichwort Getreide aus der Ukraine. Übrigens ist Russland ein ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen – und damit theoretisch auf besondere Weise der Charta der Vereinten Nationen und dem Frieden in der Welt verpflichtet.

Im Endeffekt zeigt sich, dass außer viel Gerede nichts Brauchbares aus den Versammlungen hervorgeht. Jeder ist sich selbst der nächste, Maßnahmen zum Klimawandel sind zahnlos oder nicht vorhanden. Es gibt viele Versprechen und Zusagen, die kaum das Papier wert sind, auf das sie geschrieben wurden. Und bei der nächsten Versammlung werden die gleichen Themen wieder besprochen (rundherum das ist nicht schwer). Himmel, hilf! (AG)

 

LOGISTIK express Journal 4/2022

LogParship – Die europäische Verkehrspolitik

Die EU als Singlebörse. „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Logistik Single über EU-Parship.“ Das „Matching“ sorgt für die größte Chance auf eine liebevolle Logistiker-Ehe.

Redaktion: Peter Baumgartner.

Das geopolitische Desaster, in das uns unsere „FührerInnen“ hineingeritten haben zeigt, dass wir neben den humanitären und ökologischen Katastrophen auch ein veritables Logistikproblem haben. Die Kurzsichtigkeit, auf Lobbyisten aufgebaute Transportlogistik der EU, wird in der Krise zu einem Megaproblem mit globalen Auswirkungen. Jahrzehnte wurden Warnungen und Expertenmeinungen ignoriert. Jetzt müssen wir die Logistik „überdenken“ und die Infrastruktur „anpassen“, erklärte die, für Verkehr zuständige EU-Kommissarin Adina Vălean im Mai vor ein paar Journalisten.

Richtig wäre gewesen, hätte sie sich für das eigene Versagen (und das ihrer VorgängerInnen) entschuldigt und Platz für eine kompetentere Leitfigur in der europäischen Verkehrspolitik gemacht. Aber das ist für unsere Marionetten-PolitikerInnen keine Option. Stattdessen schlagen sie jetzt wie wild um sich und richten noch mehr Schaden an. Plötzlich ist man in Brüssel und bei der UN draufgekommen, dass die Ukraine ein wichtiger Getreidelieferant für viele Länder ist. Fast müsste man Putin dankbar sein. Ohne seinen verrückten Krieg hätten das unsere Politexperten komplett vergessen. Spätestens seit 1991, mit der Gründung der Ukraine ist allen klar, wo die „Kornkammer der Welt“ liegt und was es logistisch braucht, damit die Verteilung funktioniert.

2016 hat ein österreichischer Getreidebauer, der selber in der Ukraine anbaut angemerkt, dass die EU die Logistikprobleme kennt. Unzureichende Transportkapazitäten, schlechte Infrastruktur, irrwitzige Zollformalitäten usw. Seine im Donauhafen Reni beladenen Schiffe mussten 14 Tage warten, bis das Ergebnis der Warenprobe vorlag etc. Jeder Logistikschüler kannte schon vor 30 Jahren das Problem mit der unterschiedlichen Spurweite bei den Bahnen. Und niemand dachte bisher an die strategische Bedeutung der ukrainischen Donauhäfen (Die Macht, die die Donaumündung beherrscht, beherrscht die ganze Donau).

Lieber überließ man China die Übernahme europäischer Infrastruktur. Sogar Russland hat die Hand auf türkischer Hafeninfrastruktur und lacht uns jetzt wegen unserer verzweifelten Sanktionspolitik aus. Russische Schiffe fahren mit ukrainischem Getreide ungeniert in die Türkei und machen damit ein gutes Geschäft mit jedem, der Geld im Kreml abliefert. Man kann sich nur noch schämen für diese Schwarmdummheit.

Der im Mai von Kommissarin Vălean vorgestellte „Aktionsplan“, es sollte besser heißen Verzweiflungsakt, sieht vor, dass unter der schönen Überschrift „Solidarity Lanes“ alternative Routen für die ukrainischen Agrarprodukte gefördert werden sollen. Abgesehen davon, dass es schon wieder eine unzulässige Täuschung ist von Solidarität zu sprechen, wenn es in Wahrheit um die eigene Suppenschüssel geht, die Routen aus der Ukraine in die EU sind ja da, wo sie immer schon waren. Das sind also keine alternativen Routen. Das sind aha- und ui Erkenntnisse, die man in schöne Überschriften verpackt und endlich nutzen möchte.

Aber das wird dauern, weil aus einem Schlafwagen kann man nicht über Nacht einen Formel-1 Wagen zaubern. Die Rail Cargo Group gibt stolz bekannt, seit Kriegsausbruch (24. Februar) bereits über 130.000 Tonnen Getreide aus der Ukraine exportiert zu haben. Das ist wirklich „beachtlich“, wenn man bedenkt, dass man für diese Menge (konservativ gedacht) gerade mal 10-12 Donau-Schiffskonvois brauchen würde. Aber man freut sich als wichtiger europäischer Bahn-Player einen „kleinen Beitrag leisten zu können“. Ein (öffentlicher) Transporteur, der sogar etwas leisten will und sich darüber freut etwas leisten zu dürfen (!) Man glaubt im falschen Film zu sein. Aber es ist bittere Realität. Immerhin, was bisher als völlig ausgeschlossen und undenkbar galt, wird plötzlich notgedrungen doch wahr: Die Bahn kooperiert mit der Binnenschifffahrt! Wie gesagt, nur aus der Not heraus, aber immerhin. Vielleicht manifestiert sich eine gute Idee für die Zeit danach…

Allen Bemühungen zum Trotz, werden die Versäumnisse aus der Vergangenheit überall in den Donauhäfen sichtbar…
Zu schnell sollen die richtigen Weichen eh nicht gestellt werden, denn auch in der Binnenschifffahrt und in den Binnenhäfen gibt es noch genug Hausaufgaben zu erledigen, um am Logistik-Spiel als ernstzunehmender Partner teilhaben zu dürfen. Die gut gemeinte Solidaritätsaktion der Donaukommission (Danube Solidarity Lane for EU-Ukraine trade), die das Gewerbe mit den Verladern vernetzen soll zeigt nur auf, was in Zeiten von KI und globalisierten Lieferketten längst schon Alltag sein sollte.

Diese Kritik trifft jedoch ausnahmsweise nicht die Politik, sondern zeigt, dass sich bis auf ein paar innovative Ausnahmen, alle Stakeholder in der Binnenschifffahrt darauf verlassen, dass der Staat eh alles regelt. Abgesehen von den seit Jahrzehnten verschlafenen Personalproblemen, muss man sich jetzt auch noch (viel zu spät) mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen und womöglich müssen Schiffe mancherorts bald auch fahren und nicht nur schwimmen können. Dazu kommen prähistorische Verwaltungsstrukturen, die man bisher als gottgewollt hingenommen hat. Eine wichtige Wasserstraße, wie zum Beispiel den Sulina-Kanal in der Nacht einfach zu sperren, mag vielleicht bei einem Hausbootkanal akzeptabel sein, aber nicht bei einer Wasserstraße mit Doppelfunktion für See- und Binnenschiffe. Die Folgen sieht man jetzt an den Mündungshäfen, wo hunderte Schiffe in Warteposition liegen – nicht nur weil Krieg herrscht, sondern auch weil alte Versäumnisse aufbrechen.

Verhältnismäßig gut läuft es – wie immer – im Straßenverkehr. Zwar brechen auch hier die Versäumnisse der Infrastrukturpolitik und Verwaltung auf und blockieren einen reibungslosen Grenzverkehr, aber der Straßenverkehr wächst dennoch enorm. Zum Nachteil der Umwelt. Bald müssen sich Ukrainer, müssen wir uns die Frage stellen, ob wir lieber mit einer russischen Kugel im Kopf, oder an den Folgen des Klimawandels sterben wollen. An dieser Stelle: Herr Putin, es lohnt sich nicht Krieg zu führen. Wir bringen uns gerade selber um. Seit der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens zwischen der Ukraine und der EU im Jahr 2016, ist der Gütertransport auf der Straße um 42% gestiegen. Der Bahn- und Binnenschifftransport hingegen gesunken. Der Anteil der Binnenschifffahrt am Gesamtverkehr kratzt in den meisten Ländern sogar an der Wahrnehmungsgrenze. Die Conclusio der Geschichte ist also, die europäische Verkehrspolitik verhält sich in den Wirren des Krieges wie eine Singlebörse mit Fokus auf männliche Bewerber und Logistiker von Beruf. Alter ist egal, aber mehrsprachig ist von Vorteil und möglichst ohne Haustier sollten die Bewerber sein. Ob das gut geht? Man weiß aus einschlägigen Untersuchungen, dass Partnervermittlungen nicht nur sehr teuer sind, sondern dass auch viel gelogen wird und „feste Bindungen“ eher die Ausnahme und nicht die Regel sind. (PB)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2022


 

Roman Stiftner: Lieferketten müssen resilienter werden

Die Gobalisierung erlebt derzeit einen radikalen Wandel. Produktionen rücken näher zu regionalen Märkten. Was nicht allein schmerzlich sein muss, sondern auch Chancen birgt ist Roman Stiftner, Präsident des European Shippers’ Council überzeugt.

Text: Redaktion.

Herr Stiftner, die Wirtschaft ist derzeit mit großen Veränderungen konfrontiert und der Ukraine-Krieg sorgt für massive Verwerfungen bei globalen Transportabläufen. Was bedeutet das für die verladende Wirtschaft, deren Interessen das European Shippers’ Council (ESC) vertritt?
Roman Stiftner: Es herrschen turbulente Zeiten in der Logistik. Ja, die gestörten Lieferketten im Welthandel machen uns zu schaffen und das wird auch noch einige Zeit disruptiv bleiben. Etwa ein Zehntel aller weltweit verschifften Waren sitzen derzeit irgendwo fest und behindern die Versorgung mit Gütern und Rohstoffen. Das Ausmaß hat auch bereits die Endkonsumenten erreicht, Wunschprodukte sind nicht lieferbar und die Inflation zieht gehörig an.

Die Corona-Pandemie hat Lieferketten massiv beeinträchtig und viele wurden notleidend. Was soll die verladende Wirtschaft unternehmen, um die Lieferketten resilienter gegen Unwägbarkeiten zu machen?
Stiftner: Die Wiederherstellung der Resilienz ist die Priorität für das Supply Chain- Management. Kurzfristig wird die verladende Wirtschaft wohl der Situation mit Krisenmanagement beikommen können. Ich bin überzeugt, dass sich die Zielprioritäten zugunsten der Qualität und Regionalität verschieben werden. Praktisch bedeutet das, dass es nicht mehr darum gehen wird, eine Ware oder einen Rohstoff möglichst kostengünstig zu beziehen. Die Zuverlässigkeit des Eintreffens der Ware hat im Störungsfall mehr Einfluss auf die Kosten des Gesamtproduktionsprozesses als vergleichbar geringe Einkaufserfolge. Auch ökologisch sind manche Warenströme zu hinterfragen und werden wohl neu beurteilt werden müssen. Das ist die Chance für regionale Anbieter, da höhere Logistikkosten und das Einpreisen der Resilienz diese wieder wettbewerbsfähiger machen. Wir erleben einen schmerzhaften, aber gesellschaftlich erwünschten Wandel.

Nicht wenige Handels- und Industriebereiche in Europa haben Probleme bei der Rohstoffbeschaffung, weil sie häufig von einem einzigen Lieferanten abhängig sind. Wäre es nicht besser Rohstoffe von verschiedenen Lieferanten zu beschaffen, um Lieferrisiken zu minimieren?
Stiftner: Das ist einfacher gesagt als getan. Kein verantwortungsbewusstes Unternehmen begibt sich fahrlässig in die Abhängigkeit eines einzelnen Lieferanten. Speziell im Rohstoffsektor aber nicht nur dort sind jedoch monopolartige Lieferantenstrukturen ein Faktum. Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass bei den strategisch wichtigen Metallen für Hochtechnologie eine vollkommene Abhängigkeit von China besteht.

Ich spreche hier von Rohstoffen, ohne die Technologien zur Emissionsreduktion und nachhaltiger Energieerzeugung und Mobilität aber auch Digitalisierung einfach nicht funktionieren. Ein ganz aktuelles Beispiel dafür ist Magnesium. Es wird benötigt, um Aluminium- und Stahllegierungen herzustellen. Ohne Magnesium läuft also kein Auto mehr vom Band und es wird auch keine Windkraftanlage mehr errichtet werden können. Europa ist zu 95 Prozent abhängig von China, und China hat die Lieferungen nach Europa bewusst und strategisch stark eingeschränkt. Die Folgen sind eine Preisexplosion und das Bewusstsein, dass in wichtigen Wertschöpfungsketten, wie unter anderem in der Automobilindustrie, Europa an Autonomie stark eingebüßt hat.

Wäre Europas Wirtschaft gut beraten nach Fernost ausgelagerte Produktionen wieder zurückzuholen, um Lieferketten zu verkürzen und transparenter zu machen?
Stiftner: Nicht nur Europas Wirtschaft, auch die europäische Gesellschaft wäre gut beraten, diesen Weg zu gehen. Es geht dabei nicht um ein „Zurück-in-alte-Zeiten“, sondern um die Absicherung unseres Ziels, Europa bis 2050 klimaneutral zu machen. Wir dürfen nicht naiv sein und glauben, dass andere Kulturkreise unsere Regeln akzeptieren und unserem Voranschreiten in der Klimapolitik einfach folgen. Die aktuelle Chipkrise zeigt, wie leicht Technologie durch leichtfertige Politik abwandern kann. Obwohl Europa nach wie vor führend im Design von Chipproduktionsprozessen ist ging die Produktion verloren. Europa benötigt eine akzentuierte Industriepolitik und den Willen, bestehende Industrien in Europa zu festigen und neue Zweige zu etablieren.

Welche Forderungen gibt es seitens des ESC an welche politischen Adressen in Europa?
Stiftner: Die Pandemie hat gezeigt, dass unsere Lieferketten krisenanfällig sind und wir deshalb gemeinsame Anstrengungen mit der Politik unternehmen müssen, sie resilienter zu gestalten. Für die gesamte verladende Wirtschaft sind die Ziele des Fit for 55-Programms zur Steigerung der Nachhaltigkeit eine große zusätzliche Herausforderung. Das ESC unterstützt die Europäische Kommission in Maßnahmen zur Reduktion des Klimawandels auch mit der Konsequenz, dass Verlader in Zukunft ETS-Zertifikate für den Transport kaufen werden müssen.

Die Politik ist hier aufgerufen, die unterschiedlichen Belastungen der Modalitäten durch das geplante ETS-Regime möglichst gering zu halten und doppelte Verrechnungen zu vermeiden. Die Einnahmen durch die Zertifikate müssen unbedingt in eine moderne Infrastruktur und digitale Innovation investiert werden. Darüber hinaus sehen wir uns mit einer schwierigen Arbeitsmarktsituation konfrontiert. In den nächsten Jahren wird ein großer Teil der Lkw-Fahrer in Pension gehen und es wird daher an autonomen Fahrsystemen kein Weg vorbeiführen. Dafür müssen die rechtlichen und infrastrukturellen Grundlagen geschaffen werden. Aktuell gilt unsere Sorge den geopolitischen Spannungen nicht nur mit Russland, sondern auch in der Taiwan-Frage. Etwa 40 Prozent des weltweiten Bedarfs an Halbleitern wird in Taiwan gefertigt, weshalb Lieferstörungen vitale Auswirkungen auf Wertschöpfungsprozesse in Europa haben und auch dem Welthandel schaden würden.

Welche Ziele wollen Sie in Ihrer Funktion als seit 2021 amtierender ESC-Präsident erreichen?
Stiftner: Mein Ziel als ESC-Präsident ist es, die Qualität und Resilienz der Lieferketten zum Wohle der europäischen Wirtschaft und Gesellschaft zu verbessern. Dafür braucht Österreich und Europa mehr qualifizierte Experten. Wir müssen daher in die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter investieren. Die verladende Wirtschaft ist ein sehr attraktiver Arbeitgeber. Wir geben Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen internationale Karriereperspektiven und sichere Beschäftigung. Darüber hinaus ist es mein Ziel, den fairen und partnerschaftlichen Austausch mit den Verbänden in Asien, Amerika, Russland als wichtige Handelsregionen auszubauen. (RED)

Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2022


 

Es wird Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen

Der Wohlstand, den wir in Österreich gewohnt sind, mit all seinen Vorzügen, hat möglicherweise ein nahendes Ablaufdatum. Geht es nach Betriebswirt Mag. Harald Gutschi, muss die Regierung besser gestern als heute handeln und vor allem eines: der Bevölkerung endlich den Ernst der Lage bewusst machen. Die Medaille der Globalisierung zeigt nun ihre unschöne Seite.

Redaktion: Angelika Gabor.

In den letzten Jahrzehnten profitierten Österreich, Deutschland und einige andere Hochlohnländer von billiger Energie, womit Rohstoffe und Einzelteile veredelt und dann hochpreisig wieder exportiert wurde. Unsere Industrie profitierte deutlich von der Globalisierung. Doch dieses Modell fällt uns jetzt auf den Kopf: die Lieferketten sind außer Rand und Band. Den Anfang nahm dieser dramatische Absturz wie weithin bekannt in China – die Zero-Covid-Politik mit monatelangen Lockdowns führt zu drastischen Rückstaus bei dringend benötigten Warenlieferungen, egal ob es sich dabei um Verpackungsmaterialien oder Bauteile handelt.

Mag. Harald Gutschi, Sprecher der Geschäftsführung der UNITO Gruppe (u.a. Universal, OTTO, Quelle, Lascana, Schlafwelt, Ackermann), beobachtet die Entwicklung mit zunehmender Sorge: „Zu Weihnachten werden wir erstmals seit langer Zeit vor dramatisch leeren Regalen stehen. 400 Millionen Chinesen sind oder waren im Lockdown, vieles wurde nicht produziert. Die Situation hat eine Dimension erreicht wie die letzten 50 Jahre nicht mehr. Die Auswahl wird drastisch reduziert sein – man wird zwar natürlich Produkte finden, aber wenn es eine bestimmte Marke oder ein exaktes Modell sein soll, dann wird es schwer. Mein Rat daher: frühzeitig anfangen zu suchen.“

Aktuell werden in China 30 bis 40 Prozent weniger Containerschiffe abgefertigt als vor der Pandemie. Als Folge der globalen Arbeitsteilung fehlen Vorprodukte, weshalb auch im Rest der Welt die Produktionen teilweise stillstehen. Die fehlenden Chips für die Automobilbranche sind nur ein bekanntes Beispiel, aber fast jede Branche ist betroffen. Gutschi: „Aktuell haben wir den Peak erreicht: bei den Lieferproblemen, der Inflation und den gewerblichen Erzeugerpreisen.“ Der Handel hat sich massiv gewandelt: „Früher hatten wir einen Nachfragemarkt – die Kunden hatten eine riesige Auswahl und konnten den Preis mitbestimmen. Jetzt allerdings haben wir einen Angebotsmarkt, die Auswahl ist eingeschränkt und als Kunde muss man teilweise froh sein, überhaupt etwas zu bekommen, und das zu deutlich höheren Preisen.

Notwendiger Staatskommunismus.
Seit der Einführung des Euro im Jahr 2002 hat sich die Bilanzsumme der EZB mehr als verzehnfacht, insbesondere seit der Finanzmarktkrise 2008 wurden massiv Anleihen zugekauft. Als Nebenwirkung stiegen die Immobilienpreise rasant. Die nunmehrige Anhebung des Leitzinses als Gegenmittel zur Inflation war bereits abzusehen, ebenso wie die damit einhergehende Verschärfung der Kreditvergaberichtlinien. „Die EZB hat damit gerechnet, dass die hohe Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Allerdings sind deren Datenmo-delle nicht auf die Situation ausgelegt – sie berechnen und funktionieren nur in einer stabilen Welt. Deshalb lagen die Prognosen komplett daneben“, meint Gutschi.

Frachtraten sinken.
Laut einem Factsheet der DZ Bank steckten noch im Mai 2022 mehr als 11 Prozent sämtlicher global verschiffter Waren in Warteschlangen, im Juli 2021 waren es gar noch rund 14 Prozent.

„Häfen sind gesperrt oder es fehlt an Personal, um die Container zu verladen. Die Transport-raten gehen zwar wieder nach unten, sind aber noch immer auf einem sehr hohen Niveau. Ein Beispiel: Früher haben wir Sitzsäcke um 99 Euro verkauft, heute kostet allein der Transport dieses Sitzsackes 200 Dollar. Wer soll denn das kaufen?“, so Gutschi. Lag der aggregierte Frachtmarktpreis für Schiffstransporte aus China im Juni 2018 noch bei etwa USD 2.000, betrug er zum Höhepunkt im September 2021 knapp USD 23.000 – für die gleiche Leistung.

Gaslieferstopp als Schreckgespenst.
Gutschi rechnet fix damit, dass spätestens im Herbst Russland die Erdgaslieferungen nach Österreich ganz einstellt, bereits jetzt sind die Mengen stark gedrosselt. „Sollte der Gashahn zu sein – und die Wahrscheinlichkeit dafür ist deutlich über 50 Prozent – wird es wirklich kritisch“, fürchtet er. „Forscher rechnen mit Minus 2 Prozent des BIP.

Allerdings nehmen die bei ihren Prognosen an, dass das Gas einfach woanders herkommt. Das ist reine Naivität. Wir hängen von Putin ab, nicht umgekehrt.“ Auch die Diskussion um die Verteilung der Gasreserven im Ernstfall versteht er nicht. „Dass den Menschen der Vorzug gegeben wird, ist mir unbegreiflich. Ein paar Grad weniger in der Wohnung halte ich aus, da ziehe ich mich einfach wärmer an. Aber die Industrie ist das Rückgrat unserer Wirtschaft, die Basis unseres Wohlstands – wenn die stillsteht, dann haben
wir wirklich ein gewaltiges Problem.

Stellen Sie sich vor, BASF in Ludwigshafen muss die Produktion einstellen – ohne Chemie können unzählige weitere Produkte nicht erzeugt werden: keine Verpackungen, Klebstoffe, Dämmmaterial, Sportartikel, Arznei-mittel usw. Wir reden hier von einem Einbruch des BIP im zweistelligen Bereich.“ Deshalb müsse nun jeder einen Beitrag leisten, denn auch viele kleine Schritte bringen einen in Summe ans Ziel.

Wohlstandsverlust unvermeidbar.
„Es ist an der Zeit, der Bevölkerung endlich reinen Wein einzuschenken: ein Wohlstandsverlust ist unvermeidbar. Der Staat kann es nicht immer richten, nach der Pandemie sind die Kassen leer. Das 28 Mrd. € schwere Entlastungspaket war ein wichtiger und richtiger Wurf. Wenn es nun wirklich gelingt, die kalte Progession abzuschaffen, dann ist diese Regierung zu etwas fähig, woran bisher alle gescheitert sind. Meiner Meinung nach muss solch eine gravierende Änderung auch in den Verfassungsrang. Jede Partei, die gegen die Abschaffung der kalten Progression ist, leistet einen Affront gegen jeden einzelnen arbeitenden Menschen.“

Eine staatliche Preisregulierung ist für ihn hingegen der falsche Weg. „Der Staat muss über Transferleistungen unterstützen, den Preis bestimmt der Markt.“ Ein wichtiger Faktor ist die Energie, das Energiesparen sollte nicht nur für ÖKO-Aktivisten an erster Stelle stehen. „Ich erwarte eine Aufforderung zum Energiesparen, und zwar jetzt gleich. Parallel muss nach Alternativen gesucht werden. Die Wiederinbetriebnahme des Kohlekraftwerks ist ein wichtiger und richtiger Schritt – wenngleich auch ich damals bei der Abschaltung gejubelt habe. Die Versorgung mit Gas hat oberste Priorität“, so Gutschi. Für die zukünftige Strategie sei es auch dringend nötig, die Vertreter der Industrie an einen Tisch zu bringen und Ernstfall-Szenarios zu simulieren – also kein Erdgas mehr zu haben. Gutschi: „Es war naiv zu glauben, dass kein Krieg kommt. Jetzt müssen wir mit den Konsequenzen leben.“

Arbeitskraft & Arbeitszeit.
Vor kurzem noch klagten viele Unternehmen über den eklatanten Fachkräftemangel. Heute fehlt Personal an allen Ecken und Enden. „Wo sind nur all die Menschen?“, fragt Gutschi. Eine mögliche Antwort: außer Landes. Denn durch die Pandemie kommen viele Arbeitskräfte, beispielsweis Erntehelfer, nicht mehr nach Österreich. Die Wirtschaftsleistung liegt noch unter dem Niveau von 2019.

Laut Handelsverband rechnen die Unternehmen im Jahr 2022 mit einem Umsatzrückgang von minus 14 Prozent im Vergleich zu 2019. Mitschuld an der Misere ist laut Gutschi die Kurzarbeit. „Dieses Arbeitsmarktinstrument verlängert die Verkrustung und zögert bei manchen Unternehmen nur das Unvermeidliche hinaus. Kurzarbeit sollte auf ein absolutes Minimum reduziert werden, statt dessen ist eine Arbeitsmarktreform dringend nötig – beispielsweise die Senkung der Lohnnebenkosten für Arbeitnehmer. Dies wäre durch die überproportionale Kaufkraftsteigerung ein Lichtblick und die beste Maßnahme, um dem Handel zu helfen“, meint Gutschi.

Fazit: Wir müssen uns auf Einschränkungen einstellen, auch das Angebot frei verfügbarer Waren wird schrumpfen. Aber: „Es hilft nichts, pessimistisch zu sein. Menschen sind kreativ, und wir werden immer eine Lösung finden.“ (AG)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2022


Umsonst ist nur der Tod, und der kostet das Leben

Der Tiefpunkt ist noch nicht erreicht. Die Preise für Lebensmittel und Energie steigen weiter, während die Einkommen stagnieren. Die Auswirkungen der Zero-Covid-Politik in China sind zwar schon zu spüren, werden aber noch stärker. Die kommende Zinsanhebung der EZB ist ein Anfang zur Stärkung der Kaufkraft, aber zu wenig, um der Inflation die Stirn zu bieten. Es fehlen tausende Arbeitskräfte, aber keiner will die offenen Jobs. Grund genug für kollektiven Suizid? Nein. Alles wird gut.

Redaktion: Angelika Gabor.

Ende Juni veröffentlichten die beiden Wiener Konjunkturforschungsinstitute Wifo und IHS ihre Prognosen hinsichtlich Wirtschaftswachstum und Inflation. Leider kommen beide unabhängig voneinander zu ähnlichen Ergebnissen, die fürwahr kein Grund zum Feiern sind. Zwar lief das erste Halbjahr gar nicht mal so schlecht – insbesondere Industrie und Tourismus legten ein gutes erstes Quartal hin und werden dadurch unterm Strich für ein Wachstum von 4,3 Prozent (Wifo) und 3,8 Prozent (IHS) sorgen. Kommendes Jahr jedoch liegen die Prognosen nur noch bei 1,6 Prozent (Wifo) bzw 1,4 Prozent (IHS). Ein heftiger Dämpfer. Gleichzeitig begleitet uns die höchste Inflation seit knapp 50 Jahren wohl länger als gehofft (und von EZB-„Experten“ erwartet). Im Juni 2022 lag die Inflation in Österreich bei 8,7 Prozent (im Vergleich zu Juni 2021), in Deutschland bei 7,6 Prozent. Die Vorhersagen sind düster, eine Entspannung ist nur langsam in Sicht. In Russland geht die Inflation übrigens zurück, die Wirtschaft floriert wieder, der Rubel gilt als stärkste Währung 2022. Die Sanktionen des Westens entlocken dem Kreml aktuell wohl nur ein müdes Lächeln.

Wo sind sie denn alle?
Laut aktueller Studie des Handelsverbands leiden rund 40 Prozent der Händler unter Personalmangel, das entspricht etwa 20.000 offenen Stellen, beispielsweise im Verkauf. Aber auch die Logistik ist stark betroffen, insbesondere die Hilfskräfte fehlen. Woran das liegt? Die derzeitig miese Situation ist verschiedenen Faktoren geschuldet: einerseits haben während der Pandemie viele „essential Worker“ das Handtuch geworfen und dem Verkauf den Rücken gekehrt. Mitarbeiter, die wegen Lockdowns gekündigt wurden, haben sich teilweise umorientiert und neue Berufsfelder für sich erschlossen. Andere sind aufgrund der gestiegenen Lebenskosten einfach gezwungen, besser bezahlte Jobs zu finden, auch wenn sie vielleicht gerne geblieben wären. Und schließlich gibt es noch die große Gruppe von Saison- und Hilfsarbeitern aus dem Ausland, die als Erntehelfer, Küchenhilfen oder am Fließband arbeiten, während der Krise nicht nach Österreich kommen durften und nun erkannt haben, dass sie daheim eigentlich auch ihr Auslangen finden – ohne ständiges Pendeln oder ein Leben getrennt von der Familie. Laut Mag. Dr. Martin Kocher, Bundesminister für Arbeit und Leiter des Bundesministeriums für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort, waren im Juni weniger als 300.000 Menschen ohne Arbeit. Die 3,95 Millionen unselbstständig Beschäftigten sind 130.000 Personen mehr als im Juni 2019.

Mich persönlich wundert es nicht, dass sich immer weniger Menschen finden, die diese offenen Arbeitsstellen annehmen – sozial eher geächtet, schwierige Arbeitsbedingungen (wer möchte bei 35°C Außentemperatur die Mittagsschicht zum Abwaschen in einer Gastroküche übernehmen?), familienunfreundliche Arbeitszeiten und eine Entlohnung knapp über der Mindestsicherung sind nicht wirklich attraktiv. Hinzu kommt beispielsweise im Handel, dass manche Kunden die „der Kunde ist König“ Philosophie ausreizen und die Geduld der Angestellten sehr auf die Probe stellen. Dating-Pro-Tipp: so wie ein Mensch sich dem Service- oder Verkaufsmitarbeiter gegenüber verhält, so wird er sich später auch dir gegenüber verhalten.

Die heilige Kuh schlachten.
Mitte 2015 kündigte der damalige Finanzminister Hans Jörg Schelling (VP) gemeinsam mit Vizekanzler Reinhold Mitterlehner die Abschaffung der Kalten Progression im Zuge der Steuerreform an. Das IHS forderte bereits 2013 eine automatische Inflationsanpassung der Steuersätze als Gegenmaßnahme zur Kalten Progression. Wir schreiben das Jahr 2022, und es scheint tatsächlich wahr zu werden: die schwarz-grüne Bundesregierung hat als Teil des Entlastungspakets zur Unterstützung der Bevölkerung das endgültige „Aus“ für die schleichende Steuererhöhung beschlossen. Die Steuerstufen sollen gemäß der Inflationsrate ab 2023 jährlich erhöht werden (bis auf die höchste Stufe, die 55 Prozent ab 1 Million versteuerbarem Einkommen bleiben – die
Betroffenen werden es verschmerzen). Es gibt also wieder Licht am Ende des Tunnels. Auch wenn mehr Menschen denn je armutsgefährdet sind, sollten wir die Hoffnung nicht verlieren. Die Leistungsfähigkeit und Kreativität der Österreicher sind Werte, auf die man auch in Zukunft bauen kann – wir werden Lösungen finden. Am Ende wird alles gut – und wenn nicht, ist es einfach nicht das Ende. (AG)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2022


Neue Lockdowns in China: Einfluss auf deutsche und österreichische Wirtschaft

Neue Coronavirus-Ausbrüche in verschiedenen Großstädten Chinas und insbesondere in Schanghai bereiten der deutschen und österreichischen Wirtschaft Sorgen. Die immer noch verfolgte Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung könnte künftig wieder zu starken Störungen in den Lieferketten führen.

Redaktion: Dirk Ruppik.

Während in Europa bereits viele Länder Covid-Restriktionen abgebaut haben bzw. abbauen, breiten sich in China die relativ milden Omikron-Varianten BA.1 und BA.2 rasant aus. Seit Mitte März sind rund 37 Millionen Menschen im Lockdown. Mit Stand Ende März wurden rund 150 Tausend Omikron-Fälle in 21 Provinzen und Stadtgemeinden sowie Großstädten wie Peking, Shanghai und Shenzhen entdeckt. Allerdings sind so gut wie keine Sterbefälle zu beklagen. Die chinesische Regierung fährt eine sogenannte Null-Covid-Strategie und bekämpft jeden Ausbruch massiv mit harten Gegenmaßnahmen wie gezielten Lockdowns und Test-Kampagnen.

Laut Reuters sind bisher die meisten Fälle (rund 70 Prozent) in der Nähe der nordkoreanischen/ russischen Grenze in Jilin aufgetreten (1). In Jilin, Changchun, Shenzhen und Dongguan dürfen Anwohner ihre Wohnung nicht verlassen. Ausnahmen sind systemrelevante Mitarbeiter und Notfall-Personal. Nur eine Person pro Haushalt darf alle zwei bis drei Tage Einkäufe tätigen (Anm. d. Red., In Shenzhen und Dongguan wurden die Maßnahmen mittlerweile wieder aufgehoben). In Langfang in der Nähe von Peking dürfen Anwohner ihre Wohnungen nur in Notfällen verlassen. Trotz der relativ milden Omikron-Varianten gibt es im Land der Mitte bisher keine Anzeichen, dass die Regierung von der Null-Covid Strategie abweichen will.

Kopfschmerzen wegen Lockdowns in Schanghai
Ende März wurde Shanghai mit 26 Millionen Einwohnern wegen der steigenden Infektionen in einen Lockdown versetzt, der zunächst neun Tage andauern soll. Er erfolgt in zwei Phasen, um die Wirtschaft weitestgehend zu schonen. Zunächst wird ein Teil der Millionenmetropole in Lockdown versetzt, dann der andere. In der Vergangenheit war China als Motor der Weltwirtschaft wegen Covid mehrfach ins Stottern geraten, was zu Störung der globalen Lieferketten führte. Jetzt befürchtet Deutschland weitere Material- und Lieferengpässe. Nicht zuletzt sind in Schanghai und Umgebung 70 Prozent der in China tätigen deutschen Unternehmen angesiedelt. U. a. musste beispielsweise die deutsche Post ihr Luftfrachtdrehkreuz am internationalen Flughafen Schanghai schließen.

Laut des Außenwirtschaftschefs des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) Volker Treier „ist die Stimmung unter den deutschen Unternehmern vor dem Hintergrund des neuerlichen Lockdowns und von ohnehin gedämpften Wachstumserwartungen merklich eingetrübt”. In den wichtigen Wirtschaftsregionen Shenzhen oder Dongguan ist bereits die Fertigung mancher Betriebe gedrosselt worden. Zudem wurden Häfen geschlossen. Der wichtige Hafen Schanghai ist bisher noch operationsfähig. Es kommt allerdings zu größeren Einschränkungen, da Arbeitskräfte aufgrund der Corona-Maßnahmen dort nicht arbeiten können. Zudem wurden Lagerhäuser geschlossen. Viele Prozesse laufen im Hafen Schanghai automatisiert ab, trotzdem kam es bereits am ersten Tag der Schließung aufgrund von verzögerter Bearbeitung zu Rückstaus von Containern und Schiffen. Der Lkw-Verkehr in und aus Schanghai ist laut Maersk deutlich reduziert.

Der Präsident des Unternehmensverbands Hafen Hamburg geht davon aus, dass zeitverzögert in zirka sechs bis acht Wochen auch in Hamburg weniger Schiffe bzw. Container mit Gütern ankommen werden. Die Fahrpläne vieler Schiffe werden durcheinandergeraten und viele Lager in den Häfen sind bereits voll, da die Waren nicht rechtzeitig verschifft werden können. Durch den Lockdown wird nun die Produktion in vielen Unternehmen im Raum Schanghai gedrosselt oder sogar ganz stillgelegt, was zu weiteren Lieferengpässen in Deutschland führen wird. Zudem können Lkw-Fahrer nicht zur Arbeit erscheinen. Da Österreich 33,1 Prozent (2021) seiner Waren aus Deutschland bezieht, werden Lieferverzögerungen und -ausfälle in Deutschland auch dem Nachbarn Schwierigkeiten bereiten.

Kritik an chinesischer Null-Covid-Strategie.
Sollte der Lockdown länger andauern oder sollten immer wieder Lockdowns im Laufe des Jahres verhängt werden, dann wird wohl die Wirtschaft des Landes und damit die Weltwirtschaft empfindlich beeinträchtigt werden. Die Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung ist angesichts der sehr ansteckenden und daher kaum eindämmbaren Omikron-Varianten in starke Kritik geraten.

Der Internationale Währungsfond (IWF) hatte das Land bereits im Januar zur Abkehr von seiner Null-Covid-Maxime aufgerufen. Sollte die Regierung daran festhalten, dann ist wie bereits erwähnt mit größeren Auswirkungen für die Weltwirtschaft zu rechnen. Mittlerweile regt sich auch der Unmut in der Bevölkerung, besonders in Schanghai, wo die Lockdowns schlecht kommuniziert wurden. Nun sagt selbst der führende Virologe Schanghais Zhang Wenhong, dass China langfristig lernen muss, mit dem Virus zu leben (2).

Russland-Ukraine-Krieg schädigt Neue Seidenstraße.
Einerseits werden wegen Corona innerchinesische Verkehrsverbindungen behindert und anderseits führt der Krieg in der Ukraine zu einer starken Verminderung des Gütertransports auf den Zugverbindungen zwischen dem Land der Mitte und Europa. Russland dient hier als Transitland für entsprechende Zugverbindungen. Auch für Frachtflüge müssen Flugrouten geändert werden und neue Überflugrechte ausgehandelt werden. Zudem kommt der beständig steigende Kerosin- und Benzinpreis, der die Frachtraten weiter nach oben treibt.

Laut Germany Trade and Invest (Gtai) meiden viele Unternehmen und Frachtführer aus Angst vor Störungen und Sanktionsverstößen die eiserne Seidenstraße (3). Während der Corona-Pandemie wurden die China-Europa-Zugverbindungen extrem populär. In 2020 und 2021 waren sie nahezu komplett ausgelastet. Die Züge fahren bisher noch, doch die Kunden springen vermehrt ab. Der Logistiker Maersk hat bereits Anfang März seine Versendungen über die eiserne Seidenstraße gestoppt. Auch chinesische Verlader verzichten aus Furcht vor Beschlagnahmung zunehmend auf die Versendung von Waren via Russland.

Generell stellt der Warenverkehr via dem Schienenweg gemäß chinesischer Staatsbahn nur ein Nischenangebot dar. Nur ein Prozent der chinesischen internationalen Warentransporte wird so transportiert. Die beförderten Container können leicht auf die Verschiffung via dem Hafen Schanghai ausweichen. Sollten allerdings wegen Corona wieder Häfen geschlossen werden – wie bereits im Sommer 2021– dann wären die Rückstaus der Warencontainer und Lieferstörungen wieder weltweit zu spüren. Bisher sind die Frachtraten auf der Schanghai-Rotterdam-Route sogar leicht um vier Prozent für 40-Fuß-Container gesunken. Allerdings liegt die Frachtrate im Vergleich zu vor der Pandemie noch immer sechs mal höher. Die UN-Organisation UNCTAD erwartet aufgrund des Ukraine-Krieges stark steigende Seefrachtraten, die auch in europäischen Geldbeuteln merklich zu spüren wären (4). (RED)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 2/2022